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Bosse wird politischer

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Axel "Aki“ Bosse wird hin und wieder mit Bruce Springsteen verglichen. Warum eigentlich? Bosse hat drei Vermutungen: 1. Weil er auf der Bühne ähnlich stark schwitzt. 2. Weil seine Songtexte ähnlich "straßig“ klingen. 3. Weil "The Boss“ und "Bosse“ ähnlich geschrieben werden. 

Locker leicht

Das Gespräch mit dem Indie-Pop-Sänger findet in einem Cafe in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs statt. Der Sänger blickt durch eine große, runde, freundliche Brille. Es ist ein optimistisches Modell. Es passt gut zu seiner Musik.

Nummer eins Bosses aktuelles Album "Alles ist jetzt“ ist seine zweite Nummer eins in Folge. Der Titelsong ist ein Radiohit. "All die besten, super Sachen, einfach machen, einfach machen“, singt er da. Bosse weiß, dass der Song ein schlagersüßes Aroma hat. Er hat absichtlich jegliche Sorgen, den ganzen Stress oder die Möglichkeit des Scheiterns ausgeblendet. Das Leben erscheint hier leicht, ganz unkompliziert. "Wer sich gerade genauso fühlt, der kann dazu tanzen“, sagt er. "Wenn es dir gerade nicht so gut geht, denkst du: Was für ein Spinner! So einfach ist das nicht.“ 

Belebende Grundhaltung

In vielen anderen Liedern besingt der 39-Jährige seelische Schwärze, als wisse er genau Bescheid. Seine Stimme klingt dabei immer, als sortiere sie etwas. "Und dann sitz ich auf dem Bett und esse Steine: deine, meine, große, kleine“, reimt er in "Steine“ von 2016. "Licht an, alle Fenster auf“, eine Zeile aus "Kraniche“ von 2013, ist nicht nur ein alltagstauglicher Tipp gegen die Traurigkeit, sie beschreibt auch gut Bosses Grundhaltung.

In seinen Musikvideos bricht er die Ernsthaftigkeit der Lieder gern mit Humor, auch mit Selbstironie. "So oder so“ zeigt ihn beim Formationstanz mit einer Riege Supergirls im Parkhaus. In "Ich warte auf dich“ wirft "Tatortreiniger“ Bjarne Mädel einsam einen Flummi gegen ein Garagentor. Kommt er sich vielleicht manchmal zu ernsthaft vor? "Das Wichtige wird durch Jokes wichtiger“, antwortet Bosse. "Lustig-verzweifelt“ findet er gut.

Leben nutzen 

Lustig-verzweifelt war wohl auch seine Jugend in der niedersächsischen Provinz. Bosse wuchs in Hemkenrode auf, einem 376-Seelen-Dorf bei Wolfenbüttel. Er habe nicht viele Freunde gehabt, erinnert er sich, außer ein paar Ältere, die dieselbe Musik hörten.

Immer wieder geht es in seinen Liedern um Vergänglichkeit. "Das Leben ist zu kurz und viel mehr als in Ordnung“, heißt es in "Kraniche“, "Das Leben ist kurz, zu kurz für ein langes Gesicht“ in "Alles ist jetzt“. 

Mit dem Thema Tod wird er tagtäglich konfrontiert. Seine Frau Ayse ist Schauspielerin, und sie kümmert sich um sterbenskranke oder trauernde Kinder und Jugendliche. Wer sich bewusst mache, dass das Leben nicht unendlich ist, der nutze seine Zeit vielleicht besser, der genieße mehr, der warte weniger, meint Bosse.

Sozialkritischer Song

Ein paar Tage vor dem Interview hatte sich der Musiker die "NSU-Monologe“ im Hamburger Schauspielhaus angesehen, ein dokumentarisches Theaterstück, das den Opfern der Neonazi-Bande eine Stimme gibt. Bosse selbst protestiert schon lange, seit der ersten Pegida-Demo, gegen die, die neue Mauern bauen wollen, gegen die Unmenschen und Demokratiefeinde. Er empfindet dies als seine Pflicht, weil er ein "Nutznießer“ der Demokratie sei, wie er es formuliert. Weil er in einem Land lebe, wo man sich frei äußern könne.

Mit "Robert De Niro“ hat Bosse nun erstmals ein politisches Lied auf dem neuen Album platziert. "Hass kommt von sozialer Ungerechtigkeit, vielleicht von fehlendem IQ“, singt er. "Aber das da ist einfach nur Nazi-Scheiß.“ Bisher hätten es seine Protestsongversuche nie auf seine Platten geschafft, weil sie stets wie "Störenfriede“ wirkten, sagt er. Doch diesmal ist er mit seiner Arbeit zufrieden, weil "Robert De Niro“ kein Parolenlied ist, sondern das Porträt einer Abgehängten. Für solche sozialkritischen Songs ist auch Springsteen bekannt.

 

 

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