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Tee trinken - nicht abwarten

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Tee hat eine Antwort auf alle Lebenslagen“, sagt Jutta Peter. Sie muss es wissen. Jutta Peter kümmert sich bei Aevitas in Bönnigheim um Teeseminare. Aevitas, eine Kombination aus Laden, Café und Wellness, bedeutet Lebenszeit. „Auch beim Teetrinken sollte man sich Zeit nehmen“, sagt Jutta Peter. „Das bedeutet gleichzeitig, Zeit für sich selbst zu haben. Eine Art Besinnung also und ein Highlight am Tag.“ 

Jetzt hat freilich nicht jeder Unterländer, Kraichgauer und Hohenloher beruflich mit Tee zu tun. Wie steht es also um deren Durst auf das Heißgetränk?

Unterschiedliche Ausprägungen

So viel ist klar: An den Konsum der Ostfriesen kommen sie nicht heran. Denn die trinken laut Deutschem Teeverband 300 Liter, vorrangig Schwarztee, pro Kopf und Jahr. Im Bundesschnitt sind es nach Verbandsangaben im Jahr 2019 28 Liter gewesen. Da klafft eine enorme Lücke. Zählt man Kräuter- und Früchtetees hinzu, die keine Blätter der Teepflanze enthalten und strenggenommen Aufgüsse sind, sind es 68 Liter. Laut Teeverband ergibt das 47 Milliarden Tassen. Doch mit den Zahlen ist das so eine Sache. 

Im Statistischen Jahrbuch des Bundesernährungsministeriums wird dem Bundesbürger ein jährlicher Teekonsum von rund 79 Litern (2010: 75,8 Liter) zugeschrieben – das sind ein paar Kannen mehr als beim Teeverband. Diese Differenz fällt freilich auf. Nächstes Jahr soll es eine Angleichung der Erhebung geben, heißt es.

Annäherungen an den tatsächlichen Konsum lassen sich etwa aus Daten zum Import von Rohware und Export von verarbeitetem Tee, aus Markterhebungen und den Geschäftszahlen der Händler gewinnen. Übrigens: Beim Kaffee geht das Ministerium von einem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 166 Litern aus.

Teil der DNA

Bei aller Mühe in der Datenanalyse: Eine kleine Ungewissheit wird bleiben. „Es ist ja immer die Frage, wie stark man aufgießt“, sagt Franz Thiele. Er ist Geschäftsführer eines traditionsreichen Handelsunternehmens in Ostfriesland – und kennt die Hintergründe der dortigen Vorliebe bestens. „Tee ist Teil unserer DNA, unseres Alltags, unserer Kultur – eine jahrhundertealte Tradition, die sicherlich unterschiedlich stark ausgeprägt ist, aber noch heute identitätsstiftend wirkt.“ Die Anfänge reichen wohl bis ins 17. Jahrhundert zurück, als die Küstenbewohner durch Seefahrer mit dem Exportgut in Kontakt kamen. 

Franz Thiele erzählt, dass er selbst 150 Tassen am Tag kostet – zur Qualitätskontrolle und um neue Mischungen auszuprobieren. In der Einkaufssaison können es auch mal 500 Tassen täglich sein, die der Experte testet. „Der Teekonsum ist im Wesentlichen über die vergangenen Jahre stabil geblieben. Er boomt nicht, hat aber eine große Kenner- und Liebhaberschaft“, sagt Thiele.

„Hier in Ostfriesland gehört Tee zum Grundbedürfnis“, berichtet Thiele. „Aber es gibt in ganz Deutschland Liebhaber, die unsere Tees kaufen. Wir erfahren eine deutliche Nachfragesteigerung von Teekennern, die uns übers Internet ansteuern.“ Klar, dass eine Echt Ostfriesische Mischung der Verkaufsschlager ist.

