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In-Klamotten aus dem Altkleider-Container

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Politisch ist das Verhältnis zwischen Russland und den USA auf einem neuen Gefrierpunkt angelangt. Ausgerechnet jetzt wird der angeranzte Look postsowjetischer Mode im Westen gehypt wie nie zuvor. In Fashion-Blogs im Internet posieren kahlköpfige Jüngelchen mit verwaschenen Adidas-Anzügen, auf denen fett kyrillische Schriftzeichen prangen. Blutarm aussehende Mädels mit leicht fettigen Haaren und ungeschminkten Gesichtern präsentieren Kapuzenpullis mit aufgedruckter Sichel oder Sowjet-Stern. Die Kulisse für den großen Fashion-Auftritt ist oft eine betongraue Hochhaussiedlung – Tristesse sowjetischer Vorstädte. 

Altkleider-Charme

Woher kommt diese schräge Vorliebe für den Ostblock-Style, der inzwischen sogar Luxus-Marken erreicht hat? Ballonseidene Blousons mit dem Charme eines Teils aus dem Altkleider-Container wechseln für Hunderte von Euro den Besitzer. Selbst in der Provinz ist Sowjet-Chic voll angesagt. Schwäbische Hipster tragen Adiletten und dazu ihre Jogginghose in die gerippten Sportsocken gestopft wie ein "Gopnick“ – ein Straßengangster aus dem kleinkriminellen Milieu russischer Vorstädte. Der Gopnick, so die Legende, erfand dieses Versteck aus rein praktischen Gründen: damit ihm die Waffe, die er sich in sein Hosenbein gesteckt hat, nicht runterrutscht – falls er mal wegrennen muss. 

Zusammenhang zwischen Politik und Mode

"Ohne politische Symbole geht in der Mode gar nichts mehr“, meint mancher Mode-Journalist. Das US-Magazin "Forbes“ kürte Politik im vergangenen Jahr gar zum "größten Trend der New York Fashion Week“, und in der "Washington Post“ war vom "politischen Erwachen der Mode“ die Rede. Die westliche Jugend trägt schlecht sitzende Ostblock-Jacken, um damit ihre Unterstützung für Wladimir Putin zu signalisieren?

"Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen der politischen Konfrontation der Systeme und dem Modetrend“, sagt Anna Pelka, Historikerin an der Universität Regensburg. Sie hat zum Verhältnis von Mode und Ideologie geforscht. Schon seit einigen Jahren beobachtet die 42-jährige gebürtige Polin in den früheren Ostblock-Staaten eine wiederentdeckte Liebe für die eigene Kunst und Kultur der 1970er und 80er Jahre: eine Begeisterung für hochwertiges Glas und kunstvolle Keramik aus Polen. Die Faszination für Betonbrutalismus, von der Hipster in ganz Europa seit einigen Jahren befallen sind. Sie lässt sich vor allem im Internet nachvollziehen, wo zahlreiche Architektur-Blogs Gebäuden aus "rohem“ Beton – so die Übersetzung des französischen Worts "brut“ – huldigen.

Für Pelka sind das durchaus politische Statements und zwar gegen die Gleichmacherei in einer globalisierten Welt. In gewissen Kreisen sei Vintage, ein Rückgriff auf Originale vergangener Zeiten, schon lange schick als Möglichkeit "einen eigenen Stil hervorzubringen, statt überall auf dieselben Produkte der großen Modeketten zurückzugreifen. Also eine Art Anti-Globalisierung gepaart mit Umweltschutz.“

Rückgriff auf ältere Traditionen

In ihrer Heimatstadt Katowice, erzählt Pelka, habe der brutalistische Bahnhof über Jahrzehnte als Ausbund der Hässlichkeit gegolten, bis eine Kunsthistorikerin ihn zum perfekten Beispiel für diese Architektur-Richtung in Polen erklärte: "Damit hat ein Umdenken eingesetzt.“ Plötzlich seien alle stolz auf das charakteristische Erbe gewesen. Auch der Kunstmarkt im gesamten früheren Ostblock boome: Selbst Repliken von 40 Jahre alten Design-Produkten erzielten Höchstpreise. Dass auch große westliche Modemarken inzwischen auf den Trend aufgesprungen sind, erklärt sich Anna Pelka ganz einfach so: "Es bringt Geld.“ So wird die westliche Modeindustrie wohl noch häufiger in den Mülleimer der Geschichte greifen. Wie zuletzt der Designer Gosha Rubchinskiy, der die Olympia-Anzüge der Wettkämpfe 1984 herauskramte und für seine Neu-Auflage fleißig mit großen Sportartikel-Herstellern kooperierte.

Ein fettes Logo ist ein Statussymbol

Auch wer noch Fila-Pullis oder Jogginghosen mit drei Streifen aus dieser Zeit bei sich im Keller vermutet, sollte schleunigst danach stöbern. Hauptsache, das Logo ist gut sichtbar aufgedruckt. Auch dieser Marken-Fetisch ist historisch begründbar: Vor dem Zerfall der Sowjetunion gab es in Osteuropa kaum Ware aus dem Westen. Westliche Kleidungsstücke mit gut sichtbaren Logos galten entsprechend als Statussymbol

 

 

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