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Ökologisch ist in Ordnung

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Beim Thema Bio scheiden sich die Geister: Sind jenes Gemüse und Obst gesünder und weniger mit Schadstoffen belastet? Eine der Stimme vorliegende große Pestizidbelastungs-Untersuchung im Auftrag der Grünen im Bundestag kommt zum Ergebnis, dass Bio-Lebensmittel im Gegensatz zu konventionell erzeugten nahezu pestizidfrei sind. Auf der Grundlage des Berichts will der Bundestag heute über einen Antrag der Grünen debattieren, ein Pestizidreduktionsprogramm in der Landwirtschaft auf den Weg zu bringen.

Für die Untersuchung wurden Daten zur Lebensmittelüberwachung in Deutschland aus allen 16 Bundesländern der Jahre 2011 bis 2013 ausgewertet. Ein Vergleich von 37 ökologisch und konventionell erzeugten Lebensmitteln zeigt, dass in Einzelfällen bei konventionell erzeugten Waren, darunter Äpfel, Bananen, Erdbeeren, Paprika, Kopfsalat oder Rucola, die Pestizidbelastung bis zu 3000 mal höher ist. Im Schnitt war konventionelles Obst 350 mal und Gemüse 30 mal stärker belastet.

Forderung

Für Harald Ebner, Pestizid-Experte der Grünen-Bundestagsfraktion und Abgeordneter aus dem Wahlkreis Schwäbisch Hall/Hohenlohe, ist klar: "Der Pestizidverbrauch steigt und steigt immer weiter, genauso die Rückstände in unseren Lebensmitteln. Die Hersteller feiern von Jahr zu Jahr neue Rekordumsätze." Er fordert Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) auf, "endlich ein Pestizidreduktionsprogramm auf den Weg zu bringen". Wenn Pestizidrückstände in Bio-Lebensmitteln gefunden würden – auch das ein Ergebnis der Untersuchung –, stammen sie fast immer aus der konventionellen Landwirtschaft. "Die Biolandwirtschaft muss besser vor solchen Verunreinigungen geschützt werden, zum Beispiel durch schärfere Regeln für Pestizide", so Ebner.

Tatsächlich ist das Geschäft mit Pflanzenschutzmitteln profitabel. Über 100 000 Tonnen werden jährlich in Deutschland verkauft. Ihr Einsatz hat sich seit 1995 um 50 Prozent erhöht, wie die Grünen vorrechnen. Doch wie gefährlich ist das wirklich? Verbraucher in Deutschland nehmen mit der Nahrung nur sehr geringe Mengen an Pflanzenschutzmittelrückständen auf. Allerdings sind diese nur ein Teil der Belastung, denen der Mensch täglich ausgesetzt ist. So werden zwar die Grenzwerte für einzelne Pestizide eingehalten, aber die Anzahl der nachgewiesenen Rückstände steige, so Experten.

Phosphathaltige Dünger enthalten teilweise hohe Uran- und Cadmiumgehalte. Manche Futtermittel sind mit Dioxinen und Schwermetallen belastet und mehr als 300 Pestizidwirkstoffe werden regelmäßig in Lebensmitteln nachgewiesen, erläutert der Autor der Untersuchung, Lars Neumeister, ein unabhängiger Pestizidexperte. So finden sich Spuren von Mykotoxinen und Tierarzneimitteln in Lebensmitteln wieder, wie es in der Studie heißt und auch Verbraucherschützer in Deutschland seit Jahren bemängeln.

Vor allem Mehrfachbelastungen mit unterschiedlichen Pestiziden könnten zur Gefahr werden. "Die Wirkung solcher Pestizidcocktails wird bei Zulassung und Risikobewertung völlig unzureichend berücksichtigt", sagt Ebner. "Dazu muss die Bundesregierung endlich ein Humanbiomonitoring starten, das prüft, auf welchen Wegen und in welchen Mengen die Pestizide in unsere Körper gelangen."

Grenzwert

Über die Gefahr, die von belasteten Lebensmitteln ausgeht, streiten die Fachleute. Bei rund vier Prozent der europaweit zugelassenen Pestizide geht man davon aus, dass sie krebserregend sind. Sie stehen im Verdacht, Nerven zu schädigen oder das Hormonsystem und die Fortpflanzungsfähigkeit zu beeinflussen, berichtet die Verbraucherzentrale Niedersachsen. Dennoch: Mehr als 97 Prozent der von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Jahr 2013 bewerteten 81 000 Proben aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten enthalten Pestizidrückstandsmengen, die unter den Grenzwerten liegen – knapp 55 Prozent der Proben waren nachweisbar frei von Chemikalienspuren. In der Regel gilt als Rückstandshöchstgehalt ein allgemeiner Wert von 0,01 mg/kg.

Im Rahmen der Lebensmittelüberwachung in Deutschland überprüfen die Behörden in den Ländern, ob Lebens- und Futtermittel die zulässigen Rückstandshöchstgehalte für Pflanzenschutzmittelwirkstoffe einhalten, erläutert das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Nach der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln sind Rückstände in den Kulturen häufig unvermeidbar. "Ein dichtes Regelwerk sorgt aber dafür, dass diese Rückstände kein Risiko für Verbraucher darstellen", beruhigt man beim BVL.
 

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