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Corona-Ausbreitung wie vor Weihnachten vorhergesagt

„Ich erlebe geradezu hysterische Reaktionen“

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Soll die Priorisierung beim Impfen gelockert werden? Das hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vorgeschlagen. Der Grund: Ein Teil der Berechtigten lehnt den Astrazeneca-Impfstoff ab. Ulrich Enzel (73), früherer Kinderarzt aus Schwaigern und jetzt beim Thema Impfaufklärung engagiert, erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, warum er von diesem Vorschlag nichts hält.

Aufklärung in Sachen Impfungen ist Ihnen ein Anliegen. Was erleben Sie bei Ihrer Arbeit in der Region?

Ulrich Enzel: Ich werde von ganz unterschiedlichen Seiten angesprochen und um Informationen gebeten: von Lehrern, Erzieherinnen, Schülern, auch von Serviceclubs. Ich gebe Seminare und informiere im privaten Bereich. Dabei erlebe ich teilweise geradezu hysterische und völlig unbegründete Reaktionen. Die Angst vor dem Astrazeneca-Impfstoff hat sich regelrecht aufgeschaukelt.

Warum sitzt das Misstrauen Ihrer Meinung nach so tief?

Enzel: Das hat in meinen Augen drei Ursachen: Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat den Impfstoff von Astrazeneca zunächst nur für Menschen bis 65 Jahre zugelassen. Das war zu dem Zeitpunkt richtig, weil einfach nicht genügend Daten für diese Altersgruppe vorlagen. Es hat aber einige Menschen verunsichert. Dann gab es zunächst Berichte über eine geringere Wirksamkeit gegenüber den beiden anderen zugelassenen Impfstoffen. Und dann war die Kommunikation vonseiten der Politik vielfach unglücklich.

Nun hat Stiko-Chef Thomas Mertens angekündigt, die Impfempfehlung auf ältere Menschen auszudehnen.

Enzel: Ja, denn es liegen neue Daten, zum Beispiel aus Schottland, vor und die besagen ganz klar: Die Wirksamkeit des Astrazeneca-Impfstoffs ist auch in der älteren Bevölkerung mindestens so gut wie die des Biontech-Präparats. Deshalb sollte die Erweiterung der Impfempfehlung auch dringend kommen.

Was halten Sie davon, den Astrazeneca-Impfstoff für Menschen freizugeben, die nach der Priorisierung der Stiko noch gar nicht an der Reihe sind, wie Kretschmann oder sein bayerischer Kollege Markus Söder (CSU) das vorgeschlagen haben?

Enzel: Davon halte ich nichts. Jetzt ins Freifeld zu gehen, ist schon logistisch gar nicht leistbar. Außerdem wäre es wieder eine Abkehr von der Wissenschaft. Die Stiko-Empfehlung für die Priorisierung ist sorgfältig abgewogen und mit Daten gut begründet. Sie sieht vor, dass zunächst die Menschen geimpft werden, die ein besonders hohes Risiko für schwere Verläufe von Covid-19 haben. Von dieser Priorisierung sollten wir nicht abweichen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass nun zunächst auf die Gruppe 2 sinnvoll erweitert wird.

Lässt sich die Stimmung durch mehr Aufklärung drehen, was ist Ihre Einschätzung?

Enzel: Wir werden nicht alle hysterischen Menschen beruhigen können. Aber ich erlebe schon, dass es etwas bringt, wenn ich den Sachstand erkläre und meinen Gesprächspartnern sage: Ich würde mich selbst sofort impfen lassen. Leider bin ich nach Stand der Dinge für Astrazeneca zu alt und für Biontech und Moderna zu jung.

Erst hatten wir eine Debatte über Pflegekräfte, die offenbar in großer Zahl impfskeptisch sind, nun die Angst bei impfberechtigten Gruppen wie Lehrern. Ist diese Skepsis typisch deutsch?

Enzel: Die Reaktionen, die ich erlebe, sind für mich nicht nachvollziehbar. Ich erlebe Menschen laut über Impfstoffe reden, die noch nicht einmal im Grundsatz verstanden haben, worum es geht. Meiner Meinung nach bräuchte es deutlich mehr frühe Gesundheitserziehung, um mehr Wissen zu vermitteln. Das ist auch eine Bildungsfrage. Aktuell wird viel über einen Boost, also eine Zweit- oder Nachimpfung mit einem anderen Präparat, diskutiert.

Wie schätzen Sie das ein?

Enzel: Das ist die Zukunft. Wir können uns darauf einstellen, künftig mindestens einmal im Jahr eine Nachimpfung zu brauchen, auch gegen verschiedene Virus-Varianten. Ganz aktuell hat Moderna seinen ersten Booster-Impstoff gegen die südafrikanische Variante vorgestellt.

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