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Jeder kann auf die schiefe Bahn geraten

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Jugendliche jagen mit einem Böller einen Verkehrsleitkegel in die Luft und laufen davon. Anwohner melden die Zerstörung des Pylonen der Polizei. So steht es vor einigen Wochen im Polizeibericht für Buchen im Neckar-Odenwald-Kreis. Was für die einen eine Straftat, ist für andere ein Streich. „Es handelt sich um ein typisches Jugenddelikt“, sagt Professor Dr. Dirk Baier. Er ist Leiter des Instituts Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Dass junge Leute übers Ziel hinausschießen und manchmal auch Straftaten begehen, ist nichts Neues. Was sich verändert, ist, wie ein derartiges Verhalten wahrgenommen wird. 

Waren junge Menschen vor 40, 50 Jahren weniger aggressiv und kriminell als junge Leute heute?

Dr. Dirk Baier: Das ist schwer zu sagen. Wir haben erst seit den 1990er Jahren verlässliche Zahlen. Weiter reichen sie nicht in die Vergangenheit zurück. Die Fallzahlen sind seitdem niedriger geworden. Man muss sagen: Die Jugend ist friedlicher geworden. Was sich verändert hat, ist die Wahrnehmung. 

Inwiefern?

Baier: Je seltener ein Phänomen ist, umso auffälliger ist das einzelne Delikt. Dazu waren Ereignisse früher lokal begrenzt. Heute erlangen sie weit über die regionalen Grenzen hinaus Bekanntheit. Nehmen wir das Beispiel aus der Polizeimeldung. Junge Leute trinken vielleicht ein Bier und haben einen Böller zur Hand. Damit begehen sie eine Sachbeschädigung. In einer Gruppe passiert so etwas eher, als wenn einer allein unterwegs ist. Es handelt sich um ein typisches Jugenddelikt. Damit provozieren sie Erwachsene. Früher hätte man überlegt, was in so einem Fall zu tun ist und den Schaden beseitigt. Heute wird definitiv die Polizei informiert. 

Jugendliche sind seit den 90er Jahren friedlicher geworden. Woran liegt das?

Baier: Es gibt drei Bereiche, die dafür mitentscheidend sind. Erstens sind das die familiären Beziehungen. Gewalt in Familien hat abgenommen. Es wird mit mehr Liebe erzogen. Außerdem gibt es seit dem Jahr 2000 in Deutschland ein bundeseinheitliches Züchtigungsverbot. Dass dieses Gesetz wirkt, zeigen Zahlen aus der Schweiz, wo es ein vergleichbares Gesetz noch nicht gibt. 

Was ist der zweite Grund?

Baier: Die Präventionsarbeit von Polizei und Schulen wurde seit den 90er Jahren enorm verstärkt. Streitschlichterprogramm, Schulsozialarbeit, um nur zwei zu nennen, sind nahezu flächendeckend vorhanden. Man will nicht, dass Jugendliche kriminell werden. Durch Prävention verhindert man Kriminalität. 

Und der dritte Grund?

Baier: Es ist ein Kulturwandel festzustellen. Gewalttätig zu sein, ist uncool. Es ist angesagt, in der Schule erfolgreich zu sein. Diese Entwicklung seit den 90er Jahren hat bis 2015 Bestand. Laut Kriminalitätsstatistik nimmt Jugendkriminalität zwischen 2015 und 2019 kontinuierlich um 23 Prozent zu. Diese Entwicklung ist auch in der Schweiz und in Österreich zu beobachten. 

Wie lassen sich die steigenden Zahlen erklären?

Baier: Dazu gibt es noch nicht genügend gesicherte Erkenntnisse. Aus meiner Perspektive heraus spielt zum Beispiel eine Rolle, dass Donald Trump 2016 das Amt des US-amerikanischen Präsidenten übernommen hat. Er tritt sehr macho-fixiert auf. Das scheint gesellschaftlich akzeptiert zu sein. Es signalisiert: Gewalt ist cool. Dazu gehört dann auch das Messer in der Tasche. 

2015 und 2016 kamen vermehrt Flüchtlinge nach Deutschland. Spielt das eine Rolle?

Baier: Die Statistik zeigt, dass der Gewaltanstieg insbesondere bei deutschen Tätern zu verzeichnen ist. Zudem gab es vor allem zwischen 2018 und 2019 einen starken Anstieg der Jugendgewalt, in einer Zeit also, die nicht mehr durch starke Zuwanderung gekennzeichnet war. Dennoch ist es so, dass Zuwanderung eine Gesellschaft verändert. Unter den Intensivtätern ist der Ausländeranteil überproportional hoch. 

Wen erreichen Präventionsangebote und die Absage an Gewalt nicht?

Baier: Das kann man nicht generalisieren. Jeder kann auf die schiefe Bahn geraten. Wer in der Schule oder in der Familie zum Beispiel keine Anerkennung erfährt, merkt vielleicht, dass er durch Gewalt in bestimmten Gruppen Ansehen erlangt. Oder wer familiär schwere Startbedingungen oder schlechte Bildungschancen hat. Kriminalität ist nichts Genetisches. 

Kriminalität ist außerdem kein Phänomen dieser Zeit. Ältere Menschen erzählen ohne Scham oder Reue von Schlägereien auf Dorffesten. So etwas fällt dann in ihren Augen in den Bereich Jugendsünde.

Baier: Was etwa in den 60er Jahren auf Volksfesten los war, ist heute undenkbar. Ältere Polizisten erinnern sich häufig noch an die körperlichen Auseinandersetzungen bei Dorffesten. Heute verletzen Jugendliche andere durch Worte oder das Weiterleiten von Bildern. Für diese Form von Gewalt sind junge Leute sensibilisiert. Diese wird auch oft als schlimm angesehen, aber es gehört für sie dazu, diese Grenzen zu verschieben. Genauso wie es heute eine Art Mutprobe ist, ein Messer mit sich zu führen. 

Ist die Jugend besser als ihr Ruf?

Baier: Ja, das würde ich sofort unterschreiben. Das zeigt sich gerade jetzt in der Pandemie. Die Corona-Maßnahmen sind etwas überspitzt formuliert Anti-Jugend-Maßnahmen. Sie dürfen sich nicht mit Gleichaltrigen treffen, nicht ausgehen, nicht in der Gruppe zusammen sein. Dabei ist das wichtig für die eigene Identitätsfindung. Umso erstaunlicher ist es, wie un-aufmüpfig sie sind. Es sind die Älteren, die wegen Corona durchdrehen und zum Beispiel Journalisten angreifen. 

Wie lässt sich der jüngsten Zunahme von Jugendkriminalität entgegenwirken?

Baier: Der Anstieg zeigt uns, dass man nicht nachlassen darf und versuchen muss, jede Generation aufs Neue mit Präventionsangeboten zu erreichen. In den Schulen hat man junge Menschen an einem Ort zusammen. Wenn nach Corona wieder Normalität einkehrt, muss Gewalt- und Kriminalprävention dort hoch angesiedelt werden. Der soziale Umgang, Empathie und Gewaltfreiheit sind keine Selbstläufer. 

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