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Meditation statt Mathe

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Integralrechnung, lateinische Deklinationen oder das Periodensystem: In den meisten Schulen geht es darum, dass Schüler möglichst viel lernen. Der Stress wirkt sich oft auch aufs Familienleben aus. Dabei könnte man mit kleinen Übungen viel bewirken, Konzentration und Entspannung lernen und damit die Situation insgesamt verbessern. Ohnehin sind sich die Experten einig, dass es besser wäre, Schüler beizubringen, sich selbst besser zu verstehen – durch Achtsamkeitstraining und Psychoedukation. Ein hessisches Gymnasium macht vor, wie das gehen könnte. 

Konzept Achtsamkeit

Die Elisabethenschule in Frankfurt setzt auf das Konzept Achtsamkeit in der Schule (Aischu), das von der Pädagogin Vera Kaltwasser entwickelt wurde. Das Ganze startete 2004 als Pilotprojekt. "Inzwischen sind Achtsamkeitsübungen fest in unserem Schulprogramm verankert“, sagt Lehrerin Patricia Wilcke. Pro Klasse gibt es mindestens einen Lehrer, der geschult ist und ein solches Training in seinen Unterricht integriert.

Manche Übungen sind simpel: Die Schüler versuchen etwa, fünf Minuten lang im Stehen ausschließlich auf ihren Atem zu achten oder bei geschlossenen Augen Geräusche in der Umgebung wahrzunehmen. Ab und zu widmet Wilcke der Achtsamkeit eine ganze Unterrichtsstunde und macht sogenannte geführte Fantasiereisen mit den Schülern.

Angepasstes Lernen

Beim Spiel "Achtsamer Dialog“ werden Karten mit Bildern ausgeteilt, jeder beschreibt einem anderen Schüler seine Assoziationen. Der Gesprächspartner hört zu und gibt dann wieder, was der erste gesagt hat. "Häufig kommunizieren Menschen, ohne sich zu verstehen“, sagt Wilcke. Ihre Schüler sollen sich darin üben, dem Gegenüber mehr Aufmerksamkeit zu schenken – aber auch darin, besser auf sich selber zu achten. "Man könnte es auch Meditation nennen“, sagt Wilcke, "aber das vermeiden wir, das hat so einen esoterischen Touch. Wir sprechen eher von stillen Pausen."

Einfache Techniken werden ab der fünften Klasse vermittelt. "Bei älteren Schülern wird das Ganze mit Theorie unterfüttert und geht stärker in Richtung Psychoedukation“, sagt Wilcke. In der Oberstufe lernen die Gymnasiasten verstehen, wie und warum der Körper auf Stress reagiert – mithilfe der Grundlagen von Biologie und Neurophysiologie. 

Positive Auswirkungen 

"Die Schüler sollen lernen, sich selbst emotional zu regulieren“, sagt Wilcke. "In Zeiten von Handy, Whatsapp und Social Media sind sie der ständigen Reizüberflutung ausgesetzt und kommen selten zur Ruhe.“ Einige Schüler sind daher zunächst überfordert, wenn sie sich bei Achtsamkeits- und Atemübungen einfach nur auf sich selbst konzentrieren sollen. "Die meisten genießen es aber – wenn es auch nur der Moment der Stille ist, der guttut. “Im Sportunterricht übt Wilcke außerdem mit den Schülern die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen (PME).

Die Auswirkungen des ganzen Programms seien absolut positiv, sagt Wilcke: "Wir Lehrer merken, wie gut es den Schülern tut. Sie haben einen ganz anderen Umgangston, sind achtsamer mit sich selbst und anderen, können sich besser konzentrieren.“ Eine Auswertung, die Wilcke zusammen mit Wissenschaftlern der Hochschule Coburg vorgenommen hatte, deutete ebenfalls auf gute, wenn auch statistisch noch nicht signifikante Effekte des Projekts hin. Womöglich sei die Untersuchung dafür zu klein angelegt gewesen, so die Autoren.

Mögliche Risiken 

Das Projekt könnte Kreise ziehen: Das Schulamt Frankfurt bietet eine einjährige Weiterbildung für Lehrer an, die auch Wilcke absolviert hat. Die Nachfrage ist groß. Auch Meltem Avci-Werning findet es sinnvoll, Module zu Achtsamkeit und Psychoedukation in allen Schulen in den Unterricht einzuflechten.

Die Bundesvorsitzende der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband deutscher Psychologen sagt, mit den Übungen könne man die psychische Stabilität und Gesundheit der Schüler fördern, Stress und Prüfungsangst abbauen. "Es gibt jede Menge Untersuchungen dazu, dass das nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch das Lernen und die Konzentration fördert. Allerdings müssen die Lehrer wirklich gut geschult sein.“

Denn Risiken gebe es auch bei Meditationsübungen. In seltenen Fällen könnten diese starke emotionale Reaktionen auslösen, die es aufzufangen gelte. Zudem findet das Ganze während des Unterrichts statt. Ist das bei vollen Lehrplänen keine Zeitverschwendung? Im Gegenteil, findet Avci-Werning: "Die Schüler können dadurch konzentrierter arbeiten und Angstblockaden bei Prüfungen überwinden. Unter dem Strich schaffen sie dadurch in weniger Zeit mehr.“ 

 

 

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