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Detektivischer Spürsinn gefragt

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Bei diesen Bildern konnten einem beinahe die Knie weich werden: Eben noch bat uns der Zahnarzt unseres Vertrauens, den Mund zu öffnen, schon drehte sich alles – und uns wurde schwarz vor Augen. Auf der Pritsche eines Notarztes erwachten wir wieder. Das war zwar nur eine Powerpoint-Präsentation, aber trotzdem Realität. Es trug sich wirklich so zu, berichtete Professor Dr. Harald Löffler: ein gefährlich schwerer allergischer Schock. Mit solchen Fällen hat er manchmal zu tun, der Direktor der Klinik für Dermatologie und Allergologie am SLK-Klinikum Gesundbrunnen Heilbronn. 

"Allergie? - (k)ein Problem"

Anschaulich, unterhaltsam, mit teils drastischen Fotos und mit einer Prise antiallergischen Humors sprach er bei der 35. Abendvorlesung in der Veranstaltungsreihe "Medizin hautnah“ über das Thema "Allergie? – (k)ein Problem“ und beantwortete Fragen der stellvertretenden Chefredakteurin der Heilbronner Stimme, Iris Baars-Werner. Allergien sind weit verbreitet. Schätzungen zufolge leiden 25 Millionen Deutsche an einer Allergie. Verständlich, dass die gemeinsame Veranstaltung von Heilbronner Stimme , SLK-Kliniken und Kreissparkasse Heilbronn bestens besucht war. Unter der Glaspyramide war kein freier Platz mehr zu haben. "Allergien sind eine spannende Sache“, fand Löffler und machte die Zuhörer in einem Crashkurs Marke "Der kleine Allergologe“ mal eben zu Fachleuten – jedenfalls ein bisschen. 

Auslöser

Die rund 440 Gäste wussten am Ende, dass bei Allergien ein eigentlich harmloser Stoff der Auslöser und immer das Immunsystem beteiligt ist. Eine heftige Abwehrreaktion auf Arbeit oder die Schwiegermutter zählen nicht dazu, stellte Löffler unter dem Gelächter des Auditoriums fest. Auch die Sache mit der Sensibilisierung war schnell erklärt. Es gibt Menschen, bei denen sich zwar Antikörper per Test nachweisen lassen, bei denen aber keine allergischen Reaktionen auftreten.

Erst die entsprechende allergische Reaktion macht dann aus einer Sensibilisierung eine Allergie. Es ist wie beim Autofahren, verglich Löffler: "Wenn Sie einen normal funktionierenden Körper haben, befindet sich der Wagen im Leerlauf.“ Wer eine Sensibilisierung hat, steht bei eingelegtem Gang auf der Kupplung – das Auto reagiert nicht, fährt nicht los. Die eigentliche Allergie, so der bildhafte Vergleich, kommt erst bei dem, der einkuppelt. Fast so leicht wie Autofahren fällt dem Spezialisten meist die Diagnose. Bei den verbreitetsten Allergien durch Pollen, Insektengift, Hausstaub, Nahrungsmittel und Tierfell. Oder bei Reaktionen auf Nickel, Duft- und Konservierungsstoffe.

Detektivischer Spürsinn 

Aber es gibt auch knifflige Fälle, und einige davon stellte Löffler vor. Schnell wurde klar, dass die so spannend sind, dass selbst Sherlock Holmes daran zu knabbern hätte. Manchmal ist eben detektivischer Spürsinn gefragt, um Allergien auf die Schliche zu kommen. Wie Meisterdetektiv Holmes macht sich der Chefarzt immer wieder an die Ermittlungsarbeit. So auch im Fall jenes 49-Jährigen , dem beim Zahnarzt die Mundschleimhäute anschwollen, was zu dramatischer Luftnot und Bewusstlosigkeit führte – die eingangs beschriebene Szene. Die Fahnder tappten im Dunklen. Bei Tests deutete nichts auf die Ursache hin. Bei dem Mann waren keine Allergien bekannt, es gab keine Vorerkrankungen. War es das Betäubungsmittel?

Das Latex der Arzthandschuhe? Überall Fehlanzeige. Erst hartnäckiges Nachforschen mit weiteren Tests brachte es an den Tag: Der Mann reagierte auf ein Epoxidharz, sensibilisiert worden war er Jahre zuvor bei einem Aushilfsjob in einer Reparaturwerkstatt. Der Gang war eingelegt, erst beim Zahnarzt kam die Allergie in Fahrt. Löfflers innerer Sherlock war also nur zum Scherzen aufgelegt, als er augenzwinkernd kombinierte: "Zahnärzte sind gefährliche Menschen und müssen grundsätzlich gemieden werden.“

Henna-Tattoo

Der Fall einer asiatisch wirkenden Frau führte bei der Abendvorlesung vor Augen, dass der Körper eine Allergie auch lernen kann – und sie nie mehr vergisst. Die Frau hatte einen völlig normalen Tag erlebt, war beim Friseur, besuchte abends eine Veranstaltung und bekam plötzlich ein dramatisch zugeschwollenes Gesicht. Auch hier mussten die Allergiefahnder tief in die Trickkiste greifen, bis sie auf die richtige Spur stießen: Ein Henna-Tattoo, im Urlaub aufgetragen, war schuld. Wobei Harald Löffler nicht vor "richtigen“ Henna-Tattoos warnte, die braun aussehen, sondern vor sogenannten Henna-Tattoos mit schwarzem Farbstoff. Dieses enthalte Paraphenylendiamin, das schwere allergische Reaktionen auslösen können. "Solche Tattoos haben nichts auf der Haut verloren. Bitte sagen Sie das Ihren Kindern und Enkeln.“ 

Die junge Frau war also durch ein Tattoo sensibilisiert. Der Auslöser war dann der Friseurbesuch, bei dem sie sich die Haare dunkel färben ließ. Die Mediziner stellten übrigens schnell fest, dass die vermeintliche Asiatin gar keine war. Nur die Schwellung ihres Gesichts und die dadurch schmalen Augen hatten für diesen ersten Eindruck gesorgt. Sherlock Holmes lernte daraus: "In Heilbronn sind Chinesen selten.“ Gelächter im Publikum. Wie so oft an diesem Abend.

Das Interview mit Chefarzt Harald Löffler gibt es  hier 

 

 

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