Während Händler Ostfriesentee bundesweit im Sortiment haben, kennzeichnet „Echt“, dass die Mischung im äußersten Nordwesten Deutschlands zusammengestellt wurde – vorrangig aus Assam-Tee. Tendenziell, weiß Thiele aus Erfahrung, gebe es bei den Vorlieben ein Nord-Süd-Gefälle: Oben auf der Deutschlandkarte gerne Schwarz- und Grüntee, unten verstärkt Kräuter- und Früchtetees.

Wenn die Ostfriesen die Weltmeister im Teetrinken sind – was ist dann unsere Gegend? „Entwicklungsland“, sagt Arnim Wedding lachend. Er kann sich an eine Statistik erinnern, in der der jährliche Konsum der Baden-Württemberger bei 29 Litern lag, das wäre in etwa der Bundesschnitt. Doch das in Entwicklungsland Entwicklung steckt, ist durchaus wörtlich zu nehmen.

„Es nimmt zu“, sagt Wedding, der in Öhringen das Geschäft T-Zeit führt. Neben den Eindrücken des eigenen Kundenkontakts führt der 57-Jährige das auf Beobachtungen im Supermarkt zurück. „Vor ein paar Jahren hatte das Teeregal dort eine Länge von zwei oder drei, jetzt sind es fünf oder sechs Meter.“

Bewusste Ernährung

Das gewachsene Interesse führt Wedding auf den Versuch zurück, „sich bewusster zu ernähren. Und bei Getränken ist Tee mit das gesündeste, was man machen kann.“ Auch Karl-Josef Jochim, Inhaber der Heilbronner Filiale von Tee Gschwendner, erkennt anhand seiner Umsatzzahlen: „Immer mehr Menschen finden Zugang zu Tee.“ Neben dem Gesundheitsaspekt seien das etwa diejenigen, die keinen Kaffee mehr vertragen, oder solche, die nach einer schmackhaften Alternative zu Mineralwasser suchen. 

Nicht jede Mischung passt dabei zu jedem Interessenten. „Bei vielen ist es so, dass sie sich Tee als herkömmliche Handelsware kaufen – und der passt dann oder eben nicht“, sagt Jutta Peter. Doch es gelte, auf mehrere Faktoren zu achten. „Ziehzeit, Temperatur, Wasserqualität – und letztlich kommt es sogar auf das Geschirr an. Bei einem hochwertigen Grün- oder Schwarztee schmeckt man den Unterschied, wenn man ihn aus verschiedenen Tassen trinkt.“

Eigener Garten

Bei den Vorlieben seiner Kundschaft kann Karl-Josef Jochim „keinen Favoriten herauslesen“, auch wenn 2019 der Heilbronner Buga-Tee besonders gefragt war. Der 57-Jährige hat aber einen kleinen Stadt-Land-Unterschied festgestellt: „Kräutertee nimmt bei Stadtbewohnern einen wichtigeren Part ein. Auf dem Dorf hat man Salbei, Rosenblüten oder Himbeerblätter selbst im Garten. Und mit einem kleinen Gärtle kann man sich zum Beispiel in puncto Kräutertee selbst versorgen.“ 

Etwas ausgefallener geht es bei aktuellen Trends zu. Dabei spiele laut Jochim „neben Ingwer die Kurkuma-Wurzel gerade eine große Rolle, zum Beispiel als Pfirsich-Kurkuma-Mischung“. Weitere Trends im Teemarkt? Bio-Varianten gewinnen im Bundesgebiet an Marktanteilen, und für die sommerliche Hitze entwickeln Teehändler fruchtige Sorten zum kalt genießen.

Ob Roibusch-Limone-Ingwer, Oolong von der Insel Java oder japanischen Matcha oder Sencha – einem Kenner wie Jochim gefällt die große Vielfalt und die unterschiedliche Wirkung am Tee. „Und dass die Teekunden entspannter sind als Kaffeetrinker“, fügt er schmunzelnd hinzu. Denn letzteren, sollte er sich mal in seinen Laden verirren, erkennt Jochim sofort.

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