Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Coca Cola Volk

Übersicht
Im Märchen "Der süße Brei“ ist ein Topf, der niemals aufhört, süßen Brei zu kochen, die Rettung für ein armes Mädchen und seine Mutter, die ohne die Nahrungsquelle wohl verhungert wären. Ganz anders in unserer realen, industrialisierten Welt: Nach Ansicht der US-Lebensmittelbehörde gilt Zucker als "Volksfeind Nummer eins“, verantwortlich für Fettleibigkeit und Begleiterkrankungen wie Diabetes. Die Wahrheit liegt dazwischen, sagt Sebastian Propp, Diabetologe und Ernährungsmediziner am SLK-Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn.

Wie böse ist Zucker?

Aus evolutionärer Sicht ist Zucker sogar sehr erstrebenswert. Zucker ist süß, hat einen hohen Energiegehalt und geht schnell ins Blut über. Unsere Vorfahren nahmen den raren Zucker gerne als hochwertige Nahrung zum Überleben an. Heute leben wir in einer menschheitsgeschichtlich relativ kurzen Periode des Überflusses. Zucker wird zum Problem, weil er durch industrielle Produktion massiv und sehr billig verfügbar ist. 

Ist Zucker der „Volksfeind Nummer eins“?  

Ich betrachte Zucker erst einmal als wertneutrales Lebensmittel. Dass er gut schmeckt, führt jedoch dazu, dass Menschen davon deutlich mehr aufnehmen, als gut für sie ist. So große Probleme wie in den USA haben wir in Deutschland zwar noch nicht: Typ-2-Diabetes bei Kindern zum Beispiel – das sind hierzulande Einzelfälle. Aber mit Verzögerung werden wir dieselben Probleme bekommen, wenn wir nicht gegensteuern.

Was ist die Dosis, ab der es ungesund wird? 

Nach Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation sollte ein durchschnittlicher Erwachsener nicht mehr als 18,2 Kilo freien – das heißt zugesetzten – Zucker pro Jahr konsumieren. Das entspricht einer Tagesdosis von rund 50 Gramm. Dem gegenüber stehen zwei Zahlen: In Befragungen geben die Deutschen an, rund 28 Kilo Zucker zu konsumieren. Nimmt man das, was die Industrie produziert hat, müssten es eigentlich pro Kopf 33 bis 35 Kilo sein. Studien sagen, dass deutsche Männer im Mittel 78 Gramm pro Tag verzehren und Frauen 61 Gramm. Das ist jedenfalls deutlich mehr als empfohlen. 

Und führt dann zu Erkrankungen wie Diabetes. 

Übergewicht ist ein massives Problem, genauso wie daraus resultierende Wohlstandserkrankungen, darunter Diabetes Typ 2 unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Der ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Vor 1980 gab es diesen Typ, der begünstigt wird durch Übergewicht, falsche Ernährung und Bewegungsmangel, in der jungen Altersgruppe praktisch noch gar nicht. 

Es geht auch um Ernährungskompetenz. Ist davon in der Bevölkerung genügend vorhanden?  

Eindeutig nein! Und von staatlicher Seite wird auch nicht genug getan, um die Kompetenz zu erhöhen. Es gab in der Vergangenheit viele gut gemeinte Aufklärungskampagnen, aber diese haben vor allem die ohnehin gesundheitsbewussten Schichten erreicht und sind letztlich verpufft. Auch zeitlich begrenzte Einzelprojekte, etwa an Schulen, sind nicht nachhaltig, denn sie sind nicht eingebettet in ein deutschlandweites Gesamtkonzept. Man muss doch nur mal folgende Zahlen gegenüberstellen: Aufklärungsbemühungen haben einen Gegenwert von 30 Millionen Euro pro Jahr, drei Milliarden Euro setzt die Ernährungsindustrie für Werbung ein. Es ist doch klar, dass es da Regularien braucht. 

Regularien sind CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner anscheinend nicht geheuer. Sie sagt, sie wolle keine Ernährungspolizei  

Ich vermute hier Ansichten der Lebensmittel- und Agrarindustrie. Klöckners Position entbehrt aus medizinischer Sicht jeglicher Grundlage. Die Politik sollte schon Anreize setzen, damit die gesunde Wahl auch die einfachere Wahl ist. 

Wie könnten die aussehen?  

Bisher sind gutes Obst und Gemüse häufig teurer als Fertigprodukte, und dann braucht man auch noch mehr Zeit, um daraus eine Mahlzeit zuzubereiten. Kein Wunder, dass viele lieber zu Convenience Food greifen. Dabei ist es die klassische Aufgabe des Staates, seine Bürger vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Das könnte funktionieren über eine gut verständliche Lebensmittelampel und höhere Steuern auf gesundheitsschädliche Produkte wie Softdrinks. Gesunde Lebensmittel wie Obst und Gemüse würden im Gegenzug von der Besteuerung ausgenommen. Diese Vorschläge verschiedener Fachgesellschaften liegen auf dem Tisch und sind aus meiner Sicht absolut sinnvoll

Welche Maßnahmen halten Sie noch für nötig? 

Werbung für Kinderlebensmittel halte ich für besonders perfide, man sollte sie ganz verbieten. Die Nahrungsmittel, die da beworben werden, sind nach Tests von Verbraucherschutzorganisationen per se ungesund. Wenn man den Werbebotschaften Glauben schenkt, können katastrophale Ernährungsmuster entstehen, die unter Umständen ein Leben lang bleiben. Außerdem halte ich Qualitätsstandards für Schulessen für notwendig. Die gibt es zwar schon, sie sind aber unverbindlich. Dabei ist die Schulspeisung so wichtig für die Ernährungskarriere der Bevölkerung, da müsste es viel größere Anstrengungen geben. 

Also eine Ernährungspolizei?  

Regularien sind effektiv in einem Bereich, in dem es eine ausgeprägte Asymmetrie gibt zwischen den Interessen der Industrie und der Notwendigkeit, die Bevölkerung zu schützen. Das haben wir vor ein paar Jahren bei den sogenannten Alko-Pops gesehen. Die sind mit der darauf erhobenen Steuer quasi verschwunden, so wurde eine gesellschaftliche Fehlentwicklung korrigiert. Ich bin also absolut für staatliche Steuerungsmaßnahmen – und dass diese wirksam sind, hat sich auch schon in anderen Ländern wie England, Frankreich und Ungarn gezeigt.
 
Anzeige

Galerien

Regionale Events

Würth Open Air

Vom 28. bis 30. Juni findet in Künzelsau das Würth Open Air statt.

Frauen vs. Männer

Am 29. März findet in Heilbronn der "Frauen vs. Männer"-Poetry Slam statt.