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Testpflicht und Quarantäne

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Vier junge Männer aus der Region machen gemeinsam auf einer Mittelmeerinsel Urlaub, ein fünfter holt das Quartett anschließend mit dem Auto am Flughafen ab. Drei Tage später zeigt einer der Männer Corona-Symptome. Eine Woche später sind alle fünf positiv getestet. Der Fall, der am Wochenende die Fallermittler im Landratsamt Heilbronn beschäftigt hat, zeigt die Dynamik der Virusinfektion. Einer der Männer gibt allein rund 100 Kontakte an, jeder einzelne muss angerufen werden. „Am ansteckendsten bin ich, wenn ich noch nicht weiß, dass ich infiziert bin“, erklärt Clarissa Voigt, Leiterin des Sachgebiets Infektionsschutz im Landratsamt. Wer positiv ist, muss alle Personen angeben, mit denen er in den 48 Stunden vor den ersten Symptomen länger als 14 Minuten Kontakt hatte. Jeder davon muss in Quarantäne

Reiserückkehrer und Neuinfektionen

1211 aktive Fälle gibt es aktuell im Landkreis, davon 63 Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen. „Neun von zehn Fällen sind Reiserückkehrer“, sagt Dr. Ulrike Marquardt, kommissarische Leiterin des Gesundheitsamtes im Landratsamt. In der Stadt Heilbronn, wo es in den letzten sieben Tagen 30 Neuinfektionen gab, sind 64 Prozent Reiserückkehrer. Wer nicht im Risikogebiet war, muss – wie die vier Männer – weder in Quarantäne noch zum Test. Clarissa Voigt fordert aber, „gesunden Menschenverstand walten“ zu lassen: Meist reiche es, sich selbst gut zu beobachten, Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Wer sich jedoch krank fühlt, sollte das umgehend abklären und „im Zweifelsfall lieber einmal mehr testen“ lassen. 

Heimkehrer aus Risikogebieten hingegen sind verpflichtet, sich im Zeitraum von zwei Tagen vor der Einreise bis drei Tage danach testen zu lassen oder zumindest einen Termin für einen Test zu vereinbaren. Außerdem müssen sich Rückkehrer beim Ordnungsamt melden und in Quarantäne bleiben, bis ein negatives Testergebnis schriftlich vorliegt. „Da reicht kein Screenshot“, erklärt Marquardt. Wer sich im Ausland testen lässt, braucht einen Nachweis in Deutsch oder Englisch.

Ansteckung erst im Flugzeug

Auch danach gilt, sich selbst kritisch zu beobachten. Es habe schon einen Fall gegeben, in dem die Ansteckung erst nach dem Test im Flugzeug erfolgte. Im Zweifelsfall könne man nachtesten lassen: „Der zweite Abstrich ist freiwillig“, erklärt Clarissa Voigt. Das gilt auch für den Test nach einer Erkrankung, den inzwischen viele Arbeitgeber fordern. Dabei wissen Mediziner längst, dass der Körper noch Viruspartikel ausscheidet, wenn der Patient schon lange nicht mehr ansteckend ist. „Das können wir einschätzen“, versichert Ulrike Marquardt. Sie habe Verständnis für die Sorge, warnt aber gleichzeitig vor verschwendeten Testkapazitäten: „Das können wir uns nicht leisten.“

Wer sich trotz Ansteckung nicht beim Gesundheitsamt meldet, begehe eine Straftat, betont Voigt. Wer die Quarantänepflicht missachtet, könne mit bis zu 10 000 Euro Bußgeld belangt werden. „Da hat man auch eine moralische Verantwortung.“ In einem Fall hat das Gesundheitsamt bereits ein Bußgeld in Höhe von 2500 Euro verhängt, weil der Betroffene nicht zum Test ging, dafür aber an den Baggersee und zur Familienfeier. Beides haben die Fallermittler herausgefunden, nachdem die Infektion festgestellt wurde. Bis zu 30 Sachbearbeiter sind im Landratsamt derzeit damit beschäftigt, Kontaktpersonen und Infizierte anzurufen. „Unsere Telefonate sind sehr lang“, sagt Clarissa Voigt.

Keine Kontakte

Bei den Gesprächen geht es vor allem um die korrekte Umsetzung der Vorgaben. Quarantäne bedeute häusliche Absonderung, betonen die Experten. Also weder die Wohnung verlassen, noch dort Besuch empfangen. Leider erleben die Fallermittler oft etwas anderes. „Die Leute verstehen nicht, worum es geht“, fürchtet Ulrike Marquardt. Manchmal einfach aufgrund sprachlicher Barrieren. „Quarantäne bedeutet: Keine Kontakte“, erklärt Voigt deshalb mit Nachdruck.

Wer die in der eigenen Wohnung mit anderen Familienmitgliedern nicht vermeiden kann, muss auf Abstand und Mund-Nasen-Schutz achten. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes haben aber auch eine Familie komplett in Quarantäne geschickt, weil diese in einem Loft ohne Abtrennungsmöglichkeit lebt. Dann kann es dauern: Weil Quarantäne bis 14 Tage nach der letztmöglichen Ansteckung notwendig ist, sind nichtinfizierte Familienmitglieder möglicherweise länger isoliert als die Patienten. „Das ist nicht verkürzbar“, betont Marquardt. 

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