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Entlastung des Verkehrs?

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In Heilbronn und dem Rest der Region sind sie noch nicht sonderlich verbreitet, in Metropolen wie Berlin, Paris oder Barcelona gehören sie längst zum Stadtbild und verändern es. Draufstehen, losdüsen und ein paar Hundert Meter oder wenige Kilometer entspannt zurücklegen – die Rede ist von elektrischen Tretrollern, auch E-Scooter genannt.

Füllen der Mobilitätslücke

Seit dem 15. Juni sind die Elektrokleinstfahrzeuge, wie sie in der Behördensprache bezeichnet werden, im Straßenverkehr offiziell zugelassen

Für Verkehrsforscher wie Andreas Knie aus Berlin ist das neue Fortbewegungsmittel zwar eigentlich eine gute Nachricht. Vielen Städten drohe schon lange der Verkehrskollaps– als besonders problematisch erweist sich die sogenannte letzte Meile. 700, vielleicht 800 Meter noch. Eine solche Distanz liegt oft zwischen dem Ziel einer Fahrt und der nächsten Straßenbahnhaltestelle. "Laut Untersuchungen ist jede vierte Autofahrt in der Tat kürzer als zwei Kilometer“, so Knie.

Als Ersatz dafür oder auch für die kurzen Strecken zu Fuß von der U-, S-Bahn oder Bushaltestelle nach Hause oder zur Arbeit erscheinen E-Scooter attraktiv und könnten das Auto direkt oder indirekt verdrängen. Es wäre die seit langem erhoffte Entlastung auf der Straße – und könnte nach Ansicht von Andreas Knie auch die schlechte Klimabilanz des Verkehrssektors verbessern. In gewisser Weise füllen die Roller also eine Lücke in der Mobilität, von der man vorher gar nicht so genau wusste, dass sie überhaupt da war.

Gefahrenbewusstsein

Es gibt aber auch Schattenseiten, in den vergangenen Tagen und Wochen kamen die Gefährte wegen Unfällen in die Schagzeilen. In Düsseldorf stieß ein Mann mit seinem neuen E-Tretroller mit einer Fahrradfahrerin zusammen. In Berlin wurde eine E-Scooter-Fahrerin schwer verletzt. Die Touristin prallte mit einem Lastwagen zusammen. "E-Scooter können je nach Einsatzgebiet eine sinnvolle Ergänzung zum Mobilitätskonzept von Städten sein“, sagt der Heilbronner Verkehrsrechtsanwalt und württembergische ADAC-Chef Dieter Roßkopf.

"Die Roller sollten aber mit Bedacht benutzt werden. Generell setzt eine Teilnahme am Straßenverkehr Umsicht und Vorsicht voraus.“ Fahrer benötigen weder eine Mofa-Prüfbescheinigung, noch einen Führerschein. Das Mindestalter liegt bei gerade einmal 14 Jahren

"E-Scooter werden bis zu 20 km/h schnell“, so Roßkopf. Das höre sich erst einmal nicht so flott an, doch wenn es da kracht, könne es oft gefährlich werden. "Eine Helmpflicht besteht für Elektro-Tretroller nicht – es ist aber dringend zu empfehlen, sich mit einem Helm zu schützen“, betont der 68-Jährige. "Die meisten Menschen wissen, dass man den Radweg oder ansonsten die Straße benutzen muss. Was ich aber sehe: Auch wenn Radwege da sind, und erst recht, wenn keine da sind, wird sehr gerne und häufig der Gehweg benutzt.“

Gesichert Üben

Deswegen ist Verkehrsexperte Roßkopf der Ansicht, dass dort im Moment die größten Gefahren für alle Beteiligten lauern. Grundsätzlich helfe es sicher, wenn Neulinge zunächst auf einem geschützten, freien Platz üben und sicher mit ihrem neuen Gefährt vertraut machen. "Es ist wie bei allem im Leben“, so Roßkopf – "aller Anfang ist schwer, Übung macht den Meister.“

Das Fahrverhalten von E-Scootern hängt von der Radgröße ab. Es gibt nach Angaben des Tüv nach wie vor noch sehr billige Modelle mit sehr kleinen Rädern zu kaufen, die damit im Fahrbetrieb sehr schnell unsicher werden. Was die Sachverständigen-Organisation bisher im rasant wachsenden Vermietmarkt gesehen hat, habe in der Regel eine vernünftige Radgröße. Damit könnten auch einigermaßen sicher Schwellen und Bodenwellen gemeistert werden.

Das haben sowohl Tüv als auch ADAC bereits im Test erprobt. "Das Problem scheint mir eher andersherum zu sein. Man gewinnt schnell eine Scheinsicherheit“, so Experten des Tüv: "Man unterschätzt, dass 20 km/h, falls es doch zu Konflikten zum Beispiel mit Auto- und Radfahrern oder Fußgängern kommt, eine erhebliche Energie sind, und ist vielleicht doch zu sorglos unterwegs.“ In diesem Zusammenhang weißt ADAC-Chef Roßkopf darauf hin, dass eine Haftpflichtversicherung für E-Scooter abgeschlossen werden muss. 

Probleme in Großstädten

Während das Thema in Deutschland erst langsam Fahrt aufnimmt, hat es sich in Metropolen wie Paris und Barcelona teilweise schon zur Plage entwickelt. Einheimische berichten dort immer wieder über Massen an Touristen, die mit gemieteten E-Scootern durch die Innenstädte brettern, oftmals sehr unsicher und zu schnell. Zudem würden sie an den unmöglichsten Stellen wild parken und damit Fußgänger zusätzlich behindern. In der französischen Hauptstadt, in der es bereits tödliche Unfälle gab, wurden daher teilweise schon Gebiete definiert, in denen E-Scooter teils oder ganz verboten sind – sowohl die Nutzung als auch das Parken der Fahrzeuge.

Die Reaktionen auf die neuen E-Scooter sind und werden sicher auch in Zukunft höchst unterschiedlich bleiben. Bei den Fahrern zaubern sie meist ein Lächeln ins Gesicht, verleihen ein Gefühl von Freiheit, ein Gefühl der Unabhängigkeit. Bei Fußgängern lösen sie je nach Fahrweise der Nutzer Gleichgültigkeit, Angst oder im schlimmsten Fall tiefe Abneigung aus. Viele Autofahrer haben nur ein müdes Lächeln übrig oder schenken dem Thema keine Aufmerksamkeit. So oder so: Das Interagieren verschiedenster Verkehrsteilnehmer wird sich in Deutschland noch einspielen müssen.

 

 

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