Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

„Ich war von den Leuten enttäuscht“

zurück zur Übersicht
Sven Nowak hat alles, was ein guter Torhüter im Regionalfußball haben muss. Er ist groß, fast zwei Meter, und hat Talent als Keeper. Doch er hat fürs Erste keine Lust mehr auf Fußball. Sven Nowak ist schwul. Und damit hat er in der Kabine nicht nur gute Erfahrungen gemacht.

Fußball und Homosexualität, das ist für Nowak ein zwiespältiges Thema. Im Verein hat er den Mut gefunden für sein Coming-Out. Aber er hat auch viele dumme Sprüche von Teamkameraden gehört. Irgendwann sollte es normal sein, dass homosexuelle Menschen Fußball spielen, findet Nowak. "Das ist aber noch ein langer Weg dahin. Den kann man auch nicht überbrücken." Er findet es deshalb wichtig, über Homosexualität im Regionalfußball zu sprechen.
 

Versteckspiel baut Druck auf

Sven Nowak kickt seit der Grundschule. Seine ersten Torwarthandschuhe trägt er 1999 bei seinem Heimatverein SC Amorbach. 2009, in der B-Jugend, wechselt er zur Neckarsulmer Sport-Union. Da weiß er schon, dass er schwul ist. Sonst wissen das aber nur wenige. Wenn Spieler in der Kabine über Freundinnen sprechen, lacht Nowak deshalb einfach mit. "Aber man muss immer aufpassen, dass einem das nicht um die Ohren fliegt", sagt er. Also entscheidet er: "Entweder ich rede mit jemandem, oder ich höre komplett auf."

In Neckarsulm findet Nowak einen guten Vertrauten. Sportdirektor Marco Merz unterstützt ihn. Der 42-Jährige bereitet im April 2011 mit Nowak ein Coming-Out im Verein vor. Für Nowak hätte es kaum besser laufen können: "Ich wusste, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin." Merz drängt ihn, das Thema auch zu Hause zu klären. Dienstags sagt Nowak seinen Eltern, dass er schwul ist. Donnerstags weiß es die Mannschaft. "Es ging etwas schnell, aber dann war es erledigt."
 

Die Angst davor, doch anders zu sein

Auch Coach Timo Böttjer stellt sich sofort vor den Torhüter. "Die Mannschaft war etwas überrascht. Aber die Runde hat gezeigt, dass das für keinen ein Problem war", sagt Böttjer. Wenn alle anderen ihre Freundinnen zum Teamabend mitbringen, kommt Nowak damals eben alleine. Für keinen ist das ein Problem. Auch sportlich läuft es in der Saison 2011/12 gut. Nowak hat zwei Einsätze in der ersten Mannschaft – dabei dürfte er auch noch A-Jugend spielen. "Es hat mir sehr imponiert, was er im Training geleistet hat", sagt Trainer Böttjer.

Doch Sven Nowak fühlt sich nicht wohl: "Ist man nicht doch anders als die anderen Fußballer?" Solche Gedanken kennen sicher auch andere homosexuelle Sportler, sagt er. Er will in einem anderen Verein befreit aufspielen und wechselt. "Das war natürlich naiv", sagt er heute. Denn auch beim neuen Verein, beim Friedrichshaller SV, setzt Nowak sich selbst unter Druck. Es läuft nicht. Anfang 2013 geht er zurück zu seinem Heimatverein, dem SC Amorbach.
 

Gefühlt, als wäre er nicht erwünscht

Dort erzählt er keinem, dass er schwul ist. Er will sich beweisen, dass er ein guter Torhüter ist. Egal ob schwul oder nicht. Doch das funktioniert schlecht. Niemand spricht Sven Nowak direkt auf seine Homosexualität an, aber viele kennen zumindest Gerüchte. "Mir kam es so vor, als gäbe es kein anderes Thema mehr", sagt Nowak. "Ich habe gemerkt: So wie du bist, bist du hier nicht erwünscht."

In Neckarsulm gab es in der Kabine nie Sprüche über Schwule. In Amorbach dauernd, sogar der Trainer macht mit. Im Sommer 2013 eskaliert die Situation mit einigen verletzenden Sprüchen. Da steht Sven Nowak in der Kabine auf und geht. "Ich war von den Leuten enttäuscht."
 

Gezielt schwulenfeindlich

Erst dann spricht Nowak mit Lars Ruoff, dem Fußball-Abteilungsleiter beim SC Amorbach. Ruoff glaubt zwar nicht, dass Spieler im Verein "gezielt schwulenfeindlich" sind. "Aber man weiß auch nie, was in der Kabine passiert." Hätte Sven Nowak weiter im Verein spielen wollen, hätte Ruoff ihn unterstützt. Der Großteil seiner Spieler hätte sicher kein Problem mit einem schwulen Teamkameraden, sagt er. "Und wenn doch, dann muss man das unter erwachsenen Leuten besprechen."

Sven Nowak hängt damals die Torwarthandschuhe an den Nagel. Er geht nach Biberach und studiert Architektur, zwei seiner Kommilitonen dort sind ebenfalls schwul. Homosexualität wird für Nowak alltäglicher. Heute würde er in einer Mannschaft gleich sagen, dass er schwul ist. Wenn er einen passenden Verein findet, würde er vielleicht wieder als Torhüter spielen.
                                        

Galerien

Regionale Events

Digitale Azubimesse

Mehr als 50 Unternehmen stellen von 14. bis 20. Februar 2022 ihr Aus- und Weiterbildungsangebot digital vor.

Neuer Impfpunkt

Die Stadt Heilbronn ergänzt ihr Impfangebot um die Harmonie.