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In den Napf geschaut

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Irina Schönleber ernährt sich seit zweieinhalb Jahren vegan und hat dadurch auch über viele andere Lebensbereiche nachgedacht. Zum Beispiel darüber, was ihr Hund zu fressen bekommt. Die 36-Jährige, die im Neckar-Odenwald-Kreis lebt, hat sich belesen und kam zu dem Schluss: Vegan funktioniert auch für Vierbeiner. Seit zwei Jahren bekommt die Golden-Retriever-Hündin Lace nun kein Fleisch mehr, und Irina Schönleber ist überzeugt, dass es der zwölfjährigen Hundedame an nichts fehlt: "Wir haben bei der Tierärztin ein Blutbild machen lassen, das das bestätigt."

Hanfprotein

Die Modedesignerin gehört zu jenen Hundebesitzern, die das industriell hergestellte Trockenfutter mit Argwohn betrachten: "Viele Hunde werden davon krank." Zudem will Schönleber ihrem Tier Abwechslung im Napf bieten. Die Grundlage bildet zwar ebenfalls Trockenfutter, aber dazu mischt die Hundebesitzerin "Sachen, die wir auch essen": von Gemüse bis Reis, dazu Hanfproteinpulver als zusätzliche Eiweißquelle.

Das Veggie-Trockenfutter auf Basis von Kartoffelflocken und Erbsenstärke kostet für einen 30 Kilogramm schweren Hund rund einen Euro pro Tag. Das Fazit von Irina Schönleber seit der Umstellung: Ihre Hündin verliert deutlich weniger Haare als früher und riecht nicht unangenehm.

Tierernährung ist längst ein Riesenthema bei Haltern, davon zeugen zig Diskussionsforen im Internet. Ratgeberverlage haben Dutzende Bücher auf den Markt gebracht. Es gibt Fortbildungen für Tierärzte. Die Universität München hat einen eigenen Lehrstuhl, der eine Sprechstunde anbietet. Die Nachfrage ist so groß, dass derzeit gar keine neuen Patienten angenommen werden. Als sich die Münchner Tierärztin Julia Fritz vor gut zehn Jahren auf Ernährung spezialisiert hat, habe es noch fast gar nichts in dem Bereich gegeben.

Dass sich Tierhalter verstärkt mit dem Futter ihrer Lieblinge beschäftigen, sieht Julia Fritz auch als Modeerscheinung, ähnlich den zahlreichen Trends für Ernährung bei Menschen. Bio boomt für Tiere, weil Halter auf artgerechte Haltung der Nutztiere, die zu Futter verarbeitet werden, Wert legen. Angesagt ist auch Low Carb, glutenfrei oder Paleo-Steinzeit-Diät. Im Moment haben sich viele Hundebesitzer auf Getreide eingeschossen: "Das mag ein billiger Füllstoff sein, Getreide ist aber durchaus in Ordnung", hält Fritz dagegen. Der wichtigste Trend jedoch ist das Barfen  – bei Hunden und Katzen. Der Anteil gebarfter Hunde wird auf fünf Prozent geschätzt.

Das 2009 erschienene "Schwarzbuch Tierfutter, Katzen würden Mäuse kaufen" beförderte die Nachfrage nach natürlicher Tierernährung – und verteufelte zugleich industriell gefertigtes Futter. "Dass alles ganz schlimm ist, das wollen viele auch hören", kritisiert Julia Fritz. Für die Expertin gibt es jedoch nicht "die eine beste Ernährung", jeder Tierhalter müsse schauen, was in seinen Alltag passt. Konventionelles Trockenfutter sei genauso in Ordnung wie vegane Kost, wenn man selbst auf tierische Nahrung verzichtet. Vegan ist weder Tierquälerei, noch ist es unnatürlich, Hunden Fleisch zu verwehren. Doch nur bei ausgewachsenen Tieren kann die Tierärztin dem Fleischverzicht zustimmen und rät bei Welpen zu Vorsicht. Auch bei Katzen sei veganes Futter "definitiv abzulehnen".

Übergewicht vermeiden

Dass viele Tierhalter ohne sich genau zu informieren von Industriefutter auf barfen umsteigen, sieht Fritz kritisch, obwohl sie selbst einen Ratgeber geschrieben hat: Hunde barfen – Alles über Rohfütterung. Bei dieser Methode könne man viele Fehler machen: "In meine Praxis kommen Halter mit Tieren, bei denen die Schwierigkeiten nach der Umstellung auf Rohfutter erst angefangen haben." Hygienemängel im Umgang mit dem durch den Wolf gedrehten Fleisch stehen an erster Stelle.

"Barf-Befürworter bagatellisieren oft Probleme mit Salmonellen." Fehler in der Ernährung seien nicht gleich sichtbar, manches zeige sich erst später. Wichtiger, als Trends zu befolgen, ist für Fritz darauf zu achten, dass Tiere kein Übergewicht haben. Nicht teure Ernährung sei entscheidend, sondern ausreichend Bewegung. "Ein Hund hat mehr davon, einmal öfter Gassi zu gehen."

Rohfleischfütterung

Es gibt zwei Möglichkeiten, die Buchstaben von "Barf" zu übersetzen: Bei "biologisch artgerechte Rohfütterung" wird gleich die Überzeugung mitgeliefert. In der englischen Version, Bone and Raw Food (Knochen- und Rohfleischfütterung), wird der Inhalt vermittelt. Wird ein Hund gebarft, erhält er zudem Gemüse, Obst, Kräuter und vielfach ergänzende Mineralstoffe. Inzwischen gibt es eine Menge an Ratgeberliteratur für das Barfen von Hunden und Katzen, ebenso über vegane, vegetarische oder ayurvedisches Futter. Auch Ernährungsberatung für Tiere steht hoch im Kurs.

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