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Ein offenes Ohr

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Einsamkeit, Krankheit, Trauer, Beziehungsprobleme, Depressionen und Suizidgedanken: Das alles sind Motive von Menschen, bei der Telefonseelsorge anzurufen. Unter der bundesweit einheitlichen Nummer können sich die Hilfesuchenden an jedem Tag rund um die Uhr melden. Der Anruf kostet nichts, die Hilfe ist ebenso gratis, erfolgt außerdem anonym ohne Ansehen der Person, weltanschaulicher oder religiöser Orientierung. 

Angebot der Hilfe

2018 hat es exakt 12 135 Mal unter der Nummer 0800 1110111 oder 0800 1110222 in Heilbronn geklingelt. Daraus wurden etwa 8500 bis 9000 Gespräche, berichtet der Leiter der von der katholischen und evangelischen Kirche getragenen Telefonsseelsorge, Pfarrer Dr. Jürgen Weber. Die große Differenz zwischen den beiden Zahlen erklärt er so: "Da gibt es Leute, die gleich wieder auflegen, Scherz- und Sexanrufer.“

Es gibt wohl nichts, was die 79 Mitarbeiter, die das Hilfsangebot nonstop in Heilbronn aufrecht erhalten, nicht erlebt haben. Die Ehrenamtlichen kommen aus vielen Bevölkerungsschichten, sind im Hauptberuf zum Beispiel Landwirt, Staatsanwalt, Arzt oder Krankenschwester. Bis vor wenigen Jahren gab es ausreichend Bewerber für den Freizeit-Helferjob an der Strippe. Doch mittlerweile habe die Telefonseelsorge Probleme, Bewerber für die Mitarbeit zu finden. Viele potenzielle Kandidaten, die in Frage kämen, engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, erklärt Jürgen Weber. Zudem sind die Telefonseelsorger zur Anonymität verpflichtet, nur der engste Familienkreis weiß, was sie tun. Darum fehlt den Ehrenamtlichen auch die öffentliche Anerkennung, die sie für andere Engagements bekommen.

Nachfrage für Chat-Seelsorge

Dennoch ist die Anonymität allein schon aus Selbstschutz notwendig. "Man macht sich mit der Beratung nicht nur Freunde“, so Weber. Ein Beispiel: "Wenn man einer Frau geraten hat, den Mann zu verlassen, könnten Bedrohungen des Verlassenen die Folge sein.“ Im September startet eine neue Ausbildungsgruppe.

Vor vier Jahren hat die Heilbronner Telefonseelsorge ein bundesweit immer noch rares Angebot vor allem für Jüngere geschaffen: die Chat-Seelsorge. Diese läuft ohne direktes Gespräch mit schriftlichen Nachrichten ab, ähnlich sozialen Netzwerken. Der Kontakt kommt über die Internetseite der Telefonseelsorge zustande. Es gebe vor allem bei den unter 40-Jährigen ein "enormes Bedürfnis“ nach diesen Chats, erklärt Jürgen Weber.

Den Grund sieht er in dem völlig veränderten Kommunikationsverhalten der jüngeren Generation, "dem wir Rechnung tragen müssen“. Außerdem gibt es Ratsuchende, die nicht aussprechen können, was auf ihrer Seele lastet. Schreiben aber schon. Bis jetzt sind zehn Mitarbeiter in der Chat-Seelsorge beschäftigt. Während ein Gespräch am Telefon im Schnitt 26 Minuten dauert, nehmen die Online-Dialoge durchschnittlich rund 45 Minuten in Anspruch. 

Gefragte Zuhörer

Bundesweit gibt es die Krisen-Hotline schon seit 1956. In Heilbronn hat sie sich vor rund 41 Jahren gegründet. Sie ist für ein Einzugsgebiet von rund 600 000 Einwohner zuständig. Im Schnitt 33 Mal täglich klingelt das Telefon in dem Büro der Telefonseelsorge, dessen Adresse – ebenfalls aus Selbstschutzgründen – geheim bleibt. Fast jeden Tag sei ein Suizidgefährdeter dabei, erklärt Weber. Doch das Gros der Anrufer melde sich wegen weniger gravierender Alltagssorgen.

Weber: "Das sind Probleme, die Sie und ich haben können. Dass wir uns über unseren Partner geärgert haben, zum Beispiel.“ Warum rufen überhaupt so viele Menschen bei der Telefonseelsorge an und suchen sich nicht woanders Unterstützung? Weber antwortet: "Es gibt viele Dinge, da ist es wichtig, mit einem Außenstehenden darüber zu sprechen.“ Jemand, der nicht in die Misere verwickelt ist und die Sicht von außen hat. "Wir sind ja alle keine Therapeuten“, unterstreicht Jürgen Weber. Die Telefonseelsorger würden, wenn nötig, die Anrufer an Ärzte, Psychiater oder andere professionelle Stellen weitervermitteln.

Es gebe keine generelle Strategie, wie man dem Anrufer helfen kann. "Das ist vom Einzelfall abhängig.“ Klar ist, dass ein Problem, das ausgesprochen wird, allein schon dadurch an Gewicht verliert. Am Wichtigsten sei es, dass den Menschen jemand wirklich zuhört, sie ernst nimmt und versucht zu verstehen. "Denn das Zuhören wird heutzutage verlernt.“ Es gebe viele, die sich nicht mehr gehört fühlen. Den Markenkern der Telefonseelsorge beschreibt Weber darum so: "Wir leihen den Anrufern ein Ohr.“ 

 

 

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