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Asphalt statt Matratze

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Der Asphalt der Fußgängerzone ist kalt. Wie schön wäre jetzt ein Paar warme Socken. Immerhin hat er Macksi als Wärmflasche, seine braune Mischlingshündin. Heute Nacht schlafen die beiden zwischen den Mülltonnen im Lindenweg, da stören sie wenigstens niemanden. Das Abbruchhaus, in dem er und Macksi bisher den Winter verbracht haben, wurde in der Zwischenzeit abgerissen. Und im Park, da stressen nachts die Bullen. "Er“, das ist Tristan. Tristan steht stellvertretend für rund 2000 Straßenkinder in Deutschland – wobei die Dunkelziffer sicherlich höher ausfällt, eine genaue Zahl gibt es nicht. Was die Kinder und Jugendlichen gemeinsam haben: Sie leben ohne Dach über dem Kopf. Auf den ersten Blick ist Tristan ein ganz normaler Jugendlicher.

Die Hose ist sauber, die Haare gekämmt. Seit er 14 Jahre alt ist, macht er das jetzt so: Den Tag über S-Bahn fahren, Freunde treffen und abends nicht nach Hause gehen. Nach Hause möchte er einfach nicht, es wäre nicht das erste Mal, dass seinem Vater die Hand ausrutscht. Seit seine Mutter in der Chemotherapie ist, passiert das öfters. Dass die Hand ausrutscht. Für die großen Kinder hat sein Vater sowieso keine Zeit mehr. Viel zu beschäftigt ist er mit dem Job und Tristans kleinem Bruder. Überhaupt ist die Stimmung zu Hause immer viel zu aufgeladen, da bleibt er nachts lieber draußen.

Nah

Straßenkinder, wie Tristan eines ist, die gibt es nicht nur in Rumänien oder Kasachstan: Sie sind nah, auch wenn es schwerfällt, sich das einzugestehen. In Deutschland, wo sich allerlei Ämter um allerlei Angelegenheiten kümmern und allerlei Lösungen finden. Grundsätzlich, das ist richtig, gilt hierzulande das Sozialprinzip: Niemand, der in Deutschland lebt, muss Not leiden. Hunger und Armut sollen mit Maßnahmen wie Hartz IV und Arbeitslosengeldern in Schach gehalten werden; für Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen gibt es Wohnheime mit Betreuung durch das Jugendamt. Was aber, wenn ein Familienmitglied krank wird und so das Konstrukt Familie ins Wanken gerät? Wenn sich alles nur noch um die Krankheit dreht und darum, wie der Rest der Familie sich über Wasser halten kann? Dann passiert es schnell, dass man plötzlich alleine dasteht, wie Tristan. Sein kleiner Bruder schläft meistens bei der Oma, sein größerer Bruder hat sich zum Studieren aufgemacht – und er? Hat nur Macksi. Das letzte Wohnheim hat ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen, und überhaupt hat er auf "die ganze Heimscheiße“ keinen Bock mehr, die vom Jugendamt können ihm gestohlen bleiben.

Genau dann kommen Sozialarbeiter wie Oliver Schwarz ins Spiel. Er arbeitet seit fast zehn Jahren für den "Schlupfwinkel“ Stuttgart, eine Art Wohnzimmer für Jugendliche zwischen zwölf und 21 Jahren, die ohne festen Wohnsitz leben. Als "Brückenschlager“, wie er es nennt, steht er mit Rat und Tat zur Seite, berät im "Ämterdschungel“, wenn mal wieder das Jugendamt anklopft oder die Bank Stress macht. "Irgendwo zwischen Elternteil und Kumpel“ bewegt sich seine Beziehung zu den Kids.

Dahinter steht letztendlich aber eine professionelle Arbeitsbeziehung, sprich fachliche Beratung. Ängste abbauen, über Erfahrungen sprechen und langsam aber sicher Vertrauen aufbauen – das sind zunächst die Ziele seiner Arbeit. Hier kann jeder sein, wer er sein möchte. Lediglich das Alter wollen die Sozialarbeiter im Schlupfwinkel wissen. Woher du kommst? Nebensache. Der Name? "Wer Mickey Mouse genannt werden möchte, den nennen wir auch Mickey Mouse“, erzählt Oliver Schwarz. Denn am wichtigsten für die Kinder ist, eine Anlaufstelle zu haben, einen Schutzraum, einen Rückzugsort.

Hier können sie reden, essen, Zähne putzen oder Wäsche waschen. Auch die Post wird hierher geliefert, wohin auch sonst, wenn es keine feste Adresse gibt? Damit es trotzdem ordentlich bleibt im Büro und sich kein Berg an Zetteln anhäuft, bekommt jeder Hilfsbedürftige einen eigenen Ordner, in dem er seine Unterlagen fein säuberlich mit Registern versehen abheften kann. "Die meisten sind ganz stolz auf ihren Ordner, sind ganz bemüht darum, dass auch ja alles übersichtlich bleibt“, erzählt der Sozialarbeiter.

