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Schwänzen für besseres Klima

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Es ist ziemlich kalt an diesem Morgen auf dem Stuttgarter Marktplatz und es regnet Bindfäden. Die 250 Schüler vor der Freitreppe des Rathauses rücken eng zusammen und skandieren Sprüche wie "Keine Kohle für die Kohle“ oder rufen "hopp, hopp, hopp, Kohlestopp“. Sonst ist kaum jemand unterwegs. "Wir lassen uns von dem schlechten Wetter nicht abhalten“, feuert Moderatorin Charlotte von Bonin die frierenden jungen Leute an. Manche haben selbst gebastelte Schilder dabei. Auf einem steht "5 vor 12 ist vorbei“. Ein anderer reckt den Slogan "Unsere Zukunft ist in Gefahr“ hoch.

Fehlendes Streikrecht

Die Schüler berufen sich bei ihren Streiks auf die 16-jährige Greta Thunberg aus Schweden. Sie hat die plakative Idee vorgegeben: "Wieso sollen wir zur Schule gehen, wenn die Politik unsere Umwelt nicht schützt.“ Seit August 2018 geht sie immer freitags nicht in die Schule. In ihrem Glanz sonnten sich sogar die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik, die ihr beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine Bühne gaben.

"Was sind zwei Stunden Unterricht, wenn unsere Zukunft zerstört wird“, hat Zehntklässler Pepe Klaus Thunbergs Lektion gelernt. Ohne den Stopp des Klimawandels gebe es für ihre eigenen Kinder "überhaupt keine Chance auf Unterricht mehr, weil dann unser Planet kaputt ist“. Sie hätten mit ihrem Lehrer diskutiert, der sie bei allem Verständnis für ihr Anliegen auf das fehlende Streikrecht für Schüler hingewiesen habe. Sie seien dann in der Pause einfach gegangen. "Wir nehmen uns unser Mitspracherecht“, bestärkt Moderatorin von Bonin die Zweifler.

Tolle Stimmung

Abiturient Felix Poloczek hat lange mit seiner Mutter diskutiert, ob er mitten in der Prüfungsvorbereitung die Zeit für die Demo opfern soll. Die habe ihn bestärkt: "Wenn du überzeugt bist, musst du demonstrieren.“. Er möchte ein Zeichen setzen für den Klimaschutz und er freut sich über die "Hammer-Stimmung hier“. Die Demonstranten singen und hüpfen, um sich warm zu machen.

Wenn es nächste Woche wieder einen Aufruf gibt, wird Felix aber wahrscheinlich nicht dabei sein. Er könne es sich nicht leisten, jeden Freitag dem Kampf für ein besseres Klima zu opfern.

Mediale Aufmerksamkeit

Für die bessere Luft könnten die Schüler eigentlich auch am Samstag demonstrieren. Allerdings bringt ihnen das Schwänzen des Unterrichts viel mediale Aufmerksamkeit, die sie samstags nicht bekämen.

Selbst Baden-Württembergs CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hält sich in ihrem Urteil noch zurück: "Wir haben natürlich Verständnis für das Engagement der Schüler. Meinungsfreiheit und das Recht, diese Meinung auch durch eine Demonstration kundzutun, sind für eine Demokratie unerlässlich.“ Erst dann kommt die Einschränkung: "Es ist allerdings kein sachlicher Grund erkennbar, warum diese Demonstration unbedingt in der Unterrichtszeit stattfinden muss und nicht nach dem Unterricht, etwa Freitagnachmittag, stattfinden kann.“

Ziviler Ungehorsam

In der Beurteilung der Rechtslage sind sich die Kultusminister einig: Da kein sachlicher Grund erkennbar ist, ist das Fehlen der Schüler als unentschuldigtes Fehlen zu werten. Eisenmanns Fachleute haben die Schulen aber "gebeten“, bei Verstößen gegen die Schulpflicht nach pädagogischen Kriterien zu reagieren. Ob es Ordnungsmaßnahmen wie Nachsitzen oder Schulverweis brauche, sei im Einzelfall zu prüfen und deshalb Sache der Schule. Spannend wird es also, wenn Schüler regelmäßig freitags fehlen.

Jugendforscher wie Klaus Hurrelmann sind überrascht über den zivilen Ungehorsam der unter 20-Jährigen. Das habe es in dieser Altersklasse noch nicht gegeben. Er rät den Schulen trotzdem, auf Einhaltung der Regeln zu pochen. Denn das signalisiere den jungen Leuten, dass sie ernst genommen werden. Brüche in der moralischen Argumentation der Wortführer sind schon nach wenigen Wochen nicht zu übersehen. In Hamburg versammelten sich vor zwei Wochen 2000 Schüler, eine Woche später, als im Stadtstaat schulfrei war, kamen nur 600.

In Stuttgart hoffen die Aktivisten noch auf Zuwachs. Jeder solle aus seinem Bekanntenkreis drei Leute aktivieren und nächste Woche mitbringen, fordert ein Redner. Moderatorin von Bonin hat noch ein paar Ideen für Aufsehen erregende Protestformen. Auf das "die in“, bei dem alle Demonstranten auf einen Schlag wie tot umfallen, hat sie gestern verzichtet und es auf einen Freitag ohne Regen verschoben.

 

 

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