Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

"Vom Asylheim in die Charts"

zurück zur Übersicht

Nura: Hallo Kristian.

Hallo Nura. Wenn Sie das Gespräch so beginnen, kann ich mir die Frage eigentlich sparen, ob wir uns lieber duzen oder siezen wollen.
Nura: Lass uns auf jeden Fall du sagen.

Okay, sehr gern. Nura, du bist mit deiner Familie im Alter von drei Jahren aus Kuwait nach Deutschland gekommen. Du bist anfangs in Asylbewerberheimen aufgewachsen und weißt, was es heißt, sich nicht alles leisten zu können. Heute bist du ein erfolgreicher Rapstar. Kann das jeder schaffen?
Nura: Ja! Ich hoffe einfach, dass sich die Leute von nichts unterkriegen lassen und mein Buch als Motivation verstehen, es auch zu versuchen.

Du bist Rapperin und Sängerin. Du könntest dein Leben und deine Geschichten auch in Songs erzählen. Warum hast du dich entschieden, ein Buch zu schreiben?
Nura: Das wäre wahrscheinlich das längste Album der Geschichte geworden, wenn ich meine Lebensgeschichte zu einem Album gemacht hätte. Es hätte auch kein Interview geben können, in dem ich das alles so umfangreich hätte erklären können. Und deshalb war es richtig, das Buch zu schreiben.

Aber willst du mit dem Buch auch irgendetwas erreichen?
Nura: Zunächst wollte ich mir alles mal von der Seele schreiben. Aber ich will erreichen, dass ich Leute damit mutiger mache, an sich zu glauben, auch wenn sie aus ärmlicheren Verhältnissen kommen. Und dass es einen Push für Menschen gibt, die ähnlich aufgewachsen sind wie ich. Die dann sagen: Krass, die hatte ja dieselben Probleme wie ich und hat sich nicht unterkriegen lassen.

Du beschreibst deine alleinerziehende Mutter als eine Frau, die sich viel um euch vier Kinder gekümmert und viel gearbeitet hat. Trotzdem bist du im Alter von 13 Jahren von zu Hause abgehauen und in ein Heim gezogen. Warum?
Nura: Weil ich unbedingt akzeptiert werden wollte. Ich wollte, dass meine Mutter mich so wahrnimmt, wie mich meine Freunde kennen. Es gibt ja viele Jugendliche, bei denen die Eltern nicht wissen, wie ihre Kinder drauf sind. Man verhält sich vor den Eltern anders. Und bei mir war es schon als Kind so, dass ich nicht wollte, dass meine Freunde die eine Nura kennen und meine Mutter eine andere. Das stand immer an erster Stelle, dass meine Mutter mich so lieben sollte, wie ich bin – mit allen Fehlern.

Und was ist draus geworden?
Nura: Es ist super gelaufen, dafür, dass ich eine lange Zeit mit meiner Familie nichts zu tun hatte und komplett allein war. Es war ein langer Weg. Aber im Endeffekt hat sich der Weg trotz der Einsamkeit zwischendurch echt gelohnt. Ich würde im Nachhinein nichts verändern. Weil mich im Endeffekt all diese Dinge zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Wenn ich nicht mit 13 ins Heim gegangen wäre, weiß ich nicht, ob ich heute Rapperin wäre und in Berlin leben würde.

Deine Mutter ist gläubige Muslima. Du bist westlich geprägt. War das auch ein Grund für die Konfrontationen?
Nura: Ja, auf jeden Fall. Aber im Endeffekt wollte ich nur zeigen, dass nicht alle Muslime gleich sind. Muslim zu sein heißt nicht, ich werde gezwungen, ein Kopftuch zu tragen oder dass ich jemanden heiraten muss, den ich nicht kenne oder sonst was. Sondern es gibt auch moderne Muslime, die sehr religiös sind und trotzdem mit der modernen Art voll klarkommen.

Und deine Mutter hat das akzeptiert?
Nura: Ja, mega. Sie ist mein größter Fan. Und ich habe im Laufe der Jahre viel dazugelernt. Mittlerweile habe ich ein ganz anderes Gefühl dafür, wie meine Mama mit 22 Jahren und vier Kindern allein durch ich weiß nicht wie viele Länder geflüchtet ist, um uns hier dieses Leben zu ermöglichen. Da habe ich heute eine ganz andere Sichtweise auf meine Mutter. Ich vergöttere diese Frau, ich verehre sie. Sie ist eine starke Frau. Das habe ich als Kind nicht so gesehen. Da war nur ich mir wichtig. Wir haben beide mittlerweile gelernt, dass wir verschieden sind, aber uns unglaublich lieben und dass uns nichts trennen kann.

