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Der tägliche Schmerz

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Der Schulkalender liegt offen auf dem Tisch im Klassenzimmer, auf der Doppelseite für den 11. und 12. März hat die Jugendliche wichtige Dinge notiert. Doch den Zwölften wird sie nicht mehr erleben. Im Klassenzimmer, in dem das Heftlein aufgeschlagen liegt, findet seit Jahren kein Unterricht mehr statt. In der Albertville-Realschule in Winnenden ist es der Gedenkraum, und auf der weißen Wand stehen Datum und Uhrzeit eines Tages, der das Leben vieler Familien verändert: 11.03.2009; 9.33 Uhr. Vor zehn Jahren erschießt ein ehemaliger Schüler 15 Jugendliche und Erwachsene und sich selbst. Auch in dem Zimmer, der nun Gedenkraum ist, sterben Menschen.

Hält Erinnerung wach

Der Gedenkraum hält die Erinnerung an die Opfer wach. 15 Tischchen stehen in fünf Reihen hintereinander, dekoriert sind sie mit Gegenständen, die für die Jugendlichen und Erwachsenen stehen. Teddybären sind abgelegt, eine Partitur, eine CD von Shakira, ein Herz. Ein Tisch gehört der Referendarin Nina, der Tochter von Gisela Mayer.

Zehn Jahre nach dem Amoklauf sitzt Gisela Mayer im Atrium der Realschule. Sie ist Mitbegründerin des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, setzt sich für das Verbot gewaltverherrlichender Videos und striktere Waffengesetze ein und leitet die aus dem Aktionsbündnis hervorgegangene Stiftung gegen Gewalt an Schulen.

Stärker als Hass

Winnenden wird diesen Montag wieder an die Toten erinnern, erst in der Schule, später in der Stadt. Der zehnte Todestag ihrer Tochter reiße keine Wunden auf. "Der Schmerz, das Leiden, der Verlust des eigenen Kinds ist da“, sagt sie. "Jeden Tag.“ Das begleite sie und die anderen Familien. "Unsere Aufgabe besteht darin, damit zu leben.“ Die Jahrestage hingegen seien schön, sagt Gisela Mayer plötzlich. Wegen der Menschen, die sich aufmachen, um ihre Solidarität zu zeigen. Die Gesellschaft sei stärker als der Hass, der hinter der Tat steckte. Gisela Mayer spricht von "Wir“, wenn sie von dieser Gemeinschaft und ihren Gefühlen erzählt. "Es ist wohltuend, was an den Jahrestagen geschieht.“

Unangemeldete Kontrollen

Gisela Mayer nimmt das Gespräch mit Jugendlichen auf, die Amoktaten angedroht oder vorbereitet haben. Sie unterrichtet das Fach Ethik. "Der Amoklauf hat mich in meinem lebenslangen Einsatz für Mitmenschlichkeit auf furchtbare Weise eingeholt“, sagt die 62-Jährige. Das Bündnis setzt sich erfolgreich für unangemeldete Kontrollen ein, bei denen die sichere Aufbewahrung von Waffen in Privathaushalten geprüft wird. Doch mancherorts fehle dafür das Personal, kritisiert die Stiftungs-Vorsitzende.

Der Prozess gegen den Vater des Täters hätte ein Signal sein können, sagt sie. Doch ein Jahr und sechs Monate auf Bewährung wegen 15-facher fahrlässiger Tötung seien kein Urteil, das Waffenbesitzer aufrüttele und sie für die Gefahren ungesichert herumliegender Waffen sensibilisiere. "Das ist keine Strafe für folgenschwere Nachlässigkeit. Der Vater geht nach Hause und trinkt Kaffee“, sagt sie.

Gisela Mayer bedauert, dass sich die Eltern des Schützen nach der Tat in Stillschweigen gehüllt hätten, dass sie keinen Kontakt zu ihnen bekam. "Denn die Eltern wissen von diesem Jungen mehr als jeder andere, die Eltern wissen heute vielleicht, was schief gelaufen ist in dieser Zeit, und sie könnten mit diesem Wissen anderen helfen.“ Sie wolle nicht richten, sondern verstehen.

