Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

"Ich wollte meinem Entsetzen Luft verschaffen"

Übersicht

Die Landwirte kämpfen mit Problemen: Hohe Erwartungen an Tier- und Pflanzenschutz treffen auf zu niedrige Erzeugerpreise. Dazu kommen strengere Auflagen durch das Agrarpaket der Bundesregierung und in Baden-Württemberg das Artenschutz-Volksbegehren. Und in dieser angespannten Situation gibt der Blogger "Bauer Willi" den Protesten ein Gesicht. Im Interview mit der Heilbronner Stimme zeigt sich der Erfinder der grünen Kreuze vom Erfolg seiner Aktion überwältigt. 

Herr Kremer-Schillings, die Idee der grünen Kreuze, die inzwischen überall zu sehen sind, stammt von Ihnen. Hätten Sie mit einer solchen Verbreitung gerechnet?

Willi Kremer-Schillings: Nein, absolut nicht. Ich war wirklich von den Socken. Nach ein paar Tagen wurde deutlich, dass die Bauern in ganz Deutschland meine Idee aufgreifen. Das hat mir gezeigt, dass viele Kollegen genau wie ich mit ihrer Situation sehr unzufrieden sind. Das Agrarpaket mit seinen verschärften Regeln, etwa beim Düngerecht, hat das Fass dann zum Überlaufen gebracht. Mir ging es zunächst darum, meinem Entsetzen Luft zu verschaffen. 

Warum ein Kreuz? Das hat in den Kirchen nicht jedem gefallen.

Kremer-Schillings: Weil ein Kreuz gut die Gefährdung bäuerlicher Existenzen symbolisiert. Vor allem kleine bis mittlere Betriebe so um die 50 bis 70 Hektar sind stark gefährdet. Außerdem kann jeder Landwirt mit zwei Latten ein solches Kreuz zusammenbauen. Es gab im Übrigen viele Pfarrer, die beim Erntedankfest über die Kreuze gepredigt haben. 

Sehen Sie denn keinen Veränderungsbedarf in der Landwirtschaft?

Kremer-Schillings: Wir Landwirte können und werden uns verändern. Wenn es neue Anforderungen gibt, werden wir uns diesen stellen. Bislang hatte ich immer angenommen, dass unsere alleinige Aufgabe ist, Lebensmittel zu produzieren. Ich stelle nun aber fest, dass es noch viel mehr Anforderungen gibt: Artenschutz zum Beispiel. Auch das können wir leisten – wenn man Naturschutz zu einem eigenen Betriebszweig macht und diese Leistungen angemessen entlohnt werden. 

Wie soll diese Entlohnung aussehen: über Förderprogramme oder über höhere Preise?

Kremer-Schillings: Das ist mir vollkommen egal. Ich bezweifle nur sehr stark, dass es über Verbraucherpreise funktioniert. 

Bei den grünen Kreuzen ist es nicht geblieben. Tausende Traktoren sind nach Berlin und in andere Großstädte gerollt. Hat das schon Erfolge gebracht?

Kremer-Schillings: In den vergangenen drei Monaten ist viel über und mit Landwirten gesprochen worden. So viel, wie lange nicht mehr. Das ist durchaus ein Erfolg. Die grünen Kreuze waren der Auslöser, viele Bauern haben gemerkt, dass sie nicht alleine sind. Daraus ist die Bewegung „Land schafft Verbindung“ entstanden, die ja auch die Demonstrationen initiiert hat. Entscheidend wird sein, dass wir der breiten Bevölkerung unsere Anliegen vermitteln können. Bei Bundeskanzlerin Merkel war ich zum Agrargipfel eingeladen. 

Der Sie ziemlich ernüchtert hat.

Kremer-Schillings: In der Tat. Ich muss sagen: Nach heutigem Kenntnisstand hat sich auf politischer Ebene noch nicht viel bewegt. Völlig unverständlich ist für mich zum Beispiel, dass es die Kanzlerin als Naturwissenschaftlerin akzeptiert, dass die neue Düngeverordnung auf falschen Zahlen basiert. 