Deine Familie und du, ihr habt nicht viel Geld gehabt in deiner Kindheit und Jugend, alles musste sich deine Mutter vom Munde absparen. Gibst du dafür heute richtig viel Geld aus?
Nura: Nein. Ich gönne mir eigentlich nur einen Luxus, und das ist Essen. Das heißt nicht, dass ich in schicke Restaurants gehe, sondern ich bestelle wahnsinnig gern Essen. Ich liebe es.

Keine teure Kleidung?
Nura: Ich bin dankbar, dass ich heute viele Klamotten von Modeunternehmen geschenkt bekomme. Ich trage jetzt Sachen von Marken, bei denen meine Mutter vier Monate sparen musste, um uns davon etwas zu kaufen. Aber ich war nie ein materialistischer Mensch, ich brauche keine teuren Designersachen in meinem Leben. Ich bin bislang ohne Gucci klargekommen und werde es mit Sicherheit auch weiterhin.

Aber Essen bestellen ist ja nun wirklich ein sehr bescheidener Luxus. Vor allem in der Rapwelt, in der du dich bewegst, geht es ja um ganz andere Dinge: um große Autos, schöne Villen, Gold, dicke Ringe am Finger.
Nura: Das stimmt. Ich muss auch zugeben, dass ich von meinem ersten größeren Geld, das ich verdient habe, ein Auto gekauft habe. Allerdings nicht für mich, sondern ich habe meinem kleinen Bruder einen Smart geschenkt. Er hatte seinen Führerschein gemacht, aber war drei Jahre lang nicht mehr gefahren, weil er kein Geld für ein Auto hatte. Das wollte ich ändern. Ich habe ihm extra einen Smart gekauft, weil ich Angst hatte, dass er anfangs mit einem Riesenauto nicht klar kommt. Und meiner Mutter habe ich ihre Wunschküche gekauft.

Dir selbst hast du dir nichts gegönnt?
Nura: Doch. Mir und meiner Schwester habe ich von meinem ersten Geld einen Flug in die Dominkanische Republik spendiert. Das war Ende des vergangenen Jahres, und es war das erste Mal, dass ich eine so große Summe irgendwohin überwiesen habe. Das war für mich schon crazy. Du merkst, ich versuche mehr, meine Familie mit irgendwelchen Dingen zu beeindrucken. Und bei denen ziehen Gucci-Sachen oder so etwas nicht.

Ich kann immer noch nicht glauben, dass du dir nichts Besonderes kaufst.
Nura: Ich habe ehrlich gesagt keine Wünsche. Obwohl, warte mal, eins fällt mir doch ein.

Aha, ich wusste es.
Nura: Ich wünsche mir zu Weihnachten – ich habe Weihnachten auch Geburtstag – immer Socken. Weil meine ganzen Socken immer auf der Tour verloren gehen. Ich weiß nicht, warum. Ich gehe mit 16 Paaren auf Tour und komme nur mit zwei wieder.

Socken?
Nura: Die gehen überall verloren, in der Waschmaschine und so. Deshalb wünsche ich mir immer Socken, auch von meinen Fans. Ich bekomme mittlerweile auch von meinen Fans auf der Tour welche geschenkt. Weil die wissen, dass dies das Einzige ist, was mir fehlt. Wenn du mich fragst, was mir noch fehlt: Mir fehlt gar nichts.

Kommen wir zu einem ernsteren Thema. In den vergangenen Wochen wurde auch in Deutschland viel über Rassismus gesprochen. Wie sind deine Erfahrungen mit Rassismus?
Nura: Hier in Deutschland habe ich auf jeden Fall schon Rassismus erlebt, schon oft genug. Es ist halt dieser Standardrassismus. Nicht, dass ich mal zusammengeschlagen wurde, aber Alltagsrassismus ist mir so oft passiert, dass ich es mittlerweile schon als normal empfinde. Und da wundert es mich schon, dass es Politiker gibt, die behaupten, wir hätten hier keinen Rassismus. Das können die ja wohl nicht beurteilen, weil das weiße Männer sind, die einfach noch nie Rassismus erlebt haben. Das wird dann immer runtergespielt. Wenn man Rassismus runterspielt, ist das sehr eklig für die Opfer. Wenn man sexuelle Belästigung runterspielt, ist das auch sehr eklig für die Opfer. Man hat dann als Opfer das Gefühl, die Menschen halten nicht zu einem.

Wie äußert sich Alltagsrassismus?
Nura: Das ist sehr vielfältig. Ein Beispiel: Wenn ich in eine Bahn einsteige – also vor Corona – und mich auf einen Platz setze, passiert es nicht selten, dass eine ältere Dame sofort die Handtasche auf die andere Seite stellt.

Weil sie denkt, du klaust ihr was.
Nura: Klar. Mal anders herum: Wenn die ältere Dame eingestiegen wäre und es wäre kein Sitzplatz frei gewesen, wäre ich die Erste gewesen, die aufsteht. Ich denk mir dann: Ach Omi, ich habe dir doch noch nie etwas getan. Warum hast du denn schon jetzt was gegen mich, ohne dass du mich überhaupt schon kennengelernt hast? Es ist nur die Hautfarbe, die dazu führt, dass solche Leute sagen: Das ist eine von denen. Und dieses Ihr und Wir, das gefällt mir nicht.

