Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Soziale Schere bleibt offen

Übersicht

"Deutschland muss besser werden.“ Heino von Meyer, der Leiter des Berliner Zentrums der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), redet bei der Vorstellung des jährlichen Bildungsreports seiner Organisation gestern in Berlin nicht lange um den heißen Brei herum. Ja, Deutschland habe beachtliche Fortschritte bei der Reform seines Bildungssystems seit dem "Pisa-Schock“ im Jahr 2000 erzielt, gleichwohl gebe es aber immer noch viele Bereiche, wo unverändert Nachholbedarf bestehe. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur neuen OECD-Studie. 

13 Prozent ohne Abitur oder Berufsabschluss

Geht der Daumen aktuell hoch oder runter für Deutschlands Bildungssystem?

"Es gibt sowohl Licht als auch Schatten“, sagt Heino von Meyer. Ein Pluspunkt ist der seit gut zehn Jahren um 20 Prozentpunkte gestiegene Anteil der Unter-Dreijährigen, die eine Kita oder einen Kindergarten besuchen, wo die Kinder gezielt gefördert werden.

Der Großteil der jungen Erwachsenen hat Abitur oder einen Berufsabschluss. Die vielen Uniabsolventen und jungen Menschen mit höheren Berufsabschlüssen haben exzellente Berufschancen. Das größte Lob gibt es von den Forschern für das deutsche Berufsbildungssystem. Eine abgeschlossene Berufsausbildung stelle eine "hohe Beschäftigungsfähigkeit sicher“ und schütze fast so gut wie ein Studium vor Arbeitslosigkeit.

Was ist das Hauptproblem?

Der hohe Sockel an jungen Leuten mit schlechten Aussichten. So bleiben 13 Prozent ohne Abitur oder Berufsabschluss. Mehr als die Hälfte von ihnen landet erst einmal in der Arbeitslosigkeit. Auffällig sind die schlechteren Chancen junger Zuwanderer – ein knappes Viertel von ihnen ist nicht in Beschäftigung, Bildung oder Ausbildung. Besonders schwer haben es jene, die erst als Jugendliche nach Deutschland gekommen sind, hier ist fast ein Drittel ohne Beschäftigung. Dafür verantwortlich sei der "hohe Zustrom an jungen Flüchtlingen in den vergangenen Jahren“, die sich noch im Integrationsprozess befänden, so die OECD.

Nicht optimal ausgeglichen

Gleicht das Bildungssystem unterschiedliche Startchancen aus?

Nach wie vor nicht optimal. Die OECD zeigt: Kinder mit Müttern mit Spitzenabschlüssen besuchen weit häufiger eine Kita als Kinder ohne einen solchen Bildungsstatus. Deutlich weniger Kinder aus sozial benachteiligten Milieus erreichen elementare Kenntnisse zum Beispiel in Mathe. Allerdings zeigte eine PISA-Auswertung im Februar auch: In kaum einem anderen Land ist der Anteil sozial schwacher Schüler mit soliden Leistungen so deutlich gewachsen wie in Deutschland – von 25,2 im Jahr 2006 auf 32,3 Prozent 2015.

Wie viel gibt Deutschland pro Schüler und Student aus?

Im Schnitt knapp 9.400 Euro pro Jahr – rund 1.400 mehr als im OECD-Schnitt. Gemessen an der Wirtschaftsleistung sind die Bildungs- und Forschungsausgaben mit 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland aber unter dem OECD-Schnitt von fünf Prozent.

Mehr Lehrkräfte

Was kann gegen die soziale Schere bei der Bildung getan werden?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangt eine gezielte Förderung von Schulen in Brennpunktbezirken. "Die Kinder in den hier gelegenen Schulen brauchen mehr Unterstützung und Förderung“, sagt GEW-Chefin Marlis Tepe. "Deshalb müssen dort mehr Lehrkräfte eingestellt werden, so dass die einzelnen Lehrer weniger Pflichtstunden unterrichten müssen.

Es sind oft Kinder, die zuhause keine Bücher vorgelesen und keinen Zugang etwa zu klassischer Musik bekommen.“ Für sie seien auch künstlerische Projekte wichtig, Rollenspiele, Theater- oder Zirkusprojekte. Um zu messen, welche Schulen besondere Förderung brauchen, schlägt Tepe einen Sozialindex vor. Kriterium könnte der Anteil der Eltern sein, die befreit sind von der Finanzierung von Schulbüchern und anderen Lernmitteln.

Was ist generell wichtig für Chancengleichheit und Lernerfolg?

OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher meint: mehr Ganztagsschulen, mehr gemeinsamer Unterricht von schlechter- und bessergestellten Schülern, mehr frühe Bildung in den Kitas. "Lehrer werden oft allein gelassen im Klassenzimmer“, sagt er. Ihre Deputate sollten sinken, sie sollten mehr Zeit haben für fächerübergreifendes Lehren, für die Förderung schwächerer Kinder, für Teamarbeit.

Lehrerberuf ist vergleichsweise unattraktiv

Was erschwert Verbesserungen in Deutschland?

Unter anderem der Lehrermangel. Tepe sagt, die Länder täten viel zu wenig dagegen. "Dass viele Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt werden, ist in der Not richtig“, meint sie. Diese müssten aber rasch nachqualifiziert werden. "Zudem muss nun endlich die Zahl der Studien- und Referendariatsplätze für Lehrkräfte kräftig erhöht werden.“ Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Thüringens Ressortchef Helmut Holter, räumt ein, eine gemeinsame Kampagne zur Anwerbung von Lehrern sei an der Uneinigkeit der Länder gescheitert.

Welche Ursachen hat der Lehrermangel noch?

Schleicher sieht ihn eher als Folge denn als Ursache von Problemen: Lehrer würden zwar in Deutschland recht gut bezahlt – im OECD-Vergleich erhalten deutsche Lehrer die höchsten Gehälter. Trotzdem sei der Lehrerberuf vergleichsweise unattraktiv: Die Pädagogen hätten oft wenig Gestaltungsspielraum, wenig Zeit außerhalb des Unterrichts für gemeinsames Entwickeln von Dingen, wenig Karriereperspektiven. Nach Italien hat Deutschland auch den mit Abstand ältesten Lehrkörper, knapp die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer ist 50 Jahre und älter, im OECD-Vergleich sind es hingegen nur ein gutes Drittel.

Was sagen Wirtschaft und Bundesregierung?

Beide heben die Erfolge der Berufsausbildung hervor. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer wertete die OECD-Ergebnisse als "Rückenwind“ für das Engagement der Unternehmen in dem Bereich. "Das ist nach Jahrzehnten, in denen gerade die OECD vor allem das Studium als Königsweg beruflicher Qualifizierung beworben hat, ein wichtiger Schritt hin zu mehr Wertschätzung für die berufliche Bildung in unserer Gesellschaft“, lobt auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks Berufliche und akademische Ausbildung seien gleichermaßen Wege in ein später erfolgreiches und erfülltes Berufsleben. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Thüringens Ressortchef Helmut Holter (Linke), forderte höhere Bildungsausgaben: "Länderhaushalte müssen Bildungshaushalte werden.“



 

 

Anzeige

Galerien

Regionale Events