Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Bald vernetzt

Übersicht

Seit Jahren wird die Digitalisierung des Gesundheitswesens beschworen: mal als Rezept gegen den Ärztemangel auf dem Land, mal mit dem Argument, durch eine engere Vernetzung zwischen den einzelnen Behandlern erhöhe sich die Sicherheit für den Patienten. Der Fortschritt in der Sache war indes bescheiden. Während die skandinavischen und baltischen Staaten längst flächendeckend mit vernetzten elektronischen Patientenakten arbeiten, gab es in Deutschland bislang Modellversuche einzelner Akteure oder individuelle digitale Lösungen von Krankenkassen für ihre Versicherten. Bundesweite Strukturen fehlen aber nach wie vor. 

Baustein

Mit dem Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG), das Anfang 2020 in Kraft tritt, hat der Bundestag nun wichtige Bausteine eines solchen flächendeckenden Versorgungsnetzes beschlossen. Das DVG sieht vor, dass sich Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken an die sichere Datenautobahn für das Gesundheitswesen, die sogenannte Telematikinfrastruktur, anschließen. Diese Vernetzung ist Basis für die breite Nutzung der elektronischen Patientenakte ePA, die allen gesetzlich Versicherten ab 2021 zur Verfügung stehen soll. Auf ihr sollen etwa Behandlungsdaten oder Informationen zu eingenommenen Medikamenten gespeichert werden. Der behandelnde Arzt oder Therapeut soll im Idealfall direkten, digitalen Zugriff darauf haben und so zum Beispiel rasch einsehen können, welche Voruntersuchungen schon erfolgt sind. 

Weitere Elemente: Patienten können Videosprechstunden künftig einfacher nutzen – und der Arzt darf im Internet über ein solches Angebot informieren. Stichwort Gesundheits-Apps: Patienten sollen sie von der Kasse bezahlt bekommen, wenn der Arzt sie verordnet.

Die Krankenkassen sind nur teilweise zufrieden mit dem Paket von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). So geht AOK-Landeschef Christopher Hermann hart mit den "Apps auf Rezept" ins Gericht: Dabei habe Spahn wohl eher Wirtschaftsförderung als die Versorgung der Versicherten im Blick gehabt, lästert Hermann: "Mangels durchdachter Ideen, was im Gesundheitswesen tatsächlich helfen kann, darf zunächst jeder Anbieter seine Produkte zu Lasten der Solidargemeinschaft auf den Markt bringen. Und was dann nach einem Jahr passiert, weiß niemand." Die Regelung sieht vor, dass Apps nach Prüfung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ein Jahr lang vorläufig von der gesetzlichen Krankenversicherung erstattet werden. In dieser Zeit muss der Hersteller beim BfArM nachweisen, dass seine App die Versorgung der Patienten wirklich verbessert.

Zentrales Element

Weniger kritisch sieht Barmer-Landeschef Winfried Plötze das DVG. Es gebe Krankenkassen mehr Möglichkeiten, digitale Innovationen zu fördern, sagt er. Plötze sieht die Telematikinfrastruktur als zentrales Element. Sie müsse "als alleinige Kommunikationsplattform gestärkt werden, um darüber Patientendaten sicher und sektorenübergreifend nutzen zu können". Plötze plädiert dafür, die Hürden für telemedizinische Angebote wie die Online-Sprechstunde weiter abzubauen: "Die Fernverschreibung von Arzneimitteln muss möglich sein" – genauso wie eine standardmäßige telemedizinische Behandlung ohne vorherigen persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient. In seinen Augen kann das Telemedizinprojekt Doc Direkt der Kassenärzte im Land als "Blaupause für einen bundesweiten Ausbau der Fernbehandlung" dienen. 

Die Techniker Krankenkasse bewertet das DVG überwiegend positiv, Gesundheitsminister Spahn "steht voll und ganz hinter dem Digitalisierungsthema", sagt TK-Landeschef Andreas Vogt. Das Thema künstliche Intelligenz stellt die Kasse selbst bei einem Kongress in Stuttgart Anfang Dezember in den Mittelpunkt. "Diagnose und Therapie werden sich durch die künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren massiv verändern", so Vogt. Diese Veränderungen, gerade bei Patienten-Apps, wolle man aktiv mitgestalten. "Die großen Techgiganten arbeiten mit Hochdruck daran, mit ihren Produkten Fakten zu schaffen. Es ist besser, sich proaktiv mit Zukunftsthemen zu beschäftigen, als die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen."

Junge Generation

Die künftigen Entscheider im Gesundheitswesen sehen Deutschland in Sachen Digitalisierung indes gar nicht so schlecht aufgestellt. Timo Frank ist 26 Jahre alt und Absolvent der Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth. Vor zwei Jahren hat er mit einigen Mitstreitern die Online-Community "Hashtag Gesundheit" gegründet, aus der inzwischen ein Verein geworden ist. "Wir verstehen uns als die 'junge Stimme' im Gesundheitswesen", sagt Frank, "viele Strukturen und Denkweisen sind alt, wir wollen eine andere Perspektive reinbringen."

Die rund 150 Mitglieder produzieren gut gemachte Blogs, Videos oder Podcasts zu unterschiedlichen Themen aus Medizin und Gesundheitspolitik. Ein Schwerpunkt von "Hashtag Gesundheit": die Digitalisierung. Frank sagt: "Wir sehen uns in Deutschland selbst gern als Schlusslicht, aber so schlecht sind wir gar nicht. Wir haben einen sehr gut regulierten Gesundheitsmarkt und langsamere Zyklen, weil wir Wert auf Sicherheit und Datenschutz legen." Das sieht er positiv und glaubt: "Dass Google auf Millionen von Patientendaten zugreift wie in den USA, könnte in Deutschland so nicht passieren."

Frank erwartet von der Einführung der ePa einen digitalen Schub, wertet es auch unter dem Aspekt der Patienteninformation als positiv, dass Versicherte künftig selbst über ihre gespeicherten Daten verfügen sollen. Vom E-Rezept verspricht er sich gerade für chronisch Kranke deutliche Verbesserungen: "Für sie sinkt der Aufwand."

 

Galerien

Regionale Events

Würth feiert Jubiläum

Würth feiert 2020 Jubiläum mit den Würth Philharmoniker, Open Air und einem Tag der offenen Tür.