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Ein Anruf und du bist in Quarantäne

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Seine Worte treffen mich ohne Vorwarnung: „Martha hat Corona, lass dich bitte testen.“ Da liegt keine Aufregung in der Stimme meines Bruders, keine Angst, nichts. Martha hat Corona. Drei Worte und die Welt um mich herum steht still. Unser Telefonat dauert fünf Minuten. Mein Bruder sagt, ich soll meine Kontaktdaten in einer Whatsapp-Gruppe angeben, damit Martha alle ihre Kontaktpersonen melden kann. Und dass ich mich testen lassen soll, dass er das auch so schnell wie möglich macht.

Köln, Düsseldorf, Heilbronn, Quarantäne

Wie aus einem Reflex heraus wähle ich die Nummer meiner Hausärztin. Wo ich mich jetzt als erstes melden muss, damit ich getestet werde, frage ich. Beim Gesundheitsamt. Die Frau stellt zig Fragen, ich bin komplett überfordert. Marthas vollen Namen kenne ich nicht, es war reiner Zufall, dass sie sechs Tage zuvor beim Abendessen neben mir gesessen hatte. Ich habe im Stress sogar vergessen, dass sie in Köln wohnt. Getroffen habe ich sie aber in Düsseldorf, beim Schulabschluss meines Bruders – klassischer Fall von „geschlossene Gesellschaft“. Man trifft sich in möglichst kleiner Runde zu Zeugnisübergabe und Abendessen im Restaurant, sitzt dort ohne Abstand, ohne Maske.

Solche Veranstaltungen sind ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 in Baden-Württemberg auf 50 Personen beschränkt. Pech kann man trotzdem haben. Meine Gedanken drehen sich aber weniger um mich selbst, sondern um alle Menschen, die ich seither getroffen habe: Mein Freund wohnt mit mir zusammen und arbeitet gerade in der Redaktion. Auch mit meinen Kollegen der Onlineredaktion habe ich einige Stunden im selben Raum verbracht.

Die Angst, das Virus einzuschleppen

„Wenn ich sie angesteckt habe, können wir die Redaktion der Heilbronner Stimme zumachen“, sage ich zu der Sachbearbeiterin vom Gesundheitsamt. Dieser Gedanke ist maßlos übertrieben, aber das einzige, woran ich denken kann. Ich will nicht die Person sein, die das Virus einschleppt. Nicht in den eigenen Haushalt, nicht zur Arbeit, nicht zu Freunden oder zur Familie. Ich will nicht, dass jemand meinetwegen krank wird. Die Frau am Telefon stuft mich als Kontaktperson der Kategorie I ein. Später merke ich, dass diese Information die wichtigste im gesamten Gespräch war.

Kontaktpersonen der Kategorie I haben laut Robert-Koch-Institut ein höheres Infektionsrisiko, weil sie engen Kontakt zu einem Infizierten hatten. Das bedeutet 14 Tage Quarantäne ab dem Zeitpunkt des Kontakts, für mich also noch acht Tage. Für meinen Freund bedeutet das, er schläft ab jetzt auf der Couch. Zusammen essen dürfen wir auch nicht, sollen uns nicht im selben Raum aufhalten. Wie schwer das auszuhalten ist, wird mir erst in den nächsten Tagen klar.

Telefonmarathon dank schlechtem Timing

Erst muss ich mich testen lassen. Ohne Termin geht in Heilbronn nichts. Die Abstrichstelle auf der Theresienwiese ist ausgebucht, als ich am Donnerstagmittag dort anrufe. Am Montag wäre was frei. Also telefoniere ich die Nummern einiger Hausärzte ab, die mir das Gesundheitsamt gegeben hat. Keine Sprechstunden, es ist Donnerstag zwischen 12 und 14 Uhr. Ein Telefonmarathon beginnt. Um 14 Uhr schickt mir mein Bruder auf Whatsapp ein Foto: Er wartet vor der Abstrichstelle am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Anmelden muss man sich hier nicht, dafür zahlt er 75 Euro für den Test. „Das Geld war es mir wert“, sagt er mir später.

Um 15.45 Uhr atme ich auf. Nach zig Anrufen in verschiedenen Praxen bietet mir eine Arzthelferin einen Termin um 17.30 Uhr an. Ich soll eine Überweisung des Gesundheitsamts mitbringen. Diese Überweisung ist kurz vor 16 Uhr beim Gesundheitsamt nicht mehr zu bekommen, gleich ist Feierabend. Bei der Corona-Hotline rät man mir, den Arzttermin auf den nächsten Vormittag zu verschieben. Kurz nach 16 Uhr rufe ich in der Praxis an. Ich will wissen, ob sie mich auch ohne Überweisung testen. Doch die Sprechstunde ist zu Ende. Meine Nerven liegen blank. Während mein Bruder in Düsseldorf auf sein Testergebnis wartet, kann ich in Heilbronn hoffen, überhaupt getestet zu werden – nicht, weil die Sachbearbeiterinnen nicht willens wären, sondern weil mein Timing nicht mit den Sprechzeiten der Zuständigen zusammenpasst.

