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Erst Birne, dann Bizeps

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Als Boxerin ist Özlem Sahin eine Spätberufene. Sie ist 27 Jahre, als sie ihre Karriere im Amateurbereich startet. Aber es geht dann steil nach oben. Die gebürtige Türkin wird zweimal Internationale Deutsche Meisterin und kämpft für ihre neue Heimat in der Nationalmannschaft.

Weil für Frauen im Amateurbereich mit 33 die Altersschranke fällt, wechselt sie ins Profilager. Heute ist sie Weltmeisterin des Frauen-Boxverbandes WIBF im Juniorfliegengewicht. 17 Profikämpfe hat die temperamentvolle Boxlady bestritten und ist ungeschlagen. "Der Ehrgeiz steckt in mir drin", sagt die 37-Jährige.
Im Juli 2011 kämpft Sahin zum ersten Mal um den Weltmeistertitel. "Das war die Verwirklichung meines größten Traumes", erzählt sie.
 

Hochgekämpft und durchgebissen

3500 Zuschauer waren in der Halle in Göppingen, das türkische Fernsehen hat live übertragen. Zuletzt hat sie im November 2013 einen Hauptkampf in ihrer Heimatstadt Ludwigsburg bestritten. Von ihrem Sport können Boxerinnen in Deutschland trotzdem nicht leben. Sponsoren finanzieren ihr die Kämpfe, für die Vorbereitung nimmt Sahin Urlaub oder baut ihr Gleitzeitkonto ab. Die Rangfolge ist für die Frau aus Neckarrems (Kreis Ludwigsburg) klar: "Erst kommt die Birne, dann der Bizeps."

Auch im Beruf hat die Migrantin sich hochgekämpft. Mit "Null Deutsch" kommt sie als Elfjährige aus der Schwarzmeerstadt Trabzon ins ländliche Welzheim im Schwäbischen Wald. Dort steigt sie in der fünften Klasse der Hauptschule ein. Die Eltern leben zwar schon einige Jahre hier, aber Deutsch sprechen sie nur gebrochen.
 

Ausbildung und Weiterbildung

Als es in der achten Klasse an die Lehrstellensuche geht, sind ihre Noten so gut, dass sie beim Autozulieferer Bosch einen Ausbildungsplatz bekommt. "Ich wollte was Technisches machen", sagt Sahin. Unter den 300 Azubis waren gerade acht Mädchen. Ihr Ziel sei schon damals gewesen: "Raus aus dem Klischee." Dafür nimmt sie in Kauf, dass sie morgens um vier Uhr aufstehen muss, um mit Bus und Bahn rechtzeitig zu ihrem Arbeitsplatz in Waiblingen zu kommen.

Nach der Ausbildung arbeitet Sahin in der Montage, später als Schweißerin. "Das kann nicht die Zukunft sein", denkt sie mit Mitte 20 und qualifiziert sich neben dem Job zum Technischen Fachwirt. Der Arbeitgeber honoriert das schnell: Sie wird zuständig für die komplette Verpackung der Teile, die in dem Werk gefertigt werden.

Zum Boxen kommt Sahin ebenfalls nur über den Kampf. Ihr älterer Bruder hat geboxt. "Er war der Held der Familie", blickt sie zurück. Diese Anerkennung will sie auch. Aber die Eltern sagen Nein. Mit 21 zieht sie zu Hause aus und beginnt mit dem Training. Weil der Pass bei den Eltern blieb, beantragt sie gleich die deutsche Staatsbürgerschaft.
 

Soziales Engagement

"Zwischen Bosch, Boxen und Schlafen bleibt kaum Freiraum mehr für Privatleben", sagt die Weltmeisterin. Sie hat keinen Manager, keinen Pressesprecher und keinen Promoter. Das macht sie alles nebenbei. Trotzdem findet Sahin die Zeit für gesellschaftliches Engagement. Sie betreut Jugendliche in der Paulinenpflege Winnenden. "Da sind viele Migrantenkinder dabei, die sich aufgegeben haben", sagte die mit 21 Jahren eingebürgerte Deutsche.

Sie will den jungen Leuten Vorbild sein und die Einstellung vermitteln, "dass sie es schaffen können, wenn sie dran bleiben". Ihr eigener Weg zeige doch, dass ein ausländischer Name kein Hindernis sei. Sahin: "Man muss nur wollen."
                 

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