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Eine Kämpferin

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Rola El-Halabi strahlt Lebensfreude aus, ihr Lachen ist ansteckend. Auch für die 55 Zuhörer im Seminarraum der German Graduate School, wo die Ulmerin ihre bewegende Geschichte erzählt. Die beginnt mit ihrer Kindheit, als sie mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg im Libanon floh. Ihr Vater kam in Deutschland nicht zurecht und ging deshalb wieder zurück. El-Halabis Mutter lernte recht schnell einen neuen Mann kennen: Roy El-Halabi. "Er adoptierte mich und war von Anfang an wie ein leiblicher Vater", erzählt sie. Gefördert durch ihren Stiefvater, begann die damals schüchterne El-Halabi mit dem Boxen. Das sollte ihr mehr Selbstvertrauen geben. "Ich war eine Heulsuse, sehr sensibel. Ich wurde in der Schule geschubst und gemobbt", erinnert sie sich.
 

Stiefvater ist Manager

Beim Boxen fand sie Anerkennung. Zu ihrer Disziplin und ihrem Trainingsfleiß kam Talent. Weltmeisterin zu werden, war ihr großes Ziel, so wie Regina Halmich.

Was für andere Jugendliche in ihrem Alter eine Selbstverständlichkeit war, kam für El-Halabi nicht in Frage: "Der Sport war mein Kosmos, denn im Kampf konnte ich selbst entscheiden, wie ich agiere."

Das Leben der jungen Boxerin wurde von ihrem Stiefvater Roy bestimmt, der selbst nie die Möglichkeit hatte, einen Sport auszuüben. Er war ihr Manager, förderte die junge Boxerin und plante ihre Karriere. "Ich war sein Kunstwerk, sein Lebenswerk", sagt El-Halabi. Und der Plan des Vaters ging auf: Nachdem El-Halabi bei ihrer ersten EM-Teilnahme 2004 "die Mütze voll bekam", startete sie nach ihrem Abitur durch. Sie wurde Sprecherin der neugegründeten Frauen-Nationalmannschaft, bekam eine Profi-Lizenz, wurde 2007 Europameisterin.
 

Vier Schüsse

Daraufhin gründete sie ihren eignen Boxstall und organisierte ihre Kämpfe selbst. Bei ihrem Kampf um die Doppel-WM verkaufte sie sogar die Tickets selbst an der Abendkasse. Auf den Sieg folgten mehrere Titelverteidigungen und Anfragen aus der ganzen Welt. El-Halabi war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Dazu hatte sie auch noch Glück in der Liebe, als sie Kosta kennen lernte: "Ich war mit 25 Jahren das erste Mal in meinem Leben verliebt. Mein Vater wollte nicht akzeptieren, dass er keinen Einfluss nehmen konnte."

Immer wieder stritt sie sich mit ihrem Stiefvater. Er drohte ihr. Schließlich beendete sie die Zusammenarbeit. An Konsequenzen glaubte sie damals nicht, doch sie irrte. Am 1. April 2011 drang ihr Vater unmittelbar vor einem Weltmeisterschaftskampf gewaltsam in die Umkleidekabine ein. Mit vier Schüssen verletzte er sie an der Schlaghand und den Beinen − vier Durchschüsse. "Roy El-Halabi wollte seine Tochter zum Krüppel machen", urteilte das Gericht sieben Monate später mit sechs Jahren Haft.
 

Kampfgeist

Auch heute noch ist es für El-Halabi schwer, über das Attentat zu sprechen: "Ich bin dadurch erwachsen geworden, skeptischer und vorsichtig." Neun Wochen verbrachte sie im Krankenhaus Ein Comeback schien ausgeschlossen. Um den schrecklichen Moment zu verarbeiten, schrieb die 29-Jährige ein Buch. Auch ihre Vorträge helfen dabei. Mit Kosta ist El-Halabi mittlerweile verheiratet. Gemeinsam betreiben sie in Ulm die Bar "Barola". Er überredete sie, als El-Halabi wieder gehen konnte, bei einem Fünf-Kilometer-Lauf mitzumachen. In 33 Minuten schafften es die beiden ins Ziel. "Dabei habe ich bemerkt, dass mein Kampfgeist noch da ist. