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"Haben Sie vielleicht noch Mehl?"

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Mehr als ein Jahr dauert die Corona-Pandemie bereits an. Längst bestimmt die Krisensituation unseren Alltag und hat ihn auf vielerlei Ebenen - etwa sprachlich oder gesellschaftlich -stark verändert. Diesen "Alltag in Corona-Zeiten" haben sich die Schülerinnen und Schüler der 10d am  Bildungszentrum St. Kilian in Heilbronn zum Thema genommen. In ihren kreativen Kurzgeschichten beschreiben sie beispielhaft Szenen des Lebens in einer Pandemie. Die beiden besten Kurzgeschichten veröffentlichen wir hier auf stimmt.de - viel Spaß beim Lesen.

Haben Sie vielleicht noch Mehl?

Es ist still.  Zu still. Ich halte die Luft an und versuche angestrengt irgendein Geräusch ausfindig zu machen. Aber da ist nichts. Man hört nichts, absolut gar nichts. Naja, die Hoffnung nach einem geheimen Mitbewohner oder einer Mitbewohnerin ist ja natürlich auch mehr als abwegig, aber man wird ja mal wohl spekulieren dürfen. Wenn das so weitergeht, werde ich hier allmählich echt verrückt. Ich hätte mir beim Einzug in die erste eigene Wohnung vielleicht doch ein Haustier anschaffen sollen. Nichts Großes – ein Kaninchen oder ein Hamster hätte es auch getan. Aber nein, ich wollte ja keine Haustiere, weil ich ja so viel arbeiten würde und sowieso nie zu Hause wäre um mich um sie zu kümmern. Hätte ich mir damals doch einfach nur ein süßes Haustier geholt, dann hätte ich jetzt zumindest nicht immer das Gefühl, dass ich das einzige atmende Lebewesen in dieser Wohnung bin.

Obwohl, na gut, ich habe auch ein paar vertrocknete Zimmerpflanzen, das sind ja theoretisch auch Lebewesen und wenn ich genauer darüber nachdenke, sind wir uns doch recht ähnlich. Also die Pflanzen und ich.  Wir sind verstaubt, steif, nicht sonderlich aktiv und hoffen jeden Tag aufs Neue auf ein paar Sonnenstrahlen, wobei uns letzteres in letzter Zeit leider verwehrt blieb. Auf einmal bekomme ich Panik. ,,Scheiße, das hat schon wieder alles viel zu lange gedauert, ich muss doch noch rechtzeitig den Bus zur Arbeit bekommen“, denke ich. Ich steige hastig aus der Dusche und greife nach meinem Handtuch. Da fällt es mir wieder ein: „Warte mal, ich muss doch gar nicht zur Arbeit, ich bin ja im Homeoffice.“ Immer noch tropfend und nur zur Hälfte angezogen schlürfe ich ins Wohnzimmer. Es ist leer, genauso wie ich es gestern Abend verlassen habe, finde ich es heute wieder vor. Schon komisch irgendwie. Zu Hause bei meinen Eltern war das früher nie so, da war immer was los. Es stimmt zwar, dass mir das nach einer Zeit tierisch auf die Nerven gegangen ist, deswegen bin ich ja schließlich auch ausgezogen, aber jetzt so den ganzen Tag allein ist es trotzdem seltsam.

Ich drehe mich um und öffne den Kühlschrank. Er ist gut bestückt, naja, ich war ja auch erst gestern einkaufen. Obwohl ich eigentlich so gut wie alles zu Hause habe, mache ich mich auf den Weg zum Supermarkt. „Vielleicht haben sie ja diesmal Hefe da, oder vielleicht sogar Mehl? Man weiß ja nie. Es ist auch noch relativ früh, vielleicht werde ich fündig“, grüble ich, währenddessen ich mir lustlos meine Jogginghose anziehe und mir noch einen Pulli überwerfe. Es ist doch noch ganz schön kalt draußen. Ich suche noch schnell meine Winterjacke und gehe aus dem Haus. Der Weg zum Supermarkt ist kurz. Zu Fuß brauche ich nur wenige Minuten. Dies ist jedoch trotzdem genug Zeit, um wieder alles in Frage zu stellen. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass sie im Supermarkt weder Hefe noch Mehl haben werden. Das ist schon seit Wochen so, jeden Tag. Also warum sollte es jetzt anders sein? „Egal jetzt bin ich schon auf dem Weg, vielleicht treffe ich ja jemanden, den ich kenne und wir können uns ein wenig unterhalten“, denke ich mir.

