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Ein machtloses Rezept

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Mehr als ein Jahr dauert die Corona-Pandemie bereits an. Längst bestimmt die Krisensituation unseren Alltag und hat ihn auf vielerlei Ebenen - etwa sprachlich oder gesellschaftlich -stark verändert. Diesen "Alltag in Corona-Zeiten" haben sich die Schülerinnen und Schüler der 10d am  Bildungszentrum St. Kilian in Heilbronn zum Thema genommen. In ihren kreativen Kurzgeschichten beschreiben sie beispielhaft Szenen des Lebens in einer Pandemie. Die beiden besten Kurzgeschichten veröffentlichen wir hier auf stimmt.de - viel Spaß beim Lesen.

Ein machtloses Rezept

Als sie mir sagte, sie müsse zum Arzt, war ich erstmal nicht so von den Socken. Doch auch in diesen Zeiten muss wer zum Arzt muss eben hin. „Es wird auch ganz schnell gehen. Ich brauche nur ein Rezept.“ Mit einem Lächeln lief die kleine, gebückte Frau neben mir her. Ich beobachtete sie kurz besorgt und nickte dann. Trotz ihres Alters leuchteten ihre Augen noch wie die eines kleinen Kindes. „Alles gut, ich begleite dich gerne zum Arzt.“ Sie hakte sich bei mir ein und wir liefen die Sonne genießend los. Aus dem „ganz schnell“ wurde jedoch nichts. Wir waren viel zu früh dran. Der Arzt hatte noch geschlossen. Doch auch andere hatten sich wohl in den Öffnungszeiten vertan. Wir setzten uns auf die steinerne Treppe und ließen den Blick schweifen. Die Masken saßen fest auf unseren Gesichtern und sie tat sich schwer mit ihr zu atmen. Sie redete trotzdem munter mit mir, auch wenn ich ihre Mimik nicht lesen konnte, waren ihre Augen wie ein Tor zu ihren Emotionen.

Überall war die Lage angespannt, nicht nur als wir kurz darauf im Wartezimmer saßen und die Patienten beobachteten, sondern auch als wir später ihre Medikamente aus der Apotheke holten. Diese war voller älterer Leute. Sie alle hatten ein Rezept in der Hand und warteten heißblütig darauf, es endlich gegen Medikamente eintauschen zu können.  Alle wollten so schnell es nur ging wieder weg von diesem unliebsamen Ort. Doch sie nicht. Sie war ganz ruhig. Als wir dran waren, redete sie noch etwas mit der Apothekerin und packte dann ihre Medikamente weg.

Auf dem Weg nach draußen hakte sie sich wieder bei mir ein und lief los. „Ab nach Hause.“ Sie nickte und atmete kurz tief durch, genoss die frische Nachmittagsluft und die Sonne auf ihrer alten Haut. Mein Blick schweifte zu ihr und ich musste kurz lächeln. Dann zerriss eine Stimme die fast schon heilige Atmosphäre. „Helga? Bist du das?“ Wir hoben gleichzeitig den Kopf und machten die Quelle ausfindig. Eine Frau, Ende siebzig, kam zu uns, lächelte.  Helga, neben mir, lächelte und ihre Augen folgten dem Beispiel ihres Mundes. „Inge. Es tut so gut dich wiederzusehen. Wie geht es dir?“ - „Wie es einem eben in so einer Lage geht. Ich sehe meine Enkel leider nicht mehr so oft.“

Inges Blick fing meinen ein. Bitte. Einfach kein Smalltalk. Ich will nach Hause, dachte ich und trat von einem Fuß kurz auf den anderen. „Das tut mir leid. Ich habe da noch Glück.“ Helga nickte mir lächelnd zu. „Das ist meine Enkelin. Sie besucht mich dieses Wochenende.“ Inge lächelte freundlich. „Es ist einfach nur schön, in solchen Zeiten seine Familie zu sehen.“
So angenehm es auch war, mit meiner Oma draußen zu sein - ich wollte einfach nur nach Hause, mich mit einer schönen Mahlzeit vor den Fernseher setzen und bei kindischen Cartoons ausspannen. Doch das blieb mir verwehrt. Die beiden redeten ewig über belanglose Dinge und die Sonne sank immer weiter. Ich verdrehte die Augen. Langsam war ich einfach nur noch genervt. Die Lage im Moment war hart und stressig. Der Tag war lange gewesen und meine Oma und Inge lächelten einfach nur und taten so, als würde die Pandemie gar nicht existieren. Als wäre dies ein Kaffeekränzchen.  „Dass wir sowas noch erleben.“ Inge schüttelte den Kopf. „Kannst du dich noch an damals erinnern Helga? Als die Bomben kamen. Als wir uns in einen Keller gequetscht haben und hofften verschont zu bleiben?“

Meine Oma nickte und lächelte leicht, aber traurig, senkte den Blick. „Und jetzt erleben wir noch eine Pandemie. Damit hätte ich nicht gerechnet.“ Inge sah kurz zu ihr und nickte. „Manchmal habe ich Angst meine Enkel nicht mehr zu sehen. Meinem Mann geht es auch nicht besser. Ich bin hier um ihm ein Rezept zu holen.“ Ihr so unbeschwertes Gespräch war plötzlich komplett verschwommen. Als hätte man von null auf hundert beschleunigt. Auch das so schöne Lächeln der beiden alten Damen war der Wehmut gewichen. 
Ich schwieg und schaute zu ihnen. Ich war nicht mehr genervt. Ich war traurig. 

Sie sahen beide so gebrechlich aus. Wie sie da saßen. Vor der Arztpraxis und über den zweiten Weltkrieg redeten, versuchten sich vor der Pandemie mit Rezepten zu schützen, als würden diese nun die Keller ersetzen. Meine Oma seufzte. „Das tut mir leid. Richte ihm Grüße von mir aus.“ Inge nickte. „Werde ich. Bleib gesund Helga und sag deinem Mann Grüße von mir.“

„Werde ich. Bleib du auch gesund. Es war schön dich wiederzusehen.“ Inge winkte leicht und betrat die Praxis. Meine Oma sah ihr noch kurz nach. „Tut mir leid, dass es doch so lange gedauert hat.“ Sie schaute mich an und irgendwie sah sie nun wirklich aus wie eine alte Frau. Vielleicht lag es an den leeren Augen. Ja, daran lag es sicher. „Ist schon gut, Omi. Komm, lass uns nach Hause, bevor es noch kälter wird.“ Die Sonne war nun doch erstaunlich schnell untergegangen. Sie nickte und wir liefen los. „Ja. Es ist wirklich sehr kalt geworden...“ Ihr Blick schweifte zum dunklen, wolkenverhangenen Himmel hoch. „Sehr, sehr kalt ist es geworden.“

Ich nickte und hielt ihr meinen Arm hin. „Sehen wir uns mit Opi das Fußballspiel oder das Quiz an?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin für das Quiz. Der Jauch macht das so gut.“
Sie hakte sich ein. Aber ich könnte schwören, dass sie sich dieses Mal an mich klammerte.

Über die Autorin: Leni Ziegler

Leni Ziegler ist 16 Jahre alt und besucht derzeit die zehnte Klasse des Katholischen Freien Bildungszentrums Heilbronn. "Langsam geht einem die Pandemie echt auf den Keks, egal wie alt oder jung man ist", schreibt Leni. "Somit hoffe ich, dass meine Geschichte ,Ein machtloses Rezept' euch die Langeweile etwas vertreiben und zum Nachdenken anregen kann." 

 

Zur Kurzgeschichte "Haben Sie vielleicht noch Mehl?" von Zoi Schmidt.

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