In Folge von Black Lives Matter gab es vor einigen Wochen auch in Deutschland eine große Debatte über Rassismus, über das Leben dunkelhäutiger Menschen hier. Hast du das Gefühl, dass sich dadurch irgendwas verbessert hat, oder ist das eine dieser Debatten, die zwei, drei Wochen mit viel Elan geführt werden, und am Ende ändert sich nichts?
Nura: Der Hype war da. Das Thema hat auch die berechtigte Aufmerksamkeit bekommen. Aber leider verschwindet der Hype schon wieder. Leute gehen wieder ihren normalen Weg, posten nichts mehr zu dem Thema, diskutieren weniger darüber.

Raptexte von Männern sind oft frauenfeindlich und homophob. Wie behauptet man sich in dieser Rapwelt eigentlich als bisexuelle Frau?
Nura: Ich komme eigentlich gut klar. Ich habe mittlerweile schon so viel Sexismus erlebt, da kann ich über die Jungs eigentlich nur noch lachen. Ich nehme die gar nicht so ernst. Ich mache das auf meine Art und Weise. Im Moment sitze ich an meinem neuen Album, und da gibt es den einen oder anderen Song, der dieses Thema behandelt. Ich reagiere gern mit Humor auf solche Dinge.

Wann erscheint dein neues Album?
Nura: Das kann ich leider noch nicht genau sagen.

Noch in diesem Jahr?
Nura: Ich hoffe, noch dieses Jahr, ja.

Bei vielen Rappern ähneln sich Texte und Themen. Muss es beim Rap immer um Sex, große Autos, Bling-Bling und so weiter gehen?
Nura: Wenn ein Rapper ein Album über eine bestimmte Problematik macht und das nächste Album dann wieder über dieselbe Problematik und die nächsten genauso, dann würde ich als Fan sagen: „Gimme more, man! Das haben wir doch schon beim letzten Album durch.“

Und als Künstlerin?
Nura: Sehe ich das genauso. Die meisten Rapper haben doch geile Storys zu erzählen. All die Rapper mit migrantischen Wurzeln haben alle voll die krassen Lebensstorys. Aber man hört ganz oft nur dieses 08/15-Gerappe: „Ich war im Knast / Mama hat geweint / ich hab ihr die Träne weggewischt.“ Klar können sich damit viele identifizieren. Aber ich frage dann: Warum warst du im Knast? Was ist da passiert? Erzähl doch mal! Was waren die Momente im Knast, in denen du geweint hast? Jeder Rapper könnte noch viel deepere, krassere persönliche Sachen erzählen. Aber damit macht man sich natürlich verletzbar. So wie ich mich jetzt mit meinen Buch verletzbar mache. Aber das ist mir so egal.

Autobiografie 

Wenn Menschen ihre Autobiografie bereits in jungen Jahren schreiben, kommt häufig nicht viel Interessantes dabei heraus. Wie auch, liegt doch ein großer und zumeist auch prägender Teil des Lebens noch vor den jungen Lebensrückblickern. Nura Habib Omer hingegen hat mit ihren 31 Jahren schon so viel erlebt und erfahren, dass sich ein 210-Seiten-Buch problemlos damit füllen lässt. Geboren wurde Nura, wie sich Omer kurz und prägnant als Rapperin nennt, als Tochter eines Saudis und einer Eritreerin in Kuwait City.

Als Nura drei Jahre alt war, floh ihre Mutter mit den vier Kindern nach Deutschland. Was sie als Kind von Einwanderern hierzulande erlebte, wie sie mit 13 Jahren in ein Heim zog und kaum noch Kontakt zu ihrer Familie hatte, wie sie nach Berlin ging, um Sängerin und Rapperin zu werden und wie sie den Konflikt als westlich geprägte junge Frau mit ihrer Mutter, die eine gläubige Muslima ist, löste, all das erzählt Nura in „Weißt du, was ich meine? Vom Asylheim in die Charts“ (Ullstein, 208 Seiten, 15,99 Euro).

Rap-Duo SXTN 

Ihren Durchbruch erlebte Nura gemeinsam mit ihrer Kollegin Juju als Rap-Duo SXTN. Im November 2018 trennten sich die beiden. Allerdings blieben die Gründe für Nura nicht ganz nachvollziehbar. In ihrem Buch äußert sie sich erstmals über die Trennung und die Fragen, die für sie offenblieben. So schildert sie auch, wie sich die einstmalige Freundschaft immer mehr auflöste. Nuras erstes Studioalbum von 2019 heißt „Habibi“.

Galerien

Regionale Events