Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Zerreißprobe oder mehr Intimität?

zurück zur Übersicht

Homeoffice, fehlende soziale Aktivitäten, teils auch Kinderbetreuung zu Hause: Seit Monaten wirkt Corona sich auf viele Lebensbereiche aus. Auch auf die Partnerschaften: Die oft permanente Nähe oder umgekehrt die ungewollt große Distanz überfordert viele. Der Hamburger Paartherapeut Eric Hegmann sieht die Zeit als Brennglas für Beziehungsprobleme: „Daran scheiterten natürlich auch viele.“

Die Pandemie sei eine ungewöhnliche Belastungssituation für alle Partnerschaften, meint auch Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger aus Berlin. „Sie ist es gerade deshalb, weil das Ende nicht voraussehbar ist. Wir leiden am stärksten unter jenen Belastungen, bei denen das Licht am Ende des Tunnels nicht sichtbar ist.“

„Liebe braucht Nähe, aber auch Freiräume“, betont Krüger. Die für eine gesunde Beziehung wichtige Balance aus Nähe und Distanz gerate durch Corona aber oft ins Wanken. Wohne man zusammen, könne man sich kaum aus dem Weg gehen, Streitigkeiten nähmen so fast automatisch zu. „Es ist entscheidend, dass jeder auch für sich allein etwas macht.“

Eigenen Interessen nachgehen

Selbst in einer kleinen gemeinsamen Wohnung sei es wichtig, dass jeder eigene Interessen verwirkliche und man sich auch mal bewusst in Ruhe lasse. „Dann liest einer und ist in Gedanken am Nordpol, während der andere kocht. Dieser Wechsel von Nähe und Autonomie ist entscheidend für eine lebendige Liebe.“

Die begrenzten Rückzugsmöglichkeiten in den eigenen vier Wänden müsse man sich ganz bewusst schaffen, sagt auch Hegmann – selbst wenn es nur ein Podcast und Kopfhörer seien. Außerdem sei es derzeit besonders wichtig, offen über das oft unterschiedliche Nähe-Bedürfnis zu sprechen. „Das ist eine Frage von Aushandeln und Verhandeln.“

Eine glückliche Beziehung lebt davon, dass es beiden Partnern gut geht. Deshalb rät Psychotherapeut Krüger: „Sie müssen in der Coronazeit vor allem die Partnerschaft mit sich selbst pflegen.“ Viele Zerstreuungen fallen weg, wir sind auf uns selbst, die Beziehung und wenige enge Kontakte beschränkt. „Hier wäre es jetzt wichtig, dass man gelernt hat, mit sich selbst gut auszukommen.“ Selbstbestimmtheit, das Verfolgen eigener Ziele und Kreativität seien wichtig. So könne man die Zeit zum Schreiben, Malen oder Lernen einer Fremdsprache nutzen. „Paaren geht es besser, wenn beide das Gefühl haben, kreativ auf die Corona-Zeit antworten zu können“, sagt Wolfgang Krüger.

Fernbeziehungen

Für viele Paare ist die permanente große Nähe belastend. Was aber, wenn die Partnerin oder der Partner in einer anderen Region, einem anderen Land oder sogar auf einem anderen Kontinent lebt? „Das sind sicherlich Partnerschaften, die jetzt unter einer Zerreißprobe stehen“, sagt Kristina Schütz von der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung vor dem Hintergrund oft wechselnder Reisebeschränkungen. Besonders in der Liebe auf Distanz seien die vielfältigen digitalen Kommunikationskanäle ein Pluspunkt, stellt Schütz klar. Natürlich ersetze digitale Kommunikation aber keinen persönlichen Kontakt.

Im Allgemeinen gelinge vielen die Beziehungspflege trotz Corona erstaunlich gut, berichtet Krüger. Oft gebe es mehr Nähe, Zärtlichkeiten und besseren Sex. 

Auch Paartherapeut Hegmann hat das Gefühl, viele Paare habe die Krise bislang zusammengeschweißt. „Sie haben den Eindruck, sie haben als Team funktioniert und sie können sich auf den anderen verlassen. Und sie sind dadurch auch optimistisch, dass sie weitere Herausforderungen gemeinsam meistern können.“ Hegmann empfiehlt, sich in Akzeptanz zu üben: „Viele Paare lernen gerade, das Beste aus dem zu machen, was sie haben. Den Blick nach hinten zu legen, auf das, was wir gerade vermissen, das bringt einfach nichts.“

Schutzraum

Trotz möglicher Spannungsfelder in Pandemiezeiten seien viele Liierte in erster Linie froh und dankbar, jemanden an ihrer Seite zu haben, sagt Psychotherapeutin Schütz. „Sehr viele empfinden die Partnerschaft als Schutzraum und Ressource.“ Sie warnt aber auch: „Wir haben Hinweise, dass es mehr Gewalt in Partnerschaften gibt.“ Nicht immer sei die Partnerschaft also der sichere Hafen.
Auch Alleinstehende dürfe man nicht vergessen, so die Psychotherapeutin. „Viele – ob freiwillig oder unfreiwillig alleine – erleben gerade wirklich große Einsamkeit.“ Buchautor Krüger bestätigt: „Paaren geht es im Allgemeinen besser als Singles.“ Bei ihnen brächen durch Corona oft Alltagsfreundschaften weg, Paaren bleibe hingegen meist noch „ihre kleine soziale Welt“.   

Galerien

Regionale Events

Online-Lesung

Am 14. Juli liest Dr. Natasha A. Kelly aus ihrem Buch über Rassismus.