Selbstwertgefühl

Vielleicht deshalb, weil genau das in ihrem Leben fehlt: Übersicht und Ordnung. Oft ist das Selbstwertgefühl der Teens bei ihrem ersten Besuch im Schlupfwinkel im Keller. "Wenn man immer nur hört, dass man nix kann, glaubt man das irgendwann selbst“, stellt der Betreuer fest. Hier knüpfen die Sozialarbeiter an und legen den Schwerpunkt auf Talente, wie Singen zum Beispiel. Mut machen und so Selbstbewusstsein schaffen – eine Angelegenheit, die beiderseits viel Durchhaltevermögen fordert. Eines sollte man sich vor Augen halten: Mit 14 Jahren allein auf der Straße überleben zu können, zeugt ganz sicher von Talent. Was die Wohnungslosigkeit
in jungen Jahren so tückisch macht, hat einen einfachen Grund: Die Zeit des Erwachsenwerdens prägt uns.

Die Menschen, mit denen wir uns umgeben, der Alltag – der Grundstein für die kommenden Jahre unseres Lebens wird in den Jahren der Pubertät gelegt. Ein strukturierter Alltag erleichtert den Einstieg ins Berufsleben. Fehlt die Grundlage "Wohnen“, dann fehlt auch die Struktur: Die permanente Frage nach Unterschlupf und Geld lässt keinen Raum für Rhythmus. Diese Instabilität des eigenen Lebens bringt instabile Persönlichkeiten hervor, die zum Beispiel der Tod des eigenen Hundes, des einzig treuen Begleiters, vollkommen aus der Bahn wirft. Was dann folgt, ist ein wiederkehrendes "den Kopf-Ausschalten-Wollen“ (Schwarz). Was kommt da gelegener als Alkohol und Drogen.

Diese "Wellenberge hoch und auch wieder runter“ geht Oliver Schwarz mit den Kids mit. Teilt die Tiefs und Hochs, tut, was in seiner Macht steht – aber nie gegen den Willen der Betreuten, getreu dem Grundsatz: "Nein heißt nein.“ Wehrt sich ein Betroffener gegen eine Therapie, um die Sucht in den Griff zu bekommen, dann ist das in Ordnung. Lässt er sich doch auf eine Therapie ein, dann schafft das Team vom Schlupfwinkel die nötigen Rahmenbedingungen. Stellt Kontakt zur Einrichtung her, sorgt für eine Grundausstattung an Sportkleidung, einen Pyjama und Hygieneprodukte, damit die Wohnungs- und Besitzlosen nicht als solche auffallen. "Dann gehen wir erst mal fett shoppen, was beiden Seiten gut tut“, erzählt Oliver Schwarz. Das Geld dafür stellt der Schlupfwinkel bereit. Auch während der Therapie steht der Sozialarbeiter zur Seite. Bergauf Besonders erfreulich ist, wenn es nach abgeschlossener Therapie weiter bergauf geht.

Lichtblick

Wenn ein Bewerbungsgespräch für einen Ausbildungsplatz ansteht beispielsweise. Auch darauf bereiten sich die jungen Menschen mit Oliver gemeinsam vor, üben, wie so ein Gespräch abläuft. Klappt es dann mit dem Ausbildungsplatz, ist noch einmal "fett shoppen“ angesagt: Zur Ausbildung als Koch müssen die Auszubildenden eine Sammlung von Messern parat zu haben – die kann unter Umständen teuer ausfallen. Wieder kommt der Schlupfwinkel zum Zug: Stellt Geld zur Verfügung, sodass die Ausbildung gut gerüstet beginnen kann. Einige von Schwarz’ Schützlingen, die mit 14 Jahren das erste Mal kamen, besuchen die Einrichtung heute noch. Entweder, um sich nach wie vor aufzuwärmen und eine warme Mahlzeit einzunehmen, oder aber, um den Schlupfwinkel mit Spenden zu unterstützen.

Denn einige, die er betreut hat, haben es geschafft. Weg von der Straße, ins Eigenheim. Ein Lichtblick, auch wenn die Zahl der wohnungslosen Kinder laut Oliver Schwarz’ Prognose weiter steigt. Was wir als Gesellschaft dagegen tun können? Die Augen offen halten nach Mädchen und Jungen wie Tristan, die unsichtbar scheinen und doch da sind. Und es nicht verdient haben, dass wir ihnen den Rücken zukehren.

 

 

 

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