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Wenn der Chef im Tagebuch steht

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Zu Jahresbeginn hat die Corona-Warn-App vom Robert-Koch-Institut eine Funktion bekommen, die oft gefordert wurde: das Kontakttagebuch. Darin können Nutzer festhalten, welche Personen sie getroffen und welche Orte sie besucht haben. Das Tagebuch umfasst die vergangenen 14 Tage und funktioniert mit freier Dateneingabe. Namen und Orte können also nach Belieben eingegeben werden, ohne dass die App auf Kontakte des Telefons oder den Standort zugreift.

Die Funktion hatte eine Bund-Länder-Gruppe nach Initiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vorangetrieben. Mehr Funktionen seien wichtig, damit mehr Menschen die Anwendung nutzen, betonte der Grünen-Politiker mehrfach. 

Seit März verfügbar

Mit der App „Coronika“ gibt es ein eigenständiges Kontakttagebuch schon lange. Die Anwendung wurde von der Björn-Steiger-Stiftung mit Sitz in Winnenden vorangetrieben und in Düsseldorf von der Firma Kreativzirkel umgesetzt. Seit März 2020 gibt es sie für Handys mit Android und seit November für iOS. Für beide Betriebssysteme wurde sie inzwischen rund 120.000-mal heruntergeladen.

Auch hier können Personen und Orte eingetragen werden, mit denen man Kontakt hatte. Die Liste umfasst jedoch mehr als nur die letzten zwei Wochen und Personen können bei Bedarf auch aus dem eigenen Telefonbuch eingespeist werden. In einer Übersicht listet die App alle Begegnungen und Orte auf und zeigt an, welchen Personen man wie oft begegnet ist. Besonderen Wert legen die Entwickler auf die Funktion, die Daten aus dem Kontakttagebuch bei Bedarf zu exportieren. „Wir sehen nicht nur den Anwender der App, sondern auch das Gesundheitsamt als Nutzer“, erklärt Joachim von Beesten, Geschäftsführer der Björn-Steiger-Stiftung.

Denn die Gesundheitsämter sollen für die Kontaktnachverfolgung eigentlich bundesweit dieselbe Software nutzen, das SORMAS (Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System). Die Anwendung wurde vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig entwickelt und war ursprünglich zur Eindämmung der Ebola-Epidemie in Westafrika im Jahr 2014 gedacht.

Angepasst

Im April 2020 wurde sie für das neue Coronavirus angepasst und kann seitdem von Gesundheitsämtern kostenlos genutzt werden. Die Coronika-App kann Begegnungen so exportieren, dass sie direkt in SORMAS eingespeist werden können. „Die Kompatibilität des Datenexportes ist ein sehr großer Mehrwert für die Gesundheitsämter, insbesondere bei der Bearbeitung von Kontaktnachverfolgungen“, erklärt von Beesten.

Wenn Nutzer diese Daten angegeben haben, ist auch ersichtlich, ob eine Begegnung drinnen oder draußen, mit oder ohne Maske oder im Abstand von 1,5 Metern oder weniger stattgefunden hat. Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke, befürwortete den Einsatz des Programms. Es erleichtere die Kontaktnachverfolgung und Gesundheitsämtern die Arbeit.

Das Problem: Die Gesundheitsämter nutzen bereits SurvNet, ein vom Robert-Koch-Institut bereitgestelltes und vorgeschriebenes Programm zur Meldung von Infektionsdaten. Bisher können Daten wie Kontaktpersonen nicht zwischen SurvNet und SORMAS übertragen werden. Eine Schnittstelle, die das ermöglicht, ist noch in Arbeit. Erst am 16. November einigten sich Bund und Länder, den flächendeckenden Einsatz von SORMAS voranzutreiben. Zum Jahresende 2020 sollten 90 Prozent der Gesundheitsämter das System nutzen, Ende dieser Woche soll der aktuelle Stand berichtet werden. Zuletzt war die Anwendung in 76 der rund 380 Ämter im Einsatz.

Im Heilbronner Gesundheitsamt kommen positive Corona-Befunde aus den Laboren über das DEMIS-System an, die Übermittlung ans Landesgesundheitsamt läuft über ein weiteres System. Betroffene und Kontaktpersonen werden telefonisch kontaktiert und erhalten per E-Mail eine Liste, in die sie Kontaktpersonen eintragen können, erklärt Sprecherin Claudia Küpper. SORMAS werde nicht eingesetzt.

Mehrere Systeme

Im Gesundheitsamt des Landkreises Heilbronn werden zwei Systeme genutzt: Daten, die über die Corona-Rufnummer reinkommen, werden in SORMAS eingepflegt, die Infektionszahlen werden über SurvNet gesendet. Zusammen mit der Hochschule Heilbronn wird seit vergangenem Sommer die Nutzung von SORMAS erweitert. Dass Menschen Kontakte dokumentieren, begrüßt Landratsamtssprecher Manfred Körner: „Es kommt sehr selten vor, dass Infizierte Kontakttagebücher führen. In den wenigen Fällen war es aber enorm hilfreich.“

Auch Joachim von Beesten von der Björn-Steiger-Stiftung hält es für sinnvoll, wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, Begegnungen festzuhalten. „Wir sind mit den Entwicklern der Corona-Warn-App im Austausch und verstehen die Lösung als ein Angebot, aus dem die Bürger frei wählen können.“ Coronika habe als Vorlage für das Kontakttagebuch der Warn-App gedient. Der Unterschied sei, dass die Warn-App passiv genutzt werde, während Coronika aktiv mit Daten gefüllt werden kann.
Vielen Nutzern sei wichtig, dass Kontakttagebuch und Tracing per Bluetooth getrennt sind, sagt von Beesten.

Funktionsweise

Die Software SORMAS läuft auf Servern und kann laut Hersteller weitgehend unabhängig von Geräten, also auch im Homeoffice oder am Handy genutzt werden. Künftig sollen Betroffene ihre Symptome selbst am Handy oder Computer eintragen können, statt sie per Telefonat zu übermitteln. Außerdem ist geplant, Daten über Stadt- und Kreisgrenzen hinweg zu vernetzen, um das Infektionsgeschehen in den umliegenden Gemeinden zu analysieren. 

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