"Jetzt sind wir also eine WG"

Um 17.30 Uhr habe ich Glück. Ich stehe in der Praxis und erkläre, warum ich die Überweisung des Gesundheitsamts nicht vorlegen kann. Die Ärztin macht trotzdem einen Abstrich. Zu ihrem Mundschutz setzt sie sich eine Schutzbrille auf und fährt mit einem Stäbchen in meinen Rachen. Kurz überlege ich, ob das tief genug war. Mein Bruder hat mittags beim Test jemanden würgen gehört. Bei mir steckt die Ärztin das Stäbchen noch in beide Nasenlöcher. Das war's. Sie gibt mir Zugangsdaten für die Online-Sofortauskunft und sagt, mit Glück ist das Ergebnis Freitagabend da. Sonst Samstag, auch wenn das der Tag der Deutschen Einheit ist.

Dann beginnt das Warten. Mein Freund hat seinen Arbeitsplatz gleich mittags ins Homeoffice verlegt, sein Kopfkissen und die Bettdecke auf die Couch. „Jetzt sind wir also eine WG“, sagt er und verschwindet in seinem Zimmer. Um 22 Uhr ruft mein Bruder an. „Check Whatsapp“, sagt er. Sein Test ist negativ, darunter prangt ein Daumen-hoch in Grün. „Ich war noch nie so erleichtert“, sagt er. Ich bin es auch.

Donald Trump und das Corona-Desaster

Am Freitagmorgen wache ich auf, greife zum Handy. Eilmeldung: Donald Trump hat Corona. Es kann jeden treffen. Ich logge mich ein, um nachzusehen, ob mein Testergebnis online ist. Ist es natürlich nicht. In den nächsten Stunden versuche ich es unzählige Male, bald schlägt mir mein Handy die Seite des Labors als meistbesuchte Website vor. Zur Ablenkung bügle ich, irgendwas Sinnvolles muss ich tun. In der Whatsapp-Gruppe mit Marthas Kontaktpersonen, die „Corona-Desaster“ heißt, trudeln immer mehr negative Testergebnisse ein. Ab Mittag kann ich zur Ablenkung wieder arbeiten – im Homeoffice. Bis Feierabend ist immer noch kein Ergebnis da. Einer meiner Kollegen hat seine Familienfeier am Freitagabend abgesagt, ein anderer überlegt, seine Pläne am Samstag abzublasen.

Um 20 Uhr taucht ein grüner Daumen-hoch auf meinem Handy auf. Ich lade die Seite neu, um sicherzugehen. Zitternd schicke ich den grünen Daumen in den Kollegen-Facebook-Chat. Meine Nachricht versetzt die anderen in Feierlaune. Nur einer schreibt: „Bis zum nächsten Alarm.“ Vorbei ist der Alarm für meinen Freund und mich noch nicht. Kontaktpersonen der Kategorie I bleiben auch bei einem negativen Testergebnis 14 Tage in Quarantäne. Wie sich mein Freund verhalten soll, weiß keiner von uns. Am Samstagmittag rufe ich die Corona-Hotline an, werde mit einer Ärztin verbunden und ich fühle mich zum ersten Mal gut beraten. Wir sollen unser WG-Leben durchziehen, getrennt schlafen und essen, uns aus dem Weg gehen. Rausgehen und einkaufen darf mein Freund, weil er nur mit mir Kontakt hatte und nicht mit der positiv getesteten Martha. Die Ärztin kümmert sich auch um die Überweisung für meinen Test und sagt: „Wenn Sie auch jetzt noch keine Symptome haben, glaube ich nicht, dass es bei Ihnen noch kippt.“ Dann folgt ein ruhiges Wochenende mit viel Schlaf, lesen, telefonieren und Netflix. Es macht mich verrückt. Mein Freund darf nach Rücksprache mit der Chefredaktion ab Montag wieder im Büro arbeiten – unter der Bedingung, dass wir zu Hause die Regeln einhalten.

Drei Kreuze und ein Party-Hütchen

Beim ersten Kontrollanruf des Gesundheitsamts am Montag um 10.45 Uhr sagt die Frau: „Hallo Frau Reiff, ich wollte Sie nur fragen, wie es Ihnen geht.“ Gut. Irgendwie nett, denke ich mir, als ich auflege. Durch die Corona-Krise scheint die Floskel „na, wie geht's“ nicht mehr nur so daher gesagt zu werden. Am Mittwoch bringt mein Freund Post: „Anordnung einer häuslichen Quarantäne“ mit drei Seiten Infos, die ich längst gegoogelt habe. Hätten sie mir das nicht mailen können? Drei Tage vor Quarantäne-Ende nutzt mir das wenig. Am Nachmittag der zweite Kontrollanruf: „Nein, ich habe keine Symptome, mir geht's gut.“ Wann ich denn zweiten Test mache, fragt die Frau. „Meine letzte Info war nur ein Test und Quarantäne, weil der erste Abstrich sechs Tage nach meinem Corona-Kontakt genommen wurde.“ Das passt.

Am Donnerstag sagt mein Freund: „Morgen haben wir's geschafft.“ Naja, erst übermorgen. Quarantäne bis zum 9. Oktober heißt, der 9. ist inklusive, das stand ausdrücklich im Schreiben des Gesundheitsamts. Ich mache drei Kreuze, wenn's vorbei ist. Am Freitag um 10.44 Uhr der letzte Anruf: „Hallo Frau Reiff, ich habe gute Nachrichten für Sie. Heute um 0 Uhr endet Ihre Quarantäne.“ Super, und ja, es geht mir immer noch gut. Daher ist ein zweiter Test nicht nötig. Mitternacht kann kommen, kurz vor Quarantäne-Ende fühle ich mich wie vor meinem Geburtstag. Punkt 12 schreibe ich meinem Bruder: „Ey, Quarantäne ist vorbei!“ Die Antwort: Ein Emoji mit Party-Hütchen.

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