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Verdrängt Corona die Sorge um das Klima, Luisa Neubauer?

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Die Fridays-for-Future-Bewegung hatte es geschafft, den Klimaschutz weit nach oben auf die politische Agenda zu setzen – und dann kam Corona. Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer erklärt im Gespräch mit Thorsten Fuchs, warum die Corona-Krise dennoch auch eine Chance für ihre Bewegung sein kann.

Luisa, die Corona-Pandemie lässt selbst die Sorge um das Klima gerade in den Hintergrund treten. Inwiefern betrifft diese Infektionswelle dich persönlich?

Luisa Neubauer: In vielen Dimensionen – einerseits bleibe ich zu Hause, habe Dutzende Termine, Lesungen, Reisen bis nach dem Sommer gecancelt. Meine Rolle als Aktivistin ist heute auch eine ganz andere. Und ganz privat mache ich mir natürlich große Sorgen, um meine Großmutter und andere ältere Verwandte, um einen engen Freund, der hochgradig gefährdet ist, um meine Mutter, die als Krankenschwester täglich einer Ansteckung ausgesetzt ist und hautnah erlebt, wie ein Gesundheitssystem an seine Grenzen gerät – auf dem Rücken von Menschen wie ihr.

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Die allermeisten halten sich an die nun nötigen Distanzregeln. Gerade einige Jüngere scheinen aber Probleme damit zu haben und lieber die viel zitierten Corona-Partys zu feiern. Wie erklärst du dir das? Und wie ließe sich das ändern?

Luisa: Von dieser Tendenz habe ich auch schon gehört, viele scheinen zu glauben, Corona sei für sie per se nicht gefährlich. Das ist einerseits medizinisch falsch, aber viel mehr verpassen sie, es als Gefahr für andere zu verstehen und dieser Verantwortung gerecht zu werden. Ich und andere junge Menschen mit Reichweite appellieren daher auf Social Media an andere junge Menschen, ich lebe das ganz bewusst vor.

Die Pandemie wird den Fridays-for-Future-Protest in der bisherigen Form, mit Streiks und mächtigen Demonstrationen, wohl auf Monate hinaus unmöglich machen. Wie willst du dein Engagement jetzt fortsetzen?

Luisa: Ja, wir machen weiter – jetzt halt anders. Als Teil einer Bewegung, die Massenmobilisierungen organisiert, sind wir als Fridays for Future jetzt auch ganz neu gefordert. Wir haben alle Streiks abgesagt, rufen zum Zuhausebleiben auf, organisieren online Bildungsangebote und helfen schwachen Bevölkerungsgruppen.

Was bedeutet diese Krise für deine Bewegung?

Luisa: Wir fordern, dass alle Krisen ernst genommen werden. Dass man diese Krise so bewusst und konsequent anpackt, ist genau richtig. Wir verstehen, dass wir jetzt gefragt sind, zur erfolgreichen Bewältigung dieser Krise beizutragen. Das machen wir auf Hochtouren, so lange wie nötig. Die Klimakrise verschwindet nicht, das ist klar. Wenn die Zeit reif ist, werden wir uns auch damit wieder intensiver beschäftigen. Bis dahin passen wir sehr gut auf, was gerade alles geleistet wird, für diese Krise. Das sollte unser Selbstbewusstsein im Umgang mit der Klimakrise im besten Falle stärken.

Angst um Menschen

Hast du Angst, dass diese Krise, die Corona-Krise, die Debatte und die Sorge um das Klima auf lange Zeit aus dem Bewusstsein verdrängen und damit auch deine Erfolge zunichtemachen wird?

Luisa: Ich habe Angst um die Menschen rund um die Welt und in meinem direkten Umfeld, die gerade durch Corona in Gefahr sind. Ja, zusätzlich ist es natürlich beunruhigend zu wissen, dass uns die großen Krisen des Planeten auch zu Corona-Zeiten einholen werden. Auch wenn wir alle mit den Gedanken gerade woanders sind, wird der Amazonas dieses Jahr brennen, wird es Überschwemmungen und Extremwetter geben. Wir werden als Gesellschaft und als Menschheit ganz schön wachsen müssen an dieser doppelten Herausforderung. Jetzt hat eben nicht mehr nur der Planet Fieber, sondern die Menschen auch.

Andererseits könnte sich diese Pandemie möglicherweise sogar positiv auf die Klimakrise auswirken. Immerhin sinken gerade die weltweiten Emissionen, Flugzeuge bleiben am Boden. Kann man das sagen, ohne zynisch zu wirken?

Luisa: Nein, dass kann man nicht sagen. Die Klimakrise ist Folge jahrzehntelanger fossiler Ausbeutung des Planeten. Gerade jetzt sinken die Emissionen zwar, aber das ist ein kurzfristiger, unbeabsichtigter Nebeneffekt einer schrecklichen Krise. Echter Klimaschutz folgt Plänen und Zielsetzungen, setzt Maßnahmen nachhaltig um. Das brauchen wir – keine spontanen Emissionseinbrüche, geboren aus einem Chaos.

