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Marie Nasemann: "Nachhaltigkeit ist kein Verzicht auf Spaß"

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Das GNTM-Model hat geheiratet! Diese Schlagzeile verkündeten vergangene Woche zahlreiche Blätter der Regenbogenpresse. Gemeint war Marie Nasemann, die am Dienstag ihrem Verlobten Sebastian Tigges in Berlin das Ja-Wort gab. Geheiratet wurde, wie es sich für eine Kämpferin für Nachhaltigkeit gehört, im umgeschneiderten Hochzeitskleid von Nasemanns Mutter. Weshalb der 32 Jahre alten und bald zweifachen Mama die Themen Umweltschutz, faire Arbeitsbedingungen und Feminismus so am Herzen liegen, erklärt sie jetzt in ihrem ersten Buch „Fairknallt“, das jetzt im Ullstein-Verlag erscheint. 

Was kann ich bei einem Pullover für acht Euro im Sale schon groß falsch machen?

Marie Nasemann: Wahrscheinlich so ziemlich alles, denn für so einen Preis kann das Kleidungsstück weder fair noch nachhaltig produziert sein. Das heißt, sowohl der Planet als auch Menschen entlang der Lieferkette haben unter der Produktion gelitten und einen Schaden davon getragen. 

Ihren Umzug von München nach Hamburg, den Start an der Schauspielschule, bezeichnen Sie als Wendepunkt in Ihrem Leben. Was ist damals mit Ihnen passiert?

Nasemann: Ich kam raus aus meinem bequemen Nest in München, in dem ich mir meine kleine Besserverdiener-Welt eingerichtet hatte. In Hamburg kam ich mit Menschen zusammen, die gegen politische Ungerechtigkeiten auf die Straßen gingen. Ich verstand, dass ich die Welt nicht einfach so hinnehmen musste wie sie ist, sondern selber mitgestalten kann. Die Schauspielschule hat mich das kritische Denken gelehrt und ich habe verstanden, dass es okay und wichtig ist, verbal auch mal auf den Tisch zu hauen, wenn einem etwas gegen den Strich geht.

Sie schreiben sehr eindrücklich vom Besuch Ihrer ersten Demo – warum tun sich so viele Menschen schwer, ihre Meinung offen zu sagen und Stellung zu beziehen?

Nasemann: Ich glaube, Kinder in unserer Gesellschaft wachsen schon so auf, dass sie brav und am besten nie zu laut sein sollen. Dagegen sein und sich auflehnen wird eher bestraft, sich fügen und lächeln belohnt. Ich musste erst lernen, dass ich nicht lächeln muss, nur um meinem Umfeld ein gutes Gefühl zu geben.

Wie möchten Sie anderen Menschen Lust aufs Fairknalltsein machen?

Nasemann: Ich möchte zeigen, dass Nachhaltigkeit kein Verzicht auf Spaß und keine Einschränkung der Freiheit ist. Es ist ein bewussterer Lebensstil, der sowohl günstiger ist als auch mehr echte Freude bringen kann, die über kurze Konsumkicks hinaus geht. Denn was entsteht ist eine neue Liebe für Dinge, eine Wertschätzung, die sich viel schöner anfühlt.

In den 80er Jahren hatten viele Eltern Bedenken, ein Kind in diese Welt zu setzen – Smog, saurer Regen, Tschernobyl. Sie erwarten gerade Ihr zweites Kind – geht es Ihnen ähnlich wie den Müttern vor 35 Jahren?

Nasemann: Wenn ich zu viele, schnelle Nachrichten konsumiere, bin ich oft niedergeschlagen, denn dann fühlen sich die Probleme dieser Welt unlösbar an. Dann verändere ich oft mein Verhalten und lese zum Beispiel für ein paar Tage nur Good News und auf einer Plattform wie Perspective Daily, die einem gleich Handlungsansätze mitgibt. Und ich fokussiere mich wieder mehr auf meine Möglichkeiten und frage mich: „Fernab all der Krisen, was kann ich tun?“

Der Untertitel Ihres Buches lautet „Mein grüner Kompromiss“ – können Sie sich tatsächlich mit einem Kompromiss zufriedengeben?

