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"Die Regenbogen-Fahne gibt ein gutes Gefühl"

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Die Welt der Genderidentität und Diversität ist bunt, kann aber auch verwirrend sein: Bin ich schwul, lesbisch oder bi, was bedeutet Trans und wie unterscheidet es sich von Drag? Auf diese und viele weitere Fragen rund um Gender und Diversität gehen die Journalistin Linda Becker und der Journalist Julian Wenzel in ihrem Ratgeber für Kinder und Jugendliche ein: „Was ist eigentlich dieses LGBTIQ*? – dein Begleiter in die Welt von Gender und Diversität“ (migo-Verlag, 128 Seiten, ab elf Jahren) gibt es ab 10. Juli zu kaufen. Stimmt! hat mit Julian Wenzel gesprochen - über das Buch, die jüngsten Regenbogen-Diskussionen bei der Fußball-EM und was Städte wie Heilbronn für queere Menschen tun können.

Julian, wie ist die Idee für das Buch entstanden?
Julian Wenzel: Tatsächlich wurde ich vom migo-Verlag, der zur Verlagsgruppe Oetinger gehört, gefragt, ob ich Interesse hätte, das Buch zu schreiben. Ich dachte: Cool, wusste aber: Alleine schaffe ich das nicht. Für das Thema braucht es diverse Blickwinkel, also dachte ich an Linda. Wir sind schon länger befreundet und arbeiten seit Jahren in unterschiedlichen Bereichen zusammen. Ich schätze ihren Blickwinkel, den sie auf die Themen hat, sehr.

Welcher ist das?
Julian: Linda ist Straight Ally, also nicht Teil der queeren Community, sie teilt aber deren Ideale und Gedanken und setzt sich für LGBTIQ* ein. Dadurch, dass sie aus ihrem Blickwinkel und ich aus meiner Insider-Perspektive schreibe, konnten wir uns beim Schreiben des Buchs gegenseitig unterstützen und korrigieren.

Welches Ziel verfolgt das Buch?
Julian: Der größte Erfolg wäre, wenn es Leuten wirklich hilft, sich im Leben zurechtzufinden. Wir wollen möglichst in die Basics von LGBTIQ* einsteigen. Die Kernzielgruppe sind Kinder und Jugendliche ab elf Jahren, aber bestimmt werden sich auch Erwachsene in dem Buch informieren. Vieles darin ist sehr einfach erklärt, was übrigens die größte Herausforderung für uns war: die Themen herunterzubrechen. Das Buch ist aber nicht nur für queere Menschen, sondern bewusst für alle gedacht. Ich würde es mir wünschen, wenn es zum Standardwerk im Aufklärungsunterricht an den Schulen werden würde und dabei hilft, einen Wissensstand auf- und Berührungsängste abzubauen.

Manche Menschen, die keine Berührungspunkte mit der LGBTIQ*-Community haben, sind allerdings oft unsicher. Was sollte man als Nicht-Mitglied wissen?
Julian: Niemand muss die Begriffe aus der LGBTIQ*-Community auswendig lernen. Vielmehr braucht es eine ehrliche Offenheit und die Bereitschaft, dazulernen zu wollen. Das Wichtigste ist, Lust darauf zu haben, neue Perspektiven kennenzulernen.

Du gehst offen damit um, dass du schwul bist. Was rätst du denen, die Angst vor ihrem Coming Out haben?
Julian: Ganz wichtig ist erst mal, sich zu sagen: Ich muss mich nicht outen, sonst entsteht viel Druck. Man sollte sich stattdessen mit sich selbst auseinandersetzen, Vertraute finden, mit denen man sprechen kann, oder sich Hilfe aus der Community suchen. Denn viele Menschen fühlen sich in diesem Moment allein. Das habe ich damals auch erlebt: Man denkt, es gebe nur einen selbst, den das Thema beschäftigt. Aber tatsächlich gibt andere Leute auf dieser Welt, die sich die gleichen Fragen in exakt dem gleichen Moment stellen. Wenn man das einmal weiß, schafft das viel Entlastung.

