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Gewagt – und gewonnen

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An diesem Tag sind die Prioritäten anders verteilt. Es geht nicht einzig um Zahlen, Zeiten und Zwischenstände. Es geht um Grundlegenderes. Die entscheidende Frage für Felix Neureuther ist von größter Schlichtheit und doch von solch immensem Gewicht. Geht es? Selbst wenn er ganz genau in seinen malträtierten Leib hineingehört hat, eine klare Antwort hat der 29-Jährige in den vergangenen Tagen darauf nicht erhalten. In diesem Schwebezustand ist einzig die Geduld ein guter Ratgeber, fiele sie nur nicht so elend schwer.

Am Morgen, nach einer behandlungsintensiven Phase und viel Zweisamkeit mit seinem Physiotherapeuten Martin Auracher, entscheidet sich der Deutschen liebster Skirennläufer für einen Start im olympischen b. "Da ist echt schon ein sehr großes Wunder passiert. Irgendwie", sagt Felix Neureuther und hält kurz inne.
 

Mit Schleudertrauma an Start

Fünf Tage nach seinem Autounfall, bei dem er sich ein Schleudertrauma, einen gezerrten Bandapparat im Halswirbelbereich und zwei geprellte Rippen zugezogen hat, fährt er nicht nur mit. Er wird Achter. Jene Position, die er auch schon nach dem ersten Durchgang eingefahren hatte. Neureuther spricht von Zufriedenheit. Und davon, dass er doch noch mehr wollte. Zu aussichtsreich und verlockend war die Ausgangslage, nur 16 Hundertstelsekunden von Bronze entfernt zu sein.

Aber gemach. "Es war brutal wichtig für mich, am Start gestanden zu sein und zu sehen, dass mein Körper den Belastungen standhalten kann", sagt der achtmalige Weltcupsieger. Bei der Besichtigung erst ist endgültig der Entschluss gereift, es zu wagen. Nun ist der Kopf frei, "weil ich gesehen habe, dass es geht und ich attackieren kann." Das Gedanken-Karussell dreht sich nicht mehr im Riesenslalom-Tempo.
 

Bedenken

Dem Souverän, Ted Ligety, gratuliert Felix Neureuther zum Olympiasieg. Der lässige Amerikaner ist in seiner Liga zu Gold gecarvt. Für Stefan Luitz, seinen Zimmerkumpel und Pechvogel aus Durchgang eins, hat er Trost. "Was dem Stefan passiert ist, ist noch viel wahnsinniger", sagt Neureuther, "das wünscht man absolut keinem – vor allem, wenn man so cool Ski fährt wie er. Das ist schon brutal bitter." Am letzten Tor hatte der 21-Jährige eingefädelt – mit der zweitbesten Zeit. Chance vertan. "Aber vielleicht muss das dazugehören, dass er mal ein richtig Großer wird", sagt der Sportdirektor Wolfgang Maier.

Reiz und Risiko hatte er im Dialog mit Felix Neureuther besprochen, auch Bedenken geäußert. Für Olympia, dieses besondere Kapitel in der Biographie eines jeden Bewegungsmenschen, aber ist Felix Neureuther gewillt gewesen, mehr Risiko einzugehen "und es mal einen Tag früher zu probieren als es vielleicht sinnvoll wäre". Es hat sich ausgezahlt. Nicht nur, weil Wolfgang Maier eine "Weltklassevorstellung" gesehen hat. Das Bedeutsame für Neureuther ist, dass er seinem Körper wieder vertrauen darf. Das ist das effektivste Beruhigungsfluid für den Dauerbehandelten.
 

Geschmeidige Eleganz

Vor dem Lauf hat die Medizinabteilung Neureuther mit Tapes so gut stabilisiert, dass der Kopf erst gar nicht in eine schmerzhafte Position fallen konnte. Im Ziel glichen die ersten Bewegungen des Deutschen ohne Ski trotzdem jenen eines Roboters. Keine Spur seiner geschmeidigen Eleganz, die er zwischen den Toren zeigt. Er ist ein zäher Bursche, dieser Felix Neureuther. Doch es liegt in der Natur eines Hochleistungssportlers, sich zu quälen. Mehr als andere. Auf anderem Wege sind Triumphe seiner Güteklasse nicht zu schaffen.

Die Gedankengänge des Felix Neureuther aber gleichen seinem Fahrstil: Immer auf Zug, um Geschwindigkeit zu erzeugen. "Jetzt brauche ich ein Training, in den vergangenen fünf Tagen bin ich einfach nur rumgelegen." Das entspricht nicht seinem Naturell. Jetzt freut sich der Mann aus dem Werdenfelser Land auf Samstag. Seinen Tag. "Da kann ich es nur besser machen."
                     

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