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Der Tanz ums Ei

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Es gibt Momente, in denen die Generationenlücke auf besonders drastische Weise offenbar wird. Sie sind älter als 40 und haben noch nie etwas vom neuen Star der Foto-Plattform Instagram gehört? Normal!

Rekord geknackt

Kreischendes Entsetzen ob dieser eklatanten Unwissenheit hingegen bei der 14-Jährigen zu Hause: "Das Ei muss man doch kennen!“, schallt es einem empört aus dem Teenagerzimmer entgegen.

Das Foto von einem Ei – bei Instagram heißt es "world_record_egg“ – hat Mitte Januar etwas geschafft, was in der Welt der Likes und Follower unerhört erscheint: Es hat die bisherige Königin der Plattform, Kylie Jenner aus dem Clan der US-Reality-TV-Familie Kardashian, vom Thron gestoßen. Da knackte das braune Frühstücksei – ob roh oder gekocht ist nicht bekannt – den Rekord, den Kylie Jenner mit einem Foto ihrer neugeborenen Tochter im Februar 2018 aufgestellt hatte. 18 Millionen Likes gab es damals für die süße Babyhand von Stormy Webster. Läppisch, kann man aus heutiger Sicht sagen, für das Ei haben schon knapp 52 Millionen Nutzer den Daumen nach oben gereckt.

Frage nach dem Sinn

Worum es bei der Sache geht? Steckt dahinter vielleicht eine Art der Konsumkritik, fragt man als Angehöriger der Generation der Best Ager, in dem Bemühen, der Aktion irgendeinen Sinn abzugewinnen. Schließlich ist Kylie Jenner die Verkörperung des Konsumismus – zarte 21 und durch die Vermarktung von Lippenstift via Instagram kürzlich zur jüngsten Selfmade-Milliardärin aller Zeiten geworden. Ihr Zielpublikum – natürlich Teenager.

Indes: "Die Sache hat keinen Sinn“, entgegnet die halbwüchsige Tochter, "der einzige Sinn ist, Aufmerksamkeit zu erregen und Likes zu sammeln.“

Enttäuschung bei der Mutter, der prompt viele Fragen durch den Kopf schwirren. Zum Beispiel: Wäre es nicht sinnvoller, die schwedische Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg zu unterstützen? Was die wohl von der Aktion hält? Genervtes Augenrollen beim Teenager: "Warum sollte man nicht Klimaschutz unterstützen und trotzdem das Ei liken?“ Hat doch rein gar nichts miteinander zu tun.

Hysterie unter Werbeleuten

Die Ältere steigt an dieser Stelle selbst in die Recherche zu dem Internetphänomen ein: Gepostet hat das Ding die "Egg_gang“, die sich das Etikett "Weltrekordhalter“ verpasst hat. Seit dem ersten Post Anfang Januar sind noch drei weitere Eier hinzugekommen, das letzte mit deutlichen Rissen – was wohl heißen soll: Da kommt bald was zum Vorschein!

Vor allem in Nordamerika hat das Ei unter Werbeleuten eine regelrechte Hysterie ausgelöst. "Die erste Marke zu sein, die aus dem Ei herauskommt, entspricht einem Gegenwert von mindestens zehn Milliarden Dollar“, zitiert das Politik-Magazin "The Atlantic“ einen Werbestrategen. Die Aufmerksamkeit, die man dadurch erreichen könne, sei sogar wertvoller als TV-Werbeminuten beim Superbowl, heißt es weiter. So haben viele Plattformen den Namen ihrem eigenen vorgeschaltet, wohl in der Hoffnung, Suchende zunächst zu sich umzuleiten. Andere haben die Idee nachgeahmt – so gibt es inzwischen eine "Weltrekord-Zitrone“ oder "Weltrekord-Speck“.

Großes Potential

Die Betreiber des ursprünglichen Egg-Accounts halten sich indes bedeckt und haben offenbar Trittbrettfahrer blockiert. Auch deshalb hoffen gemeinnützige Organisationen wie die US-Kampagnenseite DoSomething.org darauf, dass es sich nicht nur um einen genialen Marketing-Gag handelt mit dem Ziel, möglichst viel Geld mit dem bekanntesten Ei der Welt zu machen. Sie würden nur zu gerne mit den Betreiber der Eier-Seite kooperieren, denn die Generation Z – diejenigen, die quasi mit dem Smartphone in der Hand geboren wurden – sind genau ihre Zielgruppe.

Das Ei würde sogar taugen, um dem US-Präsidentschaftskandidaten für 2020 eine Top-Kampagnenposition zu verschaffen, spekulieren Strategen in Washington – oder aber, um mit lautem Knall ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump auf den Weg zu bringen. Das Potenzial des Eis scheint riesig und die Kreativität von Werbeleuten unbegrenzt. Wie es mit dem Ding tatsächlich weitergeht? Die Spannung steigt.

Kylie Jenner war übrigens nicht untätig im Umgang mit der Konkurrenz. Ein Video zeigt sie beim Aufschlagen eines braunen Eis, das auf dem heißen Asphalt schließlich zum Spiegelei wird.

 

 

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