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Identität infrage gestellt

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Das Thema nimmt Fahrt auf: Ein Kind wird bei der Geburt als Mädchen definiert und fühlt sich als Junge und umgekehrt. Dabei gibt es das schon immer, sagt Andreas Baur von Pro Familia Heilbronn.

Suche nach Rat

Die Beratungsstelle verzeichnet einen Anstieg Ratsuchender zum Thema Transgender. Eltern kommen, weil sie sich um ihr Kind sorgen. Jugendliche fragen sich, wie ihr Umfeld reagieren wird. In einigen Klassen in der Region haben sich Schüler geoutet

Es gibt Menschen, die mit Transgender nichts anfangen können und es als neumodische Spinnerei abtun. Wie sehen Sie das?

Andreas Baur: Es gibt ablehnende Reaktionen, und das ist schwierig für Betroffene und ihre Angehörigen. Dass sich jemand mit dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren kann, wird als ungewöhnlich wahrgenommen. Dabei gibt es das schon immer, dass ein Kind bei der Geburt als Mädchen definiert wird und sich als Junge fühlt und umgekehrt. 

Mut durch Internet

Dieses Phänomen erfährt erst seit wenigen Jahren öffentlich Aufmerksamkeit. Woran liegt das?

Baur: Das liegt zu einem großen Teil am Internet. Dort finden Betroffene heute Informationen und Plattformen, die eins zu eins ihre eigenen Empfindungen und ihre persönliche Situation widerspiegeln. Das ist eine große Hilfe. Früher fragte sich ein Einzelner vielleicht, was ist mit mir los? Er fand aber keine Antwort darauf. 

Woran macht es jemand fest zu sagen, ich bin eine Frau beziehungsweise ein Mann unabhängig von den äußerlichen Geschlechtsmerkmalen?

Baur: Es ist schwer zu beschreiben, wie man sich als Mann oder Frau fühlt, ohne von stereotypischen Verhaltensweisen und körperlichen Geschlechtsmerkmalen zu sprechen. Es ist auch für die Betroffenen schwer, die Frage zu beantworten: Wieso bin ich mir denn sicher, dass es bei mir so ist, wie es ist? Oder bin ich so, weil in meiner Kindheit dies und jenes passiert ist? Oder war ich schon immer irgendwie anders? Betroffene müssen sich immer rechtfertigen. Das sollten sie aber nicht müssen. 

Zweifel und Ängste

Welche Fragen bewegen junge Leute, die sich nicht mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifizieren?

Baur: Einige Jugendliche sind für sich ganz klar. Sie fühlen und wissen, dass sie ein Mädchen oder ein Junge sind unabhängig von ihren biologischen Geschlechtern. Einige sind unsicher und wissen nicht, welche Schritte sie gehen sollen. Oder sie haben Angst davor, wie Familienangehörige und ihr Umfeld reagieren. Was sagt die Oma, die ich total lieb habe, ist sie enttäuscht von mir? Viele Betroffene möchten ihren Familien etwas ersparen. Sie wissen, dass es möglicherweise für alle nicht leicht wird. 

Welche Ängste haben Betroffene?

Baur: Sie stecken in einer Identitätskrise. Die eigene Identität, mit der ich lange gelebt habe, wird infrage gestellt. Bin ich dann noch ich? Und wer war ich in der Vergangenheit? Gerade in der Pubertät gilt es herauszufinden, wer ich bin. Wo will ich hin? Was macht mich aus? 

Akzeptanz

Was treibt Eltern um?

Baur: Letztlich ist es immer die berechtigte Sorge ums Kind. Einige befürchten, dass es einen Weg geht, der schwerer ist. Andere haben bereits verstanden, dass ihr Kind jetzt eine Tochter ist, obwohl sie es zwölf Jahre lang als Jungen gesehen haben. Sie fragen sich: Wie geht es weiter? Wir haben eine Lotsenfunktion und verweisen etwa an Ärzte oder Kinder- und Jugendtherapeuten. Eltern brauchen entweder Hilfsangebote, um ihr Kind zu unterstützen. Oder sie brauchen Unterstützung, um das Thema für sich einzuordnen. 

Wie offen gehen junge Leute mit Trans-Menschen um?

Baur: Meine persönliche Erfahrung ist: Je vielfältiger die Menschen in einer Gruppe oder Klasse sind, umso offener gehen sie damit um, wenn noch ein weiterer von ihnen besonders ist. Gibt es zum Beispiel einen Rolli-Fahrer in der Klasse, ist jemand besonders klein und hat ein anderer eine außergewöhnliche Begabung, dann wird auch ein Mädchen in einem Jungenkörper eher angenommen als in einer völlig homogenen Gruppe. 

Lösungen finden

Für Schulen ist das kein einfaches Thema.

Baur: Ich erlebe es so, dass Schulen sich in der Regel des Themas annehmen und sich damit auseinandersetzen, wenn ein konkreter Fall da ist. So hat eine Schule im Landkreis Heilbronn eine wenig genutzte Lehrer-Toilette für Trans-Kinder zur Verfügung gestellt, auch um andere Kinder nicht zu verunsichern. Es geht ihnen um das Signal: Wir finden Lösungen. Wie diese Lösung aussieht, ist offen. 

 

 

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