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Ins Chaos gezockt

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Spielsucht ist in der Suchtberatung ein Problemfeld, das wächst. In Baden-Württemberg ist die Zahl der Spielsüchtigen, die bei der ambulanten Suchthilfe Rat suchen um fast zwei Prozent auf sechs Prozent gestiegen. Im Hohenlohekreis erhält die Suchtberatung jedes Jahr rund 30 neue Anfragen von suchthaften Spielern. Die Suchtberatung hat deshalb neben einer Zocker-Sprechstunde auch eine Beratungsgruppe speziell für Spieler eingerichtet. Der Sozialpädagoge Norbert Hieronymi leitet sie. 

Im Gespräch über Spielsucht 

Herr Hieronymi, haben Sie selber schon mal gezockt?
Norbert Hieronymi: Im Rahmen einer Fortbildung zur Spielsucht sind wir abends mal in eine Spielhalle gegangen. Ich habe 20 Euro eingespeist und nach einem ersten kleinen Gewinn alles rausgenommen und bin gegangen. Ich kann nicht sagen, dass ich da auf den Geschmack gekommen bin. 
 

Können Sie sich denn vorstellen, was so faszinierend ist, dass manche nicht mehr aufhören können zu zocken?
Hieronymi: Die Mehrzahl der Glücksspieler, die süchtig geworden sind, berichtet von faszinierenden Anfangsgewinnen. Solche Big-Win-Erlebnisse in der ersten Zeit prägen. Da kann das trügerische Gefühl aufkommen: Das lohnt sich! Das ist leicht verdientes Geld! In Spielerkreisen gibt es deshalb ein Sprichwort: Wer am Anfang Glück hat, hat Pech. Und dann ist da auch die Atmosphäre in der Spielhalle: die Lichter, die Töne, die die Maschine macht, die Aufregung, die Jagd nach dem Gewinn. Viele gehen nach Feierabend in Spielhallen, um abzuschalten, Stress loszuwerden und in eine andere Welt abzutauchen. Das kann zur Gewohnheit werden. 
 

Und daraus kann sich so etwas wie ein Teufelskreis entwickeln…
Hieronymi: Das ist die Gefahr. Nicht jeder, der mal um Geld spielt, wird süchtig. Aber jeder kann süchtig werden. Zumal es nicht beim Gewinnen bleibt. Wir arbeiten in der Beratung mit dem Drei-Phasen-Modell: Gewinn – Verlust – Verzweiflung. Denn aufs Gewinnen folgt die Verlustphase. Typisch ist dann die Vorstellung: Den Verlust hol’ ich mir zurück. Spieler bauen da ein Trugsystem auf in dem Glauben, mit Ausdauer und Tricks den Automaten auszuspielen. Doch die Maschine ist zufallsprogrammiert. Das heißt: Je regelmäßiger einer spielt, desto sicherer wird er verlieren, Mathematisch gesehen, kann das nicht anders sein. Doch das ignorieren Spieler natürlich. 
 

Ist das Geld weg, wird auf Pump weiter gezockt, landet man in dem, was Sie Verzweiflungsphase nennen?
Hieronymi: Durch die Verluste entstehen erst mal Probleme. Weiteres Spielkapital und Geld fürs Zurückzahlen der Schulden muss beschafft werden. Oft wird der Geldbedarf mit Lügen erklärt. Und jeder neue Geldbesitz birgt die Hoffnung: Wenn jetzt der große Gewinn kommt, bist du alle Sorgen los. Also wird weiter gezockt – auch um negative Gefühle und Probleme zu verdrängen. Wie bei jeder Sucht kommt es zum Kontrollverlust: De Spieler merkt zwar, dass er immer öfter ohne Geld aus der Spielhalle geht und in wenigen Tagen seinen Lohn verspielt hat, aber er geht trotzdem wieder hin. 

Wie lange geht das in der Regel?
Hieronymi: Eine Glückspielkarriere kann sich sehr lange hinziehen. Im Durchschnitt 3,5 Jahre, bis der Betroffene überhaupt erkannt, dass er spielsüchtig ist. Noch länger, bis er Hilfe sucht. Viele Spieler haben dann familiäre, berufliche und soziale Probleme und leiden an Konzentrationsproblemen, Schlafstörungen bis hin zu Schuldgefühlen, Selbstverachtung und Selbstmordgedanken. 
 

Viele würden jetzt sagen: Hör jetzt einfach auf. Warum ist das so schwer?
Hieronymi: Die Hirnforschung belegt, dass es bei Verhaltenssüchten ganz ähnlich wie bei Suchtmitteln im Gehirn zu Dopaminausschüttungen kommt, die Hochgefühle bescheren. Und der Hirnstoffwechsel verschiebt sich mit der Zeit. Süchtige Spieler werden antriebslos für alles außer dem Glückspiel. Versuche, das Spielen zu unterlassen, scheitern. Es kommt zu Rückfällen
 

Wie kommt man da wieder raus?
Hieronymi: Der Anfang ist immer, ehrlich zu werden. Parallel zur Sucht entwickeln viele Süchtige ein System aus Ausreden und Lügen. Es will ja niemand süchtig sein. Deshalb ist ein unterstützender Rahmen sehr wichtig. Suchtgeschichten bringen einen ganzen Rattenschwanz an Problemen mit: Schulden bis zur Privatinsolvenz, Ehe- und Familienkrisen. Das gesamte Lebensumfeld zu ändern, wenn der Job und die Frau weg sind, ist alleine kaum zu schaffen. Da kann die Hilfe einer Suchtklinik im wahrsten Sinne des Wortes not-wendig sein. Wer noch Job, Familie und Freunde hat, die nichts mit der Spielsucht zu tun haben, kann es vielleicht mit ambulanter Beratung schaffen. Für nachhaltigen Erfolg bietet eine Selbsthilfegruppe einen enormen Rückhalt. 
 

Was kann sie bewirken?
Hieronymi: In der Gruppe trifft man auf Menschen, die das Gleiche durchgemacht haben und durchmachen, die sich einfühlen können, mitleiden, mithoffen und ermutigen können. Und sie können Anregungen geben und unterstützen nach dem Gruppenmotto: Nur du allein kannst es schaffen, aber du musst es nicht alleine schaffen.“ Denn das pure "Lass es sein“ ist nur die halbe Miete. Die Frage: Was mache ich stattdessen? ist genauso wichtig. Es braucht Geduld und einen langen Atem, um dem Leben neuen Inhalt zu geben. Das ist eine hohe Disziplinleistung

 

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