Nasemann: Ja, ich glaube, wir haben keine andere Wahl als Kompromisse einzugehen. Radikale Nachhaltigkeit leben, würde heißen, Selbstversorger zu sein oder besser noch, gar nicht zu existieren. Wer kann oder will schon auf ein abwechslungsreiches, schönes Leben verzichten? Was uns bleibt ist die Option, uns einzuschränken – und zwar so, dass das Leben trotzdem noch schön ist. Denn jeder hat ein Recht auf ein schönes Leben. Das gilt aber auch für zukünftige Generationen.

Warum fällt uns der Abschied von zwei ollen Beistelltischen von Opa, wie in Ihrem Fall, so schwer?

Nasemann: Ich glaube, dass wir das Horten und Dingesammeln ein wenig in unserer DNA haben. Nicht nur durch die klassischen Sammler aus der Steinzeit. Der zweite Weltkrieg ist nicht lange her. Vielen Menschen wurde vieles oder alles genommen. Wir müssen erstmal wieder lernen, dass wir uns nicht an unseren Besitz klammern müssen und müssen aufhören, uns über ihn zu definieren.

Wenn ich Ihnen jetzt einen Kiwi-Schäler schenken würde – wie würden Sie am ehesten reagieren?

Nasemann: Ich würde wahrscheinlich über die Absurdität des Gegenstandes lachen und ihn dann in unsere Kiste mit Dingen packen, die wir nicht mehr brauchen. Wenn wir Besuch haben darf jeder in diese Kiste gucken und so viel mitnehmen wie er möchte. Vielleicht gibt es jemanden der sagt: „Toll, ein Kiwi-Schäler! Wollte ich mir eh gerade kaufen!“ Aber ich bezweifle es ehrlich gesagt.

Gerade der Modezirkus macht es uns nicht leicht, die richtigen Entscheidung in Sachen Kleidung zu treffen. Wie finde ich faire und nachhaltige Klamotten? Wie kann ich mich bewusst gegen Wegwerfprodukte entscheiden? Haben Sie ein paar Ratschläge?

Nasemann: Generell rate ich dazu, weniger zu kaufen und genauer zu überlegen, was man braucht. Wir alle besitzen viel zu viele Fehlkäufe und Schrankleichen. Dabei hilft total, auf Spontankäufe zu verzichten und immer ein paar Nächte über eine Kaufentscheidung zu schlafen. Wenn man etwas sucht, dass es Secondhand nicht zu kaufen gibt und man sich nicht stundenlang in die verschiedenen Siegel einlesen möchte, empfehle ich einfach, einen Concept Store zu besuchen, der auf faire und nachhaltige Mode spezialisiert ist. Die Verkäufer können einem auch viele Fragen beantworten.

Den Fokus auf Handlungsoptionen legen – dass das Ihr Anliegen ist, wird besonders auf den letzten Seiten des Buches deutlich. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Nasemann: Das Thema Nachhaltigkeit erschlägt einen schnell. Jede Tageszeitung ist voll von Tipps, wie wir nachhaltiger leben können. Aber obwohl wir alle so viel mehr über die Krise und was wir tun können wissen, verändert sich wenig an unserem tatsächlichen Verhalten. Ich habe probiert herauszufinden, woran das liegt und hoffe, ich gebe die richtigen Anreize, dass man sich eben doch einen Schubs gibt. 

Zur Person

Bekannt wurde Marie Nasemann durch „Germanys Next Topmodel“, die Castingshow von Heidi Klum. Seit ihrer Teilnahme 2009 hat sich im Leben der jetzt 32-Jährigen einiges verändert: Heute ist sie unter anderem als Schauspielerin in Fernsehserien wie „Um Himmels Willen“ in der ARD zu sehen, betreut ihren Blog „Fairknallt“ und hat mit ihrem Mann einen eigenen Podcast. Nasemann lebt in Berlin.

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