Wird man vielleicht mit großem Abstand aus der Corona-Krise etwas für die Bewältigung der Klimakrise lernen können? Immerhin geht es jetzt viel um Solidarität und darum, dass Menschenleben mehr zählen als wirtschaftliche Interessen

Luisa: Oh, ja, das ist sehr interessant. Wir können Krisen also doch ernst nehmen, wenn wir wollen! Und wir können ungeahnte Solidarität und Bereitschaft zu handeln zeigen. Im besten Falle machen wir diese Krisenerfahrung zu einer Krisenbewältigungserfahrung, machen uns fleißig Notizen und konservieren diese Erfahrungen für die Klimakrise. In all dem Chaos, in all dem Leid und der Belastung kann das doch tatsächlich ein zarter Hoffnungsschimmer sein.

Persönlicher Einsatz

In deinem Buch „Vom Ende der Klimakrise“, das du zusammen mit Alexander Repenning vor Corona geschrieben hast, erwähnst du, dass du eigentlich nie Klimaaktivistin hättest werden wollen. Wie ging und geht es dir jetzt mit dieser Rolle?

Luisa: Nach wie vor ambivalent. Ich habe ganz hautnah miterlebt, wie Menschen ein Land auf den Kopf gestellt haben, zumindest diskursiv. Das ist natürlich unglaublich bewegend. Das heißt, wenn Menschen zu mir sagen, die Menschen würden sich nie verändern, dann sage ich: Hey, macht die Augen auf und seht euch an, was wir alles geschafft haben! Das ist ein Teil von mir. Und der andere stellt fest: Jetzt war ich da, war in den Ministerien und Parlamenten, habe mit den Präsidenten gesprochen und mit den CEOs, war beim Weltwirtschaftsforum. Ich bin bis in diese Machtzentren gelangt, und noch immer stehen wir ganz am Anfang, und das ist eine sehr irritierende Erfahrung.

Du hast auch andere persönliche Ziele für diesen Weg hintenangestellt, so hast du es mal erwähnt.

Luisa: Ich habe mich an dem Tag, an dem wir unseren ersten großen Streik in Berlin organisiert haben, für einen Masterstudiengang an einer sehr guten englischen Universität beworben. Sehr lange war das für mich ein zentraler Pfeiler für meine Zukunftsplanung. Ich wurde dann tatsächlich angenommen – und ich habe abgelehnt. Die Uni fand das so ungewöhnlich, dass ich gefragt wurde, ob ich nicht einen Gastbeitrag über diese Entscheidung schreiben wollte, weil so etwas so selten vorkommt. Das habe ich aber dann übrigens nicht gemacht.

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Du hast auf der anderen Seite, neben großem Zuspruch, auch sehr viele, teilweise sehr persönliche Anfeindungen erlebt. Wenn man bedenkt, dass du diese Rolle gar nicht angestrebt hast, denkt man da nicht: Dann macht es doch allein?

Luisa: Ganz schwieriges Thema. Ich sehe, dass es dazugehört, dass man diese Anfeindungen erlebt. Ich will das nicht rechtfertigen, aber ich erkenne das natürlich an, dass das mit einer solchen Präsenz in der Öffentlichkeit als junge Frau in dieser Gesellschaft einhergeht. Schmerzhaft wird es für mich, wenn es meine Familie betrifft. Gleichzeitig jedoch, wenn eine Person mal wieder zu mir sagt: Luisa, dumme Hure, geh zur Schule – dann kann ich ja nicht zulassen, dass man dieser Person recht gibt. Da entsteht dann ein ganz neuer Zugzwang: Wer wäre ich jetzt, mich davon abbringen zu lassen? Das heißt nicht, dass es mich nicht nervt, wenn ich mich mit Anwälten, Klagen und Verfügungen befassen muss.

Aber Rückzug wäre ein Zeichen von Schwäche?

Luisa: Das kam nicht in Frage. Und bleiben wir auf dem Teppich: Ich habe es im Vergleich unfassbar gut. Ich sehe in großer Ehrfurcht auf viele andere politische Aktivisten, die ganz anderem ausgesetzt sind. Und ich habe auch nicht so viel Zeit und Energie, um mich die ganze Zeit mit Hassgeschichten zu beschäftigen.

Was folgt daraus für Sie, dass Fridays for Future noch nicht genug erreicht hat? Muss der Protest radikaler werden?

Luisa: Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen Radikalität und Gewaltbereitschaft gleichsetzen – und das wäre natürlich Unsinn.

Dann sagen wir: Entschlossenheit.

