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Vertrauensmissbrauch

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Bei der Willkommensfeier in München heute fehlt sie. Kein Händeschütteln mit Bundespräsident Joachim Gauck. Stattdessen eine ungeplante Nacht in Moskau, dann über München heim nach Reit im Winkl. Was Evi Sachenbacher-Stehle am Samstag dort nach ihrer positiven Dopingprobe und dem Ausschluss aus der Olympia-Mannschaft erwartet hat, wissen nur wenige. Tags zuvor hatten Beamte des Landeskriminalamtes Bayern noch private Gebäude der 33-Jährigen und den Bundesstützpunkt Ruhpolding durchsucht.
 

Ermittlungen eingeleitet

Die Staatsanwaltschaft München hatte am Freitag Ermittlungen gegen unbekannt eingeleitet. In einem Haus sind Nahrungsergänzungsmittel gefunden worden. Ermittelt wird wegen unerlaubten Inverkehrbringens von Arzneimitteln zu Dopingzwecken im Sport. Justizsprache. Im Klartext: Es wird nicht explizit gegen die Athletin ermittelt. Die Biathletin ist trotzdem erst mal abgetaucht, schon in Russland war sie nach dem positiven Befund auf das leicht nachweisbare Stimulanzmittel Methylhexanamin, das in einem Nahrungsergänzungsmittel enthalten gewesen sein soll, geschützt worden. Aus der strahlenden "Gold-Evi" ist eine Dopingsünderin geworden. Ob es sich um verunreinigte Energieriegel, einen "Gute-Laune-Tee" aus Asien oder das (Teil-)Produkt eines ausgeklügelten Betrugssystems handelt, bleibt Spekulation.

Fakt ist: Der Fall Sachenbacher-Stehle ist eine grobe Fahrlässigkeit der Athletin. Eine reflexartige Reaktion darauf sind die Fingerzeige auf die angeblich sauberen und perfekten Deutschen. Bundestrainer Gerald Hönig hatte bei der Frauen-Staffel am Freitagabend entsprechende Blicke registriert. Kurz zuvor war die Nachricht durchgesickert, dass die Langläuferin, die 2012 zu den Biathleten wechselte, nach dem Massenstart positiv war.
 

Geschockt

Die deutsche Mannschaft im Schockzustand, die Stimmung "stark belastet", wie es der Chef der Mission, Michael Vesper, ausgedrückt hatte. Gestern Morgen hat der Deutsche Olympischen Sportbund Strafanzeige gegen unbekannt gestellt − und der Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft alle ihm vorliegenden Informationen zur Verfügung gestellt. Evi Sachenbacher-Stehle hat das Team in Verruf gebracht, der Generalverdacht schwingt fortan − zumindest unterschwellig − mit. Nicht nur Claudia Nystad, Zimmerkollegin von Sachenbacher-Stehle, hat Bedenken, dass ein Manipulationsverdacht nun auch auf andere fallen könne.

Die Facebook-Seite von Evi Sachenbacher-Stehle ist nicht mehr abrufbar, nachdem ihre Stellungnahme, in der sie vorsätzliches Doping abgestritten hatte, zu teils wüsten Reaktionen geführt hatte. Denn: Die Sportsoldatin ist kein junges Mädchen mehr, sondern eine erfahrene Athletin, die seit 1998 auf Weltcup-Niveau dabei ist und − wie alle im Deutschen Skiverband (DSV) − stetig auf die Gefahren von möglicherweise verunreinigten Nahrungsergänzungsmittel hingewiesen worden ist.
 

Vertrauensmissbrauch

Allein 2013 sind weltweit knapp 400 solcher Fälle bekanntgeworden. Zu ihrem eigenen Schutz können sich Athleten auf der "Kölner Liste" oder auf einer DSV-Seite informieren, welche Produkte als unbedenklich gelten. Denn sie sind nach dem Prinzip des Strict liability selbst verantwortlich für die Stoffe, die in ihrem Körper gefunden werden. Evi Sachenbacher-Stehle gab an, sie arbeite mit einem Mentaltrainer, von dem sie die Produkte bekommen habe. Die Hintergründe aufzuklären, ist im Sinne von Thomas Pfüller. "Evi hat unser Vertrauen missbraucht", sagt der DSV-Generalsekretär. "Wenn sie nebenbei andere Berater zu Rate zieht und so ein Resultat rauskommt, ist da nicht nur Enttäuschung, sondern auch Ärger dabei." Pfüller diskutiert das Thema in der nächsten Präsidiumssitzung.
 

Ende der Karriere

Ob Sachenbacher-Stehle im Verband überhaupt eine Zukunft hat, hängt auch von der Internationalen Biathlon-Union (IBU) ab. Der Weltverband hat die Bayerin im Massenstart und mit der Mixed-Staffel disqualifiziert und die beiden vierten Plätze aus den Ergebnislisten gestrichen. Der Weltverband wartet auf den umfangreichen IOC-Abschlussbericht, der Vorstand reicht diesen an das IBU-Panel weiter. Binnen 30 Tagen kommt es zu einer Anhörung.

"Dann muss man sehen, ob es mit zwei Jahren oder einer geringeren Strafe abgeht", sagt Thomas Pfüller. Ob das zugleich auch das Karriereende von Evi Sachenbacher-Stehle ist, wollte der 64-Jährige nicht vorwegnehmen. Bis das Procedere abgeschlossen ist, bleibt die Biathletin von allen Wettbewerben ausgeschlossen. Ihr Saisonende ist somit sicher, das Ende ihrer langen Laufbahn wahrscheinlich.
                    

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