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Fotos von Essen?

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Es ist wahrlich kein neues Phänomen, aber eines, das die Schreiberin immer noch verstört: Ein Restaurant irgendwo in Deutschland. Den vier Frauen am Nebentisch, alle um die 40, wird ihr Essen serviert.

Zum Abfotografieren

Sofort hält eine ihr Handy in verschiedenen Winkeln über den Teller, fotografiert den Klumpen Fleisch mit brauner Sauce und die beiden weißen Knödel darauf. "Fangt schon mal an, ich muss das noch kurz posten“, sagt sie zu ihren Begleiterinnen und vertieft sich in ihr Handy. Die Schreiberin und ihr Gegenüber schauen sich ratlos an: "Also ich verstehe diesen Trend nicht“, meint er. "Warum fotografiert jemand sein Essen?“ 

Zeit für eine Nachfrage bei einer Expertin in Sachen Abbildung von Nahrungsmitteln. Katja Jäkel, 48, ist Food-Redakteurin der "Nürnberger Nachrichten“. Seit rund fünf Jahren betreibt sie unter dem Schlagwort "Aufgetischt“ auf Facebook eine Seite mit rund 5000 Abonnenten, ein Instagram-Kanal kam später hinzu. "Fotos von Essen gehen wahnsinnig gut“, sagt sie.

Bessere Resonanz

Ihrer Wahrnehmung nach hat "Essen total an Stellenwert gewonnen“. Die Themen Herkunft, vegane und gesunde Speisen stießen regelmäßig auf viel Resonanz: "Die Fotos werden gelikt, geteilt und kommentiert, was das Zeug hält.“ Ein Foto bringe es schon mal auf über 5000 Abrufe – ein geschriebener Text hingegen im Normalfall auf um die 1200. Allerdings, das schränkt sie ein, müsse das Bild schon ästhetisch aussehen, sonst gebe es bissige Kommentare. 

Jäkel trägt dem Rechnung: Sie hat technisch aufgerüstet, die Bearbeitung jedes Bildes vor dem Posten ist sowieso selbstverständlich. "Es ist mein Job, die Gastronomie in unserer Region vorzustellen“, sagt Jäkel. "Wenn ich mit meiner Familie essen gehe, wissen die, dass sie erst die Hände hochheben müssen und warten, bis ich ein Bild gemacht habe.“ Als Privatperson würde sie das so definitiv nicht machen, sagt sie. 

Kunstwerke

Zurück zur Frau am Nebentisch, die immer noch auf dem Handy tippt. "Ihr Essen wird kalt“, meint der Begleiter der Schreiberin – er kann sich nicht mehr beherrschen – in Richtung des Knödeltellers. Die Frau schaut konsterniert herüber und senkt dann wieder ihren Kopf über das Display. Muss wohl noch "Hashtags“ setzen – die Suchbegriffe, mit denen Food-Fotografen ihre Werke versehen, um sie für andere auffindbar zu machen.

Die heißen zum Beispiel "foodporn“, "foodlove“ oder "foodorgasm“. Unter diesen Begriffen findet man unfassbare Mengen von fotografiertem Essen aus der ganzen Welt: die käsetriefende Pizza genauso wie eine angebissene Wurst oder Essen aus dem veganen Szene-Restaurant, das wie ein Kunstwerk angerichtet ist.

Der Trend hat sich so verfestigt, dass sich Psychologen damit befassen. Eine Ferndiagnose: Menschen, die ständig Essen posten, haben psychische Probleme, sie versichern sich so ihrer eigenen Bedeutung. Eine andere: Zuvor fotografiertes Essen schmeckt besser. Oder gegenläufig: Wer Essen postet, kann sich zwar später noch sehr gut daran erinnern, wie es auf dem Teller angerichtet war und wie das Ambiente im Restaurant aussah, doch der Geschmack und die Gespräche mit den Tischnachbarn verblassen.

Kein Urheberrecht

Bleibt noch die Frage: Ist es erlaubt, überall sein Essen zu fotografieren? Dazu gibt es im Internet ganze Abhandlungen. Den Anstoß hatte ein Berliner Gastronom vor einigen Jahren geliefert, als er einen Zettel aufhängte mit der Botschaft: "Bitte hier im Restaurant das Essen nicht instragrammen! – Diesen Zettel auch nicht.“ Die Botschaft verbreitete sich – natürlich – rasend schnell, weil jemand den Zettel fotografierte und ins Netz stellte. Nun die Juristen: Das Bild von einem Teller Essen sei in der Regel nicht urheberrechtlich geschützt, meinen sie mehrheitlich. Deshalb könne ein Restaurantbesitzer seinen Gästen das Fotografieren auch nicht pauschal verbieten. Eine Ausnahme könnte besonders kunstvoll präsentiertes Essen darstellen.

Was meint die professionelle Food-Bloggerin? Naja, angenehm sei es ihr selbst nicht, im Restaurant immer zuerst das Essen zu fotografieren, sagt Katja Jäkel. Gleichzeitig störe sich kaum noch einer daran – die Gastronomen schon gar nicht: "Das zieht total Reichweite, für sie ist das Werbung pur.“

 

 

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