Macht Ihnen das Beispiel Baden-Württemberg Hoffnung? Das Artenschutz-Volksbegehren hat zu einem intensiven Dialog zwischen Landwirten, Politik und Naturschützern geführt, es läuft die Suche nach gemeinsamen Lösungen.

Kremer-Schillings: Absolut. Ich war platt, als der Grünen-Ministerpräsident sagte: So geht es nicht. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass das Volksbegehren eine solche Wende nimmt. Die Dialogbereitschaft hat zugenommen, viele Menschen haben, auch wegen der grünen Kreuze, die Not der Bauern erkannt. Baden-Württemberg ist auf einem guten Weg. Die Einsicht, dass man gemeinsam mit uns Landwirten Lösungen suchen muss, ist aber im Bundesumwelt- und Landwirtschaftsministerium noch nicht da. 

Sie haben 2015 einen offenen Brief geschrieben, der Sie bekannt gemacht hat. Darin beklagen Sie die Scheinheiligkeit der Verbraucher. Einerseits würden immer höhere Produktionsstandards gefordert, andererseits seien die Menschen nicht bereit, auskömmliche Preise zu bezahlen. Hat sich das verändert?

Kremer-Schillings: Nein, nicht entscheidend. Die Gruppe der Leute, die Wert auf gute Lebensmittel legt, wächst aber ein bisschen. Das sind meist urbane Eliten, die sich das auch leisten können. Die Bereitschaft, mehr zu bezahlen, ist insgesamt noch viel zu gering ausgeprägt. Man muss natürlich auch sehen, dass die preislichen Unterschiede zum Beispiel im Fleischbereich zwischen konventionell und bio oft sehr groß sind. Da zuckt der sparsame Verbraucher dann doch stärker zusammen als bei Möhren für 20 Cent mehr. 

Wenn Sie das Verhältnis der Bauern zu den Bürgern betrachten: Bewegen sich die Parteien aufeinander zu oder verstärkt sich gar die Entfremdung?

Kremer-Schillings: Teils, teils. Bei "Land schafft Verbindung" zum Beispiel gibt es durchaus ein paar Hardliner, die zu drastischeren Mitteln greifen wollen. Es gibt aber auch Aktionen, die stark auf Dialog setzen. Da spielen digitale Medien als Koordinationsinstrument eine wichtige Rolle. 

Sie sind zur Identifikationsfigur der deutschen Landwirte geworden. Die andere Seite der Medaille ist, dass man dann auch kritisch beleuchtet wird. Die Tageszeitung "TAZ" hat Sie unter anderem wegen Ihrer früheren Beratertätigkeit umgetauft: "Bauer-Willi" wurde zu "Chemie-Willi"" Kostet das Glaubwürdigkeit?

Kremer-Schillings: Das hat mich getroffen. Informationen, die ich selbst gegeben habe, wurden einseitig ausgelegt. Der Fakt, dass ich früher für ein Pflanzenschutzmittelunternehmen gearbeitet habe, stimmt. Aber was hat das mit meiner jetzigen Rolle zu tun? Und die Auslegung, dass ich als ehrenamtlicher Vorstand einer Genossenschaft für den Einsatz von Pestiziden verantwortlich bin, halte ich für haarsträubend. Jede Genossenschaft handelt mit Dünger und Pflanzenschutzmitteln. 

In Ihrer Online-Vorausschau auf 2020 wird sehr viel Resignation deutlich. Zweifeln Sie wirklich an der Zukunft Ihres Berufsstandes?

Kremer-Schillings: Ich hatte lange überlegt, ob ich diesen Text bringen soll. Es gibt in meinem Leben aber eine Maxime: Ich sage das, was ich denke. Wenn wir selbst bei unserer einstigen politischen Heimat, der CDU, den Eindruck gewinnen, dass sie nicht mehr zu uns steht, stellt sich doch die Frage: Wen haben wir dann noch? Ich höre leider von vielen Berufskollegen, dass sie den großen Parteien einen Denkzettel geben wollen und sie wählen dann sehr rechts. Und da habe ich Sorge. 

 

Galerien

Regionale Events

Würth feiert Jubiläum

Würth feiert 2020 Jubiläum mit den Würth Philharmoniker, Open Air und einem Tag der offenen Tür.