Was müssten Städte für queere Menschen tun?
Julian: Eigentlich tun viele Städte schon relativ viel für queere Menschen. Weshalb eher das Problem ist, dass das Land meist vergessen wird: Es gibt sehr viele Dörfer in Deutschland, in denen queere Menschen leben, die nicht unbedingt in Großstädte ziehen wollen. Es ist wichtig, dass sie auch in ihrem Heimatort Unterstützung erfahren und das Gefühl haben, nicht allein zu sein. Alle Kommunen sollten aber ein Zeichen setzen, dass sie die queere Community und deren Bedürfnisse sehen. Ich weiß nicht, ob sich im Alltag einer queeren Person viel ändert, wenn zum Beispiel am Heilbronner Rathaus eine Regenbogenfahne hängt oder nicht. Aber trotzdem gibt das ein schönes Gefühl, die Fahne wehen zu sehen und zu wissen: Die Stadtverwaltung sieht und beachtet queere Menschen.

Apropos Regenbogenfahne: Die Fußball-EM bot viel Diskussionsstoff zu Toleranz und Gleichstellung. Dass die Allianz-Arena beim Spiel Deutschland gegen Ungarn zum Beispiel nicht in Regenbogenfarben erstrahlen durfte, hat viele empört. Du warst am Tag des Spiels vor Ort in München.  
Julian: Ja. Meiner Ansicht nach hat die UEFA ungewollt einen Bärendienst geleistet, weil sie dieses Verbot ausgesprochen hat. Dadurch wurde mehr Aufmerksamkeit für das Thema generiert, als wenn das Stadion in Regenbogenfarben geleuchtet hätte. So fand eine weltweite Diskussion statt, und vor dem Stadion berichteten Kamerateams aus der aller Welt. Das war gut.

Und dennoch: So viel Widerstand wegen Regenbogenfarben…
Julian: Das Thema hat für mich zwei Seiten: Zum einen ist es enttäuschend, dass sich wieder einmal gezeigt hat, wie schwer sich Organisationen oder Unternehmen wie die UEFA damit tun, sich für Diversität einzusetzen, wenn es darauf ankommt. Es ist beschämend, wie offensichtlich die UEFA Pinkwashing betreibt – also sich queerfreundlicher darstellt, als sie eigentlich ist. Andererseits haben so viele deutsche Fans – und immerhin auch ein paar ungarische Fans – an diesem Tag ein Zeichen für Solidarität gesetzt: In der Münchner Innenstadt hingen Regenbogenfahnen von den Balkonen, das Rathaus war beflaggt. Diese breite Solidarität ist in Deutschland selten. Sonst müssen queere Menschen solche Themen fast immer selbst sichtbar machen. Das war diesmal anders. Wenn die Leute auch jetzt noch, Wochen später, die Wichtigkeit ihrer Unterstützung nicht vergessen haben, hat es etwas bewirkt.

Heutzutage wird gefühlt so offen wie nie über Queerness gesprochen. Und doch gibt es Länder wie Polen oder Ungarn, in dem ein Gesetz in Kraft getreten ist, das Infos über Homo- und Transsexualität verbietet. Was muss passieren, damit unsere Gesellschaft wirklich toleranter und inklusiver wird?

Julian: Ich glaube, wir haben ein falsches Bild von alldem. Weltweit ist beispielsweise nur in einem Bruchteil von Ländern überhaupt die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt. Gerade in  Ländern wie Deutschland, den USA oder Israel entsteht das Gefühl, dass wir insgesamt schon wahnsinnig weit gekommen sind, und dass diese Fortschritte alle nicht mehr so stark zur Diskussion stehen. Aber Tatsache ist: Weltweit geht es vielen queeren Menschen schlecht. Sie können nicht frei leben, müssen aus ihren Ländern fliehen, weil sie wegen ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität verfolgt werden. Es gibt also noch unfassbar viel zu tun – auch hierzulande. Wir dürfen uns auf dem Erreichten nicht ausruhen, denn es kann immer umschlagen, wie Polen oder Ungarn zeigen. Auch in Deutschland gibt es politische Strömungen, die Queerness nicht gutheißen. Deshalb sind wir alle gefragt: Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ein Augenmerk auf Diversität zu legen, und auf Rückschritte aufmerksam zu machen.

Zur Person

Julian Wenzel ist Journalist, Autor, Fotograf und Sprecher. Der 27-Jährige kommt aus der Nähe von Würzburg. In Stuttgart studierte er an der Hochschule der Medien, heute lebt er in München. Seit 2017 ist er beim Bayerischen Rundfunk und auch regelmäßig in den Radioprogrammen der ARD zu hören. Seit 2020 moderiert er „Willkommen im Club“, der LGBTIQ*-Podcast von Puls.

Linda Becker, Jahrgang 1983, geboren in Nordrhein-Westfalen, lebt in München, arbeitet für den BR und den Westdeutschen Rundfunk. Sie ist Autorin, Moderatorin und Teil des Puls-Teams.

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