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Sterbende Bäume

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"Die hat es hinter sich“, sagt der Forstamtsleiter von Baden-Baden, Thomas Hauck. Sein Blick geht ein Stück den Hang hinab auf eine tote Fichtenkrone, die rotbraun aus dem Grün der umgebenden Bäume hervorsticht.

Immer mehr Baumstümpfe

Es ist Anfang August, der Forstbeamte steht mit einer prominenten Besuchergruppe auf dem höchsten Punkt des Eierkuchenbergs im Baden-Badener Stadtwald. Mit dabei: sein oberster Dienstherr, Forst- und Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU), die Baden-Badener Oberbürgermeisterin Margret Mergen, Forst-BW-Geschäftsführer Max Reger und ein halbes Dutzend Forst- und Waldverbandsvertreter. Sie wollen wissen, wie es dem Wald hier geht. Nicht gut. Das zeigt sich schon daran, dass man von hier eine weite Aussicht nach Norden hat, direkt auf den Merkur, Hausberg von Baden-Baden. Früher hätte man den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen und schon gar keinen Merkur. 

Jetzt ragen abgebrochene und abgesägte Baumstümpfe wild aus dem steilen Hang. Was rundum noch an Stämmen steht, sieht zerrupft aus. Einigen Bäumen fehlt die Krone, andere sind einseitig entastet, wieder andere tragen auf einem kahlen Stamm nur noch einen winzigen grünen Schopf. Folge der Stürme und des Schneebruchs nach dem späten 2019er Winter mit dem vielen nassen Schnee. Und der Notoperation, die die Forstarbeiter an dem Wald in den vergangenen Wochen verüben mussten. Allein 5300 Festmeter Schadholz durch Sturm, Dürre und Schneebruch haben die Forstleute bis Juli schon aus dem Baden-Badener Stadtwald geholt. 

Keine guten Aussichten

"Das Käferholz ist da schon raus“, zeigt der Forstbeamte auf den zerfledderten Waldhang, "das war extrem aufwendig.“ Auf Aufarbeitungskosten von 40 Euro pro Festmeter sind sie hier gekommen. "Wieviel?“ fragt Forst-BW-Chef Max Reger entsetzt nach. "Gerade noch kostendeckend“, kalkuliert er. Aber die Holzpreise fallen. Hier, auf 900 Meter Höhe, kam der Borkenkäfer bislang eigentlich gar nicht vor. Doch 2019, auch Folge der Trockenheit im vergangenen Jahr, wächst unter den Rinden schwacher Bäume schon die dritte Käfergeneration des Jahres heran. "Wenn sie noch ausreifen, fliegen sie im September“, sagt der Revierförster. Was das bedeutet, weiß jeder hier: Nächstes Jahr wird es noch schlimmer.

Auch der Minister vernimmt die Botschaft ernst. Peter Hauk ist dieser Tage in Sachen Wald unterwegs. Landesweit sammelt er Waldzustandsnachrichten. Immer sind sie schlecht. Waldshut meldet großflächig Dürre- und Borkenkäferschäden an Fichte und Tanne. Rastatt notiert großflächiges Eschentriebsterben als Folge eines eingeschleppten Pilzes. Biberach und Feldberg berichten wie Baden-Baden von massiven Borkenkäferschäden. In der Rheinebene sind Tausende von Kiefern von einem tödlichen Pilz befallen, im Raum Bruchsal greift die Kiefernkomplexkrankheit um. Es gibt die Ahorn-Rußrinden- und die Eichenkomplexkrankheit. Die Schadbilder sprießen im Wald schneller als die Pilze.

Schäden durch Trockenheit

Und dann ist da noch die Buche. Hohenlohe meldet großflächige Trockenschäden. "Die Buche macht uns große Sorgen, sie ist ein Hauptbaum bei uns“, sagt Hauk. "Im Gegensatz zu anderen Arten erholt sie sich nicht mehr, wir verzeichnen erstmals flächiges Sterben.“ 200 bis 300 Liter Wasser braucht so eine ausgewachsene Buche am Tag. Aber der Boden gibt das nicht her. Der Winterniederschlag hat nicht gereicht, um das Grundwasser nach der Dürre 2018 wieder aufzufüllen. Wenn eine Buche erst Trockenschäden hat, hilft ihr auch Regen nicht mehr. Und es wäre vermessen, zu glauben, im nächsten Jahr wären die Schäden behoben.“ 

Und das Holz muss raus aus dem Wald. Baden-Baden ist in der glücklichen Lage, Stämme mit einem eigenen Hacker zu Energieholz verarbeiten zu können, der städtische Eigenbetrieb versorgt öffentliche Gebäude so mit Energie. "Sonst sähen wir ganz schön alt aus“, sagt der Forstamtsleiter. Seine Oberbürgermeisterin nickt.

Hohe Kosten

Anderen großen Wald-Kommunen im Land geht es schlechter. Sie zahlen drauf – der Wald, immer verlässliche Einnahmequelle, ist plötzlich ein Kostenfaktor. Die Erlöse decken die Aufarbeitungskosten nicht mehr. Die Rechnung müssen auch Privatwaldbesitzer aufmachen, für die ein Waldstück seit jeher ein Sparbuch mit generationenübergreifender Verzinsung war. Nebenerwerbslandwirte bewirtschaften gerne mal 50 bis 60 Hektar Wald. Bei den derzeitigen Aufarbeitungskosten kommen sie da schnell an die Grenzen ihrer Liquidität.

Die AG Wald, Interessenverband vieler Waldeigentümer in Baden-Württemberg, fordert daher ein Entschädigungsprogramm klimabedingter Waldschäden, finanziert von Land, Bund und EU. Auch das Land selbst soll handeln: "Die vorhandenen Haushaltsmittel reichen nicht ansatzweise aus, um den Herausforderungen gerecht zu werden“, sagt AG-Wald-Vorsitzender Dietmar Hellmann, der mit auf dem Eierkuchenberg ist. Das Land soll eine Soforthilfe für Waldbesitzer beschließen, Hunderte neuer Stellen für Forstverwaltung und Reviere sowie einen landesweiten Masterplan.

Der Minister hört sich alles an. Hauk ist selbst gelernter Förster, und der Berufsstand neigt nicht zu Alarmismus. Er ist trotz allem sicher, dass der Wald bleiben wird. "Wir wissen noch nicht, welche Baumarten wir dann hätten. Aber wir sind schon am Experimentieren“, sagt er. Und klingt merkwürdig zuversichtlich, dort auf dem Eierkuchenberg, in den Restlagen des Schwarzwalds.

 

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