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Warnung vor Selbstversuch

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Die kleinen bunten Tütchen mit den gefährlichen Rauschinhalten, deklariert als Kräutermischungen oder Badesalze, sorgen in der Region nach wie vor für Alarmstimmung. "Dass Patienten nach dem Konsum bei uns auf der Intensivstation überwacht werden müssen, kommt inzwischen häufiger vor als noch vor drei Jahren. Geschätzt haben wir ein bis zwei solcher Patienten pro Monat, die mit Symptomen wie Schwindel, Übelkeit, Desorientierung oder Bewusstlosigkeit versorgt werden müssen."

Dies erläuterte Dr. Wolfram Randuz, Oberarzt der Intensivstation im SLK-Klinikum Gesundbrunnen, auf Anfrage. Dr. Jochen Graf, Oberarzt der Inneren Medizin, verweist auf die unbekannte Zusammensetzung der sogenannten Legal Highs: "Die genaue Wirkungsweise ist nicht vorhersagbar."

Die Desginerkräuter, oft in asiatischen Laboren hergestellt und mit Chemikalien bedampft, sind auch bei der Polizei ein großes Thema. Die Aufmachung mit bunten Tütchen und exotischen Namen "spricht die Jugendlichen an und wirkt oft verführerisch", weiß Harald Pfeifer, stellvertretender Referatsleiter Prävention im Polizeipräsidium Heilbronn. Doch wie gefährlich es ist, "steht nicht drauf".

Im Wahn

Mindestens drei Tote gab es bereits in diesem Jahr in Deutschland. Der Heilbronner Caritas-Streetworkerin Irene Mutscheller berichten Jugendliche oft von extremen Nebenwirkungen nach dem Rauchen der legalen Rauschmittel. Dazu zählen Orientierungslosigkeit, Gedächtnisstörungen, Krampfanfälle, in manchen Fällen sogar Bewusstlosigkeit und Herzstillstand. Viele Jugendliche konsumieren es aus Neugier, weiß Mutscheller. Die Legalität suggeriere Harmlosigkeit, über das Internet ist die Ware schnell bestellt. Als "Russisches Roulette mit dem eigenen Körper" bezeichnet die Streetworkerin den Konsum. Für Harald Pfeifer ist es "ein medizinischer Selbstversuch".

Auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Weissenhof-Klinikums in Weinsberg verzeichnet man einen Anstieg an Legal-High-Konsumenten; meist werden Kräutermischungen zusätzlich zu illegalen Drogen konsumiert. Oberärztin Eva Kreuchauf beobachtet dann eine Häufung beginnender Wahrnehmungsstörungen und psychosenaher Wahnwahrnehmungen. "Bei den Kräuterkonsumenten muss es reinballern, sie sind wirkungsorientierter", sagt sie. Manche Patienten lassen nach schlechten Erfahrungen die Finger von den bunten Tüten. Im Suchtpotenzial stehen Legal Highs anderen Drogen in nichts nach. Ihre 14- bis 20-jährigen Patienten beschreiben die Entzugserscheinungen oft als unangenehmer als bei Cannabis, berichtet Kreuchauf.

Wunsch nach Verbot

Doch warum sind diese Stoffe immer noch legal? Sie müssen in Deutschland in die Anlage des Betäubungsmittelgesetzes aufgenommen werden, um sie zu verbieten. Doch die Hersteller verändern die Stoffe immer wieder leicht, sodass der Gesetzgeber nicht so schnell verbieten kann, wie neue Substanzen auf den Markt kommen. Ein Verbot von Stoffgruppen, wie in Österreich oder der Schweiz, würde dies ändern. Dies wäre ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Legal Highs – darin sind sich Pfeifer, Mutscheller und andere Experten einig.
 

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