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Wer nicht sucht, der findet

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Das letzte Mal, als ich mich bei Tinder angemeldet habe, war im Sommer 2018, und ich sehnte mich nach allem Möglichen. Außer zwei entscheidenden Dingen: Ich wollte weder die große Liebe, noch ein unbedeutendes Sex-Abenteuer. Also ironischerweise nichts davon, womit die Dating-App gern wirbt. Beides kam für mich nicht infrage. Denn nach zehn Jahren, in denen ich mich von Beziehung zu Beziehung gehangelt hatte, ständig von einem anderen Menschen abhängig gewesen war, wollte nun endlich mein Single-Dasein für mich nutzen. Mich auf meinen Job konzentrieren, mehr Sport treiben, herumreisen.  Doch es kam anders.

Langeweile

Warum ich Tinder dann installiert habe? Aus reiner Solidarität gegenüber meiner guten Freundin Lena. Zusammen drückten wir einen Workshop in München, und um uns die Langeweile zu vertreiben, wischten wir unter den Tischen auf unserem Smartphone kichernd von einem Kerl zum nächsten. Stellten den maximalen Suchradius ein - damals waren nur 60 statt 160 Kilometer möglich -, lachten über witzige Biografien oder regten uns über perverse Anmachsprüche auf. Während sich Lena hin und wieder mit Männern traf, begnügte ich mich mit Swipen und Chatten. Das reichte mir vollkommen aus. Zu keinem Moment pflegte ich die ernsthafte Absicht, irgendeinen dieser Tinder-Typen im wirklichen Leben zu treffen. 

Auch nicht dann, als ich wieder zu Hause in meiner Wohnung war. Und doch vertrieb ich mir weiter viele Abende, die ich müde und abgeschafft von der Arbeit irgendwie rumbekommen wollte, weiter mit dem Tinder-Spiel. Klar, ich hätte meine neuen Freiheiten anders nutzen sollen.

Damit das Spiel interessant blieb, lehnte ich nicht nur Männer ab, sondern wischte bei einer sehr kleinen Auswahl, die mir ernsthaft gefiel, auch mal nach rechts. Dadurch kam das eine oder andere Match zustande. Eines davon war Alex: blonde Haare, blaue Augen, damals 33 und fünf Jahre älter als ich. Die Stadt, in der er wohnte und arbeitete, lag eigentlich weiter entfernt von mir als die 60 Kilometer, die ich eingestellt hatte. Aber als er zu Besuch war in seiner Heimatstadt, die von meiner nur 40 Kilometer entfernt liegt, überschnitten sich unsere Radien. 

Wellenlänge

Warum ich ausgerechnet auf seine Nachricht reagierte, weiß ich nicht. Er schickte mir ein einfaches „Huhu“, ganz unverbindlich und ohne Schnickschnack. Keiner dieser unangemessenen Anmachsprüche, die man als Frau oft bekommt. Es hätte eine Nachricht von vielen sein können. Und doch kamen wir ins Gespräch. Es fühlte sich sogleich ganz natürlich an, auch wenn wir nur über scheinbar belanglose Dinge sprachen: Was wir am Wochenende planten, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienten, unsere Hobbies. Es hätte ewig so weitergehen können. Auf Tinder suchten wir nichts Bestimmtes, waren wir uns einig. Einfach mal schauen, allenfalls coole neue Leute kennenlernen - das war der Status Quo unserer Gespräche. Es würde beim Schreiben mit Alex bleiben, dachte ich. Falsch gedacht. 

Zwei Tage später schlug er vor, vorbeizukommen, als ich am örtlichen Badesee in der Juli-Sonne schwitzte. Sonderlich begeistert war ich nicht, als Alex anbot, spontan dazuzustoßen. Er sei ohnehin in der Nähe, sagte er. Ich lehnte zuerst ab, doch er blieb hartnäckig: Wenn ich keine Lust hätte, würde er wieder gehen. Ich überlegte: Es war offenes Terrain und viel los am See. Ich konnte noch immer verschwinden oder um Hilfe rufen. Ich hatte den Tag allein verbracht, etwas Gesellschaft würde mir vielleicht guttun. Nach einigem Hin und Her nannte ich ihm schließlich den Weg zur Bucht. Zwanzig Minuten später tauchte er auf. Was ich sah, gefiel mir auf Anhieb, ob ich wollte oder nicht. 

Die nächsten Stunden vergingen wie im Flug, das Gespräch lief wie von selbst. Als wir uns abends am Badesee-Parkplatz verabschiedeten, hätte er mich gern geküsst, sagt er heute. Ich bin froh, dass er es nicht am ersten Tag getan hat. Das hätte das Ganze weniger besonders gemacht. Noch zwei weitere „Dates“ waren nötig, bis er mich küsste. Dann war es perfekt. 

Algorithmus

Das alles mag lächerlich romantisch klingen, idealistisch. Aber der Zufall, der uns zusammengeführt hat, hat seine volle Wirkung entfaltet. Die vielen Enttäuschungen, die man erleben kann, wenn man sich mit Menschen trifft, die man über eine Dating-App wie Tinder kennengelernt hat, sind die Regel. Ernsthafte Beziehungen, die sich aus solchen Matches entwickeln, sicherlich nur eine kleine Ausnahme. Sonst hätte Tinder sicher einen anderen Ruf.

Und doch habe ich über einen Algorithmus die große Liebe gefunden. Von mir aus hätte das gern anders sein dürfen, nämlich dass sich Alex und ich im „echten“ Leben zum ersten Mal getroffen hätten. Im Club, durch Freunde, beim Einkaufen. Denn wer gibt schon gern vor anderen zu, dass man seinen Partner über eine Dating-App kennengelernt hat, die für One-Night-Stands bekannt ist? Und dass es ein Algorithmus war, der uns zusammengebracht hat, ist ja wohl alles andere als romantisch. Und doch haben wir das Beste daraus gemacht. Wir haben uns mit dem Dating Zeit gelassen, vielmehr auf meinen Wunsch hin.

Bis wir zusammenkamen, vergingen mehrere Monate. Der Grund: Ich wurde mir meiner Doppelmoral bewusst, dass ich ja eigentlich Tinder nur zum Spaß installiert hatte, und setzte dem Dating ein jähes Ende. Ein halbes Jahr hatten wir gar keinen Kontakt mehr, bis ich wieder auf Alex zuging. Er hat es mir verziehen.

Inzwischen leben wir zusammen und führen eine glückliche Beziehung. Und wer sich fragt, was aus meinen Plänen geworden ist, mich mehr auf mich zu konzentrieren: Was ich mir damals für meine Single-Zeit vorgenommen habe, kommt auch trotz Beziehung nicht zu kurz. 

Was spricht dafür, den Partner oder die Partnerin auf Dating-Apps zu suchen, und was dagegen? Wir haben hier Argumente für beide Seiten für euch zusammengetragen.

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