Der größte Erfolg

Mit dem Geleisteten der Stiftung ist Gisela Mayer zufrieden, aber nicht alles sei allein auf ihre Initiative zurückzuführen, betont sie. Es gebe "wesentlich mehr Schulpsychologen“, die Schulsozialarbeit sei ausgebaut worden. "Hier ist sehr viel geschehen.“ Mittlerweile gibt es ein Beratungsnetzwerk Amokprävention an der Universität Gießen. Dort können beispielsweise Jugendliche anrufen, die sich um Mitschüler sorgen und sich nicht trauen, gleich die Polizei zu verständigen. Das Netzwerk schaltet gegebenenfalls selbst die Beamten ein.

Gut 200 Anrufe habe es in Gießen und bei der eigenen Stiftung gegeben, zählt Gisela Mayer zusammen. "In 80 Prozent der Fälle sei eine Prüfung sinnvoll gewesen.“ Näheres nennt sie nicht. Nur eines hebt sie hervor: "Der größte Erfolg ist, dass nichts geschehen ist.“ Sie ergänzt: "Das ist eine Bilanz, die die USA nicht vorzuweisen haben.“

Stille und Ruhe

Privat hat der 11. März 2009 für die Mutter alles verändert. "Es ist einfach ein neues Leben.“ Die Familie ist noch zusammen; das ist nicht selbstverständlich, zerstören doch Schicksalsschläge wie dieser auch intakte Beziehungen. Sie lebt jetzt in Hessen in der Nähe der zweiten Tochter, die zehn Jahre jünger als die Schwester ist. "Ich habe meine zweite Tochter begleiten dürfen in ihrem schweren Kampf mit dem Unglück.“ Über ein Jahr lang habe diese keine Schule mehr betreten können. Mittlerweile hat die junge Frau ihr Abitur gemacht und studiert.

Woher nimmt Mayer die Energie für ihr unermüdliches Engagement? "Ich denke, ein großer Teil meiner Kraft kommt auch aus der Liebe zu meiner Tochter und vor allem aber auch aus ihrer Liebe zu mir.“ Nach der offiziellen Gedenkfeier in Winnenden will Mayer einige Zeit in Stille und Ruhe verbringen. Für sie sind ein Datum und ein spezieller Ort nicht so wichtig: "Ich brauche keine Gedenktage, oder anders gesagt: Jeder Tag ist ein Gedenktag.“

Von Träumen

 

Ich habe einen Traum: Der Satz von Martin Luther King steht groß über dem Atrium. Entstanden ist die Ideen zu dem Zitat aus einem der unzähligen Projekte, die seit dem Amoklauf in der Schule umgesetzt wurden, erzählt Rektor Sven Kubick. Auch die 15 Ermordeten hatten Träume und Visionen, sagt der Rektor, der seinen Dienst erst nach dem Amoklauf antrat.

Seither hat sich einiges entwickelt. In der ökumenischen Schulgemeinschaft übernehmen die Kinder und Jugendlichen Verantwortung für andere. Der Rektor spricht von Miteinander, das hier sehr wichtig ist. Man sei achtsam. "Wir versuchen, möglichst viele Schüler in die Gemeinschaft mit einzubeziehen.“

Schwierig sei die Arbeit mit betroffenen Eltern wie Schülern allein deshalb, weil der Amoklauf unumkehrbare Tatsachen geschaffen hat. Es habe Augenblicke der Hilflosigkeit gegeben und solche der Hoffnung, etwa als Eltern einer getöteten Schülerin Geschwisterkinder an anmeldeten. Der Gedenktag ist für seine Schule eine Gratwanderung zwischen Rückschau und Blick in die Zukunft. Nur eines ist klar: Die Opfer dürfen nie in Vergessenheit geraten. Deshalb werden Schüler ihre Namen verlesen. "Bei diesem Tag gilt die Aussage nicht ,Die Zeit heilt alle Wunden. Die Narben können immer wieder aufbrechen.“

 

 

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