Luisa: Dann denken viele Menschen an zivilen Ungehorsam. Das wäre in meiner Wahrnehmung zu kurz gegriffen, das ist eine mögliche Aktionsform von vielen. Dass auf Straßenprotest zwangsläufig Ungehorsam folgen muss, geht an bewegungspolitischen Realitäten vorbei. Plus: Die Geschichte lehrt uns, dass sozialer Wandel nicht linear verläuft, sondern eben chaotisch – nirgends wird das sichtbarer als jetzt in der Corona-Krise. Sie verändert die Bedingungen und Umstände fundamental. Während wir gefragt sind, in aller Ernsthaftigkeit und Sensibilität auf die Pandemie einzugehen, geht es für die Klimabewegung nebenbei darum, Ressourcen und Erfahrungen noch wirkungsvoller einzusetzen und klugen politischen Widerstand und Protest zu organisieren, wenn die Zeit dafür reif ist. Anlass zur Hoffnung, dass es möglich sein kann, ungeahnte Kräfte hinter der Vision einer klimagerechten Post-Corona-Zukunft zu vereinen, gibt es durchaus: Wenn man bedenkt, was wir binnen eines Jahres alles mobilisiert haben, wenn man das nimmt und multipliziert mit dem, was wir gelernt haben, dann gibt es keinen Anlass zu verzagen, im Gegenteil.

Schon vor der Pandemie verzeichneten die Demonstrationen in Deutschland aber weniger Teilnehmer.

Luisa: Dafür verzeichneten die globalen Streiks immer mehr Teilnehmer. Wir haben auch ein Bedürfnis nach Reflexion, nach Stärkung und nach strategischer Überlegung. Deshalb ist klar, dass wir nicht ständig Massenevents mobilisieren – das galt schon vor der Pandemie, und es gilt jetzt noch mehr. Ich finde es sehr wichtig, dass auch politische Regenerationszeit eingeplant wird. Dazu kommt, dass Zahlen nur ein Teil von ganz vielen Faktoren sind, die darüber entscheiden, wie groß der Druck sein kann.

Welche Faktoren sind es noch?

Luisa: Es geht darum, den Protest einzubetten in eine Erzählung, die Menschen berührt. Wir haben eine große, unfassbar starke politische Masse in Deutschland, die bereit ist, sich zur Wehr zu setzen, sei es gegen rechts außen oder die Klimakrise oder jetzt auch gegen diese Pandemie. Die Leute sind da, die sind präsent, ob auf der Straße oder woanders.

Mehr Klimaschutz wird die Lebensweise von Menschen auch stark verändern – sicher nicht so radikal wie derzeit in der Pandemie, aber auch einschneidend. Was ist, wenn sie sich in Wahlen nicht dafür entscheiden?

Luisa: Das Schöne an unserer parlamentarischen Demokratie ist ja, dass wir an der Urne nicht einzelne Maßnahmen wählen, sondern Programmatiken. Es reicht, wenn wir Mehrheiten hinter größeren Richtungsentscheidungen versammeln: Wollen wir dass Klimaabkommen von Paris einhalten, ja oder nein? Sind wir bereit, aus der Kohle auszusteigen, ja oder nein? Für ganz viele Dinge davon gibt es Mehrheiten. Diese Mehrheiten müssen auch immer wieder gewonnen und überzeugt werden. Das erfordert, dass wir uns abwenden von den Narrativen der letzten 20 Jahre, mindestens, die da sagen: Klima ist ein linkes Thema, ein Ökothema, ein Feindbild, das uns Wohlstand und Arbeitsplätze wegnimmt. Alles das sind sehr erfolgreiche, kle­bri­ge Erzählungen. Aber wissenschaftlich und ökologisch betrachtet sind es eben auch irrationale Erzählungen. Ökologische Politik muss als Standbein fungieren, als Fundament, auf dem andere Politikfelder organisiert werden können. Das braucht eine Art Kalibrierung unseres politischen Mindsets – und das geht auch.

Und zur Not können Sie den Studienplatz in England doch noch annehmen?

Luisa: Nein, das hingegen geht nicht ohne Weiteres. Das ist aber auch okay so.

Das deutsche Gesicht des Klimaschutzes

Jede Bewegung braucht Gesichter. Für die Fridays-for-Future-Demonstrationen weltweit ist dieses Gesicht zweifellos Greta Thunberg. Aber in Deutschland gibt es eine weitere junge Frau, die aus der Masse der engagierten Menschen hervorsticht. Die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer ist eine der Hauptorganisatoren der Fridays-for-Future-Demonstrationen und des Klimastreiks hierzulande.

Die gebürtige Hamburgerin Neubauer lernte Greta Thunberg im Dezember 2018 auf dem Weltklimagipfel in Kattowitz kennen. Bereits kurze Zeit später organisierte die heute 23-Jährige die ersten Klimaschutzstreiks in Deutschland und wurde überregional bekannt.

Neubauer ist Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und studiert Geografie in Göttingen. Ein Angebot von Siemens-Chef Joe Kaeser, einen Sitz in einem Aufsichtsratsgremium bei Siemens Energy anzunehmen, lehnte sie ab.

Ihr erstes Buch, das sie gemeinsam mit Alexander Repenning veröffentlicht hat, heißt „Vom Ende der Klimakrise – Eine Geschichte unserer Zukunft“. Es ist bei Klett-Cotta erschienen, hat 304 Seiten und kostet 18 Euro.

 

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