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Fortschritt statt Rückschritt: Cancel Culture

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Insbesondere seit den Black-Lives-Matter-Protesten und der Corona-Pandemie rückt ein Begriff immer öfter in den Mittelpunkt der Diskussion um die Grenzen von Meinungsfreiheit: „Cancel Culture“. Der Begriff beschreibt die systematische und kollektive Praxis, sozialen Druck auf eine Person oder eine Organisation auszuüben, der diskriminierende oder unangebrachte Aussagen oder Handlungen vorgeworfen werden. Ziel dieses Vorgehens ist nicht nur, Missbilligung auszudrücken, sondern oft auch, die Person oder Organisation auszuschließen, sie zu boykottieren. Der Begriff „Cancel Culture“ ist nicht wissenschaftlich fundiert, sondern ein durch und durch politisches Schlagwort. Ob eine „Cancel Culture“ vorherrscht, wird immer wieder öffentlich diskutiert. Aber woran macht man sie fest?

Warnhinweise 

Prominente Beispiele für „Cancel Culture“ finden sich zuhauf: Der Medienriese Disney versieht auf seiner hauseigenen Streamingplattform „Disney+“ alle 
älteren Filme, die eindeutig rassistische Darstellungen einiger Charaktere beinhalten, mit einem Warnhinweis. „HBO Max“ ging noch weiter und nahm den Filmklassiker „Vom Winde verweht“ zeitweise ganz aus dem Programm, weil er Sklaverei verharmlosend darstellt.

Die Sänger Xavier Naidoo und Michael Wendler verloren Werbe- und Plattenverträge, weil sie – bei Naidoo ist das nichts Neues – gefährliches Gedankengut verbreiteten, auch in Bezug auf die Corona-Pandemie. Und Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling wird regelmäßig Ziel von Boykottaufrufen, die ihr Transphobie, also Feindseligkeit gegenüber transgeschlechtlichen Menschen,  vorwerfen. 


All das wirft dringende Fragen auf: Ist es angemessen, die Harry-Potter-Reihe zu lesen, wenn man mit Rowlings Positionen nicht übereinstimmt? Sind die früheren Disney-Animationsfilme, die Pionierarbeit auf ihrem Fachgebiet geleistet haben, heute nicht mehr zeitgemäß und gehören damit unter Verschluss? Wird die Musik von Xavier Naidoo und Michael Wendler durch deren Ansichten ebenso problematisch und sollte am besten nicht mehr gehört werden? Beim Wendler wäre diese Frage auch ohne seine  Querdenker-Tendenzen durchaus diskussionswürdig.

Ich maße mir nicht an, diese Fragen generell zu beantworten. Aber meiner Meinung nach ist es wichtig, dieses Thema gründlich zu beleuchten. Einen Begriff zu diskutieren, dessen tatsächlicher Realitätsbezug angezweifelt wird, macht die Bewertung des Themenkomplexes natürlich umso schwieriger. 

Allerdings geht es beim Begriff der Cancel Culture um weitaus mehr als um ein Phänomen, das im Internet entstanden ist: Es geht um die Frage, ob es so eine Mentalität wirklich gibt. Eine Mentalität, nach der man eine Person oder Organisation wegen ihrer – je nach Gangart – unliebsamen oder diskriminierenden Aussagen aus dem Bild der Öffentlichkeit entfernen sollte. Und das ist meiner Meinung nach der springende Punkt. Um  eine Antwort auf diese Frage zu finden, wie wir mit solchen Meinungen und Relikten alter Zeiten umgehen, die bizarr oder menschenfeindlich sind, müssen wir zunächst für uns selbst beantworten: Wo endet die Einordnung einer Aussage als unbedachter Fauxpas, und wo  beginnt die Kategorisierung einer Aussage als bewusste Diskriminierung. Was beispielsweise Filme oder Bücher einer Zeit betrifft, in der Rassismus noch staatlich und kulturell verbreitet war, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass dieses mitunter unterschwellig verarbeitete Gedankengut nicht mehr ins 21. Jahrhundert gehört. Es aber komplett zu ignorieren, wäre eine Bagatellisierung. 

In den Kontext gesetzt und erklärt können Produkte aus früheren Zeiten meiner Meinung nach mehr Aufschluss über die Veränderungen und Fortschritte geben, die unsere Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg erreicht hat. Und weniger dazu führen, dass wir wieder Rückschritte machen. Sie aber ganz aus dem Programm oder Handel zu nehmen, würde auf peinliche Art und Weise einen Teil unserer Geschichte verschleiern.

Herausforderung 

Die Frage nach dem Umgang mit Gedankengut, das dem allgemeinen Konsens widerspricht, stellt eine Herausforderung dar. Sie könnte aber auch eine Möglichkeit für uns als Gesellschaft sein, zu zeigen, dass wir zivilisiert sind und bedacht auf allerlei Positionen reagieren können. Mit Fanatikern wie einem Xavier Naidoo oder Attila Hildmann lässt sich sicherlich nicht mehr diskutieren, und eine Nulltoleranzpolitik für extremistisches Gedankengut ist selbstverständlich – allerdings sollten wir mit Bedacht entscheiden, was  Ächtung und was Korrektur verdient. Es darf keine Toleranz für Intoleranz geben. Genauso gilt es allerdings, aus dieser Position heraus keine vorverurteilende Mentalität herauszubilden, die begründete Meinungen abseits der Norm für nichtig erklärt.          

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