 Im Supermarkt ist es überraschend ruhig. Es dröhnt keine Musik und auch keine Werbung aus den Lautsprechern. Im Laden befinden sich nur ein paar Senioren, die wahrscheinlich überzeugte Frühaufsteher sind und natürlich die Mitarbeiter. Ich schaue mich an der Käsetheke um und begegne einer Frau. Ich lächle sie an, sie ignoriert mich aber und schaut weg. Da fällt es mir ein: Ich habe eine Maske an. Ach, immer wieder dasselbe. Ich entschließe mich, sie diskret zu grüßen, zumal mein vorheriges Manöver sichtlich oder genau gesagt unsichtig nach hinten losging. Sie murmelt leise etwas zurück, was ich, wenn sie keine Maske anhätte, voraussichtlich besser verstanden hätte. Aber Sicherheit geht vor, ist schon klar. Ich gehe weiter und laufe am Regal, wo eigentlich das Mehl stehen sollte, vorbei. Da steht ein Herr, der sichtlich frustriert zu sein scheint. Seine zusammengezogenen Augenbrauen sind auch mit Maske deutlich zu erkennen. Auf einmal läuft ein Mitarbeiter an uns vorbei. Anscheinend hat er es eilig, denn er marschiert mit zügigen Schritten und starrem Blick an uns vorbei. Vielleicht hat er aber auch nur keine Lust wieder von einem Kunden dieselbe verdammte Frage gestellt zu bekommen. Ich halte ihn  an und obwohl ich die Antwort bereits weiß und das leere Regal vor Augen habe, frage ich trotzdem. In dem Moment fühle ich mich zwar ein bisschen schlecht, da es offensichtlich ist, dass der Mitarbeiter keine Lust auf ein Gespräch hat, jedoch habe ich seit Wochen nicht mehr in Person mit jemanden gesprochen, das muss jetzt einfach sein.

„Haben Sie vielleicht noch Mehl?“, frage ich so freundlich wie ich kann. „Nein, haben wir nicht“, sagt der Mitarbeiter monoton. „Auch nicht im Lager?“, hake ich erneut nach. „Nein, auch nicht im Lager. Hätten wir welches dann wäre es ja hier im Regal, meinen Sie nicht?“, erwidert der Mitarbeiter genervt. „Mhm, okay. Und wie sieht es mit Hefe aus?“, frage ich fast schon etwas provokant. Es fühlt sich überraschend gut an und mir schießt seit langem mal wieder ein bisschen Adrenalin in die Adern. „Nein, Hefe gibt es auch nicht und bevor Sie fragen – Klopapier haben wir auch nicht mehr“, giftet er mich an und verdreht die Augen. „Es sind immer dieselben Fragen: Mehl, Mehl, Mehl, Hefe, Hefe, Hefe und Klopapier, Klopapier, Klopapier. Wissen Sie wie anstrengend das ist?“ faucht er wütend. Der Mann neben mir lacht verlegen und geht hustend davon. Naja, das war zwar nicht die Art von Unterhaltung, die ich mir gewünscht hatte, aber auf jeden Fall besser als ein Selbstgespräch.

Weil ich nicht mit leeren Händen an der Kasse vorbei spazieren möchte, greife ich mir noch eine Tafel Schokolade aus dem Regal und lege sie auf das Kassenband. Die Kassiererin scannt den Artikel und sagt mir die Summe. Ich sage ihr, dass ich gerne mit Karte zahlen möchte und stecke die Karte in das Gerät. Natürlich ist es lächerlich einen Betrag von 70 Cent mit der Karte zu zahlen, aber bargeldlos ist gleich kontaktlos und kontaktlos ist gleich risikofrei. Als die Frau hinter der Kasse mich nach einem Beleg fragt, meine ich nur: „Es ist ganz schön kalt heute, oder?“ Die Kassiererin nickt mir nur verwirrt zu und symbolisiert dem nächsten Kunden hinter mir, dass er schonmal seine Sachen auf das Kassenband legen soll. Hiermit ist also auch mein zweiter Versuch ein wenig Smalltalk zu betreiben kläglich gescheitert. Niedergeschlagen gehe ich mit schweren Schritten zurück nach Hause. Ich stoße die Wohnungstür auf und blicke mich um. Es ist alles so wie vorher. Entschlossen watschle ich barfuß in die Küche. Ich hatte wohl vergessen mir Socken anzuziehen, als ich aus dem Haus gegangen bin. Plötzlich fällt mir etwas auf. Das Kilo Mehl, welches ich mir vor ein paar Tagen nach endlosen Suchen in endlosen Supermärkten ergattert hatte, steht nicht mehr im Regal.

Es ist weg. Es ist alles weg, weg, weg.    

Über die Autorin: Zoi Schmidt

Zoi Schmidt ist 16 Jahre alt und besucht derzeit die zehnte Klasse des Katholischen Freien Bildungszentrums Heilbronn. "Das Schreiben kurzer Texte und Geschichten hat mir schon immer Spaß gemacht und mich begeistert", schreibt Zoi. "Ich wünsche viel Spaß beim Lesen." 

Zur Kurzgeschichte "Ein machtloses Rezept" von Leni Ziegler. 

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