Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Prof. Schneidewind über Klimaschutz

Übersicht

Der Klimaschutz bewegt nicht nicht nur die Bewegung Fridays for Future, auch die Expertise der Wissenschaft ist mehr denn je gefragt. Profilierter Kenner des Themas ist ProfUwe Schneidewind, der das Wuppertaler Klimainstitut leitet. 

Interview

Herr Schneidewind, ist das Thema Klimawandel inzwischen im Bewusstsein der Politik angekommen?

Uwe Schneidewind: Es ist jedenfalls ausgesprochen positiv, dass der Klimaschutz von der Politik so ernst genommen wird. Fridays for Future hat sicher ein Umdenken bewirkt. Ich bin beeindruckt, wie tief die Bewegung in der Jugend verankert ist, aber auch inzwischen bei vielen Erwachsenen. Wir sehen eine starke junge Generation, die mit aller Klarheit diese Zukunftsherausforderung sieht und bereit ist, dafür zu kämpfen. Das ist ein echter Mutmacher. Wir sollten aber nicht der Illusion erliegen, dass der Klimawandel nun immer das dominante Thema bleibt. 

Das bedeutet?

Schneidewind: Es gibt viele Probleme, die einer Lösung bedürfen, Armut und Flucht oder die globale Sicherheitslage. Oft hängen aber diese mit dem Klimawandel zusammen. Der Klimaschutz ist als grundlegendes Thema erkannt, und wird auf der politischen Agenda bleiben. Es wäre ein großer Schritt nach vorne, wenn wir hier zu einem breiten gesellschaftlichen Grundkonsens kommen. 

Hängt die neue Einigkeit damit zusammen, dass Naturschutz als christliches Wertethema begriffen wird?

Schneidewind: Ich glaube, dass in den innerkirchlichen Debatten der Umgang mit diesem Thema nicht unumstritten ist. Manche fragen nämlich: Bewegen sich die Kirchen zu sehr in Parteiprogrammen? Unterm Strich ist aber ganz klar: Engagierter Klimaschutz steht im Einklang mit dem christlichen Wertefundament

Was bedeutet für Sie in diesem Zusammenhang der in der Wissenschaft oft verwendete Begriff der Transformation?

Schneidewind: Der Begriff ist für mich sehr stark inspiriert durch das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen. Schon 2011 hatte der Beirat deutlich gemacht, welche Herausforderung wir im 21. Jahrhundert vor uns haben. Die Menschheit wächst rasant, unsere Ressourcen sind begrenzt. Um diese Herausforderungen zu meistern, bedarf es umfassender technologischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Veränderungen: Wie gelingt die Energiewende, die Mobilitätswende, wie sehen die Städte der Zukunft aus, wie ernähren wir uns künftig, wie schaffen wir eine funktionierende Kreislaufwirtschaft? Und wie definieren wir in Zukunft unser Verständnis von Wohlstand und gutem Leben? Auf diese Fragen müssen wir rasch Antworten geben. Das nenne ich die "große Transformation", und sie hat bereits begonnen. 

Es fällt nicht allen leicht, gravierende Veränderungen zu akzeptieren...

Schneidewind: Wir müssen den Menschen konkrete Wege aufzeigen, ohne ihnen Angst zu machen. Das sollte gelingen. Denn dieser Wandel hat das erstrebenswerte Ziel, die Lebensgrundlagen der Menschen zu erhalten. Ganz sicher ist damit auch ein kultureller Veränderungsprozess verbunden. Die Größe der Umwälzungen ist vergleichbar mit der Wucht der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. 

Woran machen Sie das fest?

Schneidewind: Beispiel Mobilität: Einzelne Städte in Europa haben schon die Rahmenbedingungen im Verkehr so verändert, dass sie dem Fahrradverkehr oberste Priorität geben. Die Städte werden lebenswerter durch klimagerechten Verkehr. Ich hoffe auf einen Dominoeffekt. Irgendwann wird keine Stadt mehr den Pokal dafür bekommen wollen, die autogerechteste Kommune zu sein. Auch die Autokonzerne haben sich zu lange gegen die Mobilitätswende gestemmt. Nun hat VW ein Investitionsprogramm von 40 Milliarden Euro alleine für Elektromobilität aufgelegt. Das Problem ist erkannt. Der Umbau muss nur rasch gelingen, sonst hängen uns andere ab, und wir gefährden eine deutsche Schlüsselbranche

Warum ist es so wichtig, dass Deutschland beim Klimaschutz vorangeht?

Schneidewind: Deutschland mit seinen rund 80 Millionen Einwohnern sollte beim Klimaschutz eine führende Rolle einnehmen. Er sichert nicht nur unseren Wohlstand, sondern unser Lebensstil hat auch eine gewaltige Ausstrahlung auf andere Teile der Welt. Wir sind Orientierungspunkt für viele. Wenn wir zeigen, dass man im Einklang mit der Natur gut leben kann, hat dies Vorbildfunktion. Übrigens lernen wir auch von anderen, wenn ich auf Vorreiterstädte in Südostasien wie Seoul schaue. Massiven Einfluss haben wir über große Unternehmen auch bei Standards für die Produktion von Vorprodukten wie beispielsweise bei Kakao oder Soja

Welche Rolle spielte die CO2-Bepreisung?

Schneidewind: Sie ist ein weiteres wichtiges Signal für klimafreundliches Handeln im Privaten und in Unternehmen. Europa muss hier engagiert vorangehen und Anreize schaffen, dass viele weitere Länder mitziehen. Und es braucht Lösungen, die verhindern, dass CO2-intensive Branchen im internationalen Wettbewerb aus Europa verdrängt werden. 

Sind die Klimaziele von Paris noch der richtige Maßstab?

Schneidewind: Die Klimaziele von Paris basieren auf Erkenntnissen der globalen Forschung. Danach sehen wir ab einer Erwärmung von 1,5 Grad mit hoher Wahrscheinlichkeit viele globale Umwelt-Phänomene, die sich nicht mehr umkehren lassen, wie z.B. das Auftauen von Permafrostböden oder das Abschmelzen der Polarkappen. Deshalb sind Zielmarken wie die von Paris so wichtig, weil sie deutlich machen, auf welche Gefahr wir zusteuern. Gelingt uns der Kurswechsel? Ich bin durchaus optimistisch. Große Veränderungen bereiten sich oft über lange Zeit vor, und werden dann oft durch Einzelereignisse massiv vorangetrieben. Ein Beispiel: Innerhalb von sechs Monaten nach Fukushima war der Atomausstieg auf den Weg gebracht. 

 

Galerien

Regionale Events