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Der große Sprung

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Abrupt bleiben die Passanten vor der Kilianskirche in Heilbronn stehen. Staunend drehen sie die Köpfe und reißen die Augen auf. Eine Traube von mehr als 20 Menschen bildet sich. Grund: Immer wieder wirbelt der 15-jährige Tobias Kerst von einer zwei Meter hohen Mauer mit Salti durch die Luft. Der Fotograf drückt auf den Auslöser. Die perfekte Pose ist im Kasten, der Extremsportler aus Unterheinriet zufrieden.

Mit sechs Jahren begann Tobias Kerst beim Spvgg Unterheinriet das Trampolinspringen. Als er zwölf Jahre alt war, hörten die Trainerinnen auf, das Trampolinspringen war abgesagt. Ein Kumpel brachte ihn damals auf die Idee, zu dem Auensteiner Showteam Red Ants zu gehen, erinnert sich der Realschüler. Trainer Oliver Fischer habe die Grundlagen für seine Leidenschaft gelegt: Parkour. Ein Lächeln huscht über Kerts Gesicht: "Das erste Mal im Training habe ich mich sofort in den Sport verliebt."
 

Von A nach B


Vereinfacht ausgedrückt geht es bei der aus Frankreich stammenden Trendsportart darum, im urbanen Raum effizient von einem selbstgewählten Punkt A zu Punkt B zu gelangen – möglichst in Luftlinie, sich in den Weg stellende Hindernisse inklusive. Nach den Anfängen in den späten 80ern mischen sich in die heutige Form der Sportart immer mehr spektakuläre Sprünge und akrobatische Elemente. Am Boden, aber oft auch in luftigeren Höhen, springen die Parkour-Sportler, auch Traceure genannt, von Mauer zu Mauer oder Gebäude zu Gebäude.

Bekanntheit erlangte Parkour in den späten 1990er und 2000ern über Werbung und Spielfilme. Auch Tobias Kerst wünscht sich durch den Sport Popularität: "Das Größte wäre es, davon später leben zu können. Aber dafür muss ich meinen Bekanntheitsgrad steigern und trainieren." Über Teenager-Träumereien gehen die selbstbewussten Vorstellungen des Unterheinrieters hinaus. Mit seinen 15 Jahren bewirbt er sich bereits für seinen zweiten Sponsor. Der Heilbronner Modestore, der ihn vorher dafür finanzierte, dass er ihm in seine Kleidung gehüllt Parkour-Videos schickt, hat geschlossen. Ein neues Engagement hat Tobias Kerst fest im Blick: "Bei den Videos geht es vor allem um Reichweite. Die ist bei einer Ladenkette größer, als wenn ich selbst Videos ins Netz stellen würde."
 

Videoteam


Sein eigenes Videoteam hat der Jugendliche auch schon angeheuert. Zwei Schulkameraden sind Hobbyfilmer. "Vor eineinhalb Jahren bin ich auf sie zugegangen", sagt Tobias Kerst. Seitdem sind die drei ein eingespieltes Team. Entdeckt Kameramann Justin Rau geeignete Plätze für einen Dreh, speichert er die Koordinaten in seinem Smartphone und schickt sie an Tobias Kerst. Nur auf Untergruppenbach beschränkt sich die Wahl des Extermsportlers dabei lange nicht mehr. Auch in Städten wie Heilbronn, Karlsruhe, Stuttgart, Marbach, Ludwigsburg oder Pforzheim ist das Team unterwegs.

"Normalerweise sucht man sich die Gegend nicht aus. Neue Spots zu entdecken, ist beim Parkour am reizvollsten", sagt er. Für die Zukunft sieht sich der 15-Jährige mit seinem Sport in einer Großstadt, "etwas schönes altes wie Dresden". Einen Plan B hat der Extremsportler aus dem Untergruppenbacher Ortsteil aber auch: "In der Schule interessiert mich Chemie. Lacklaborant wäre eine Alternative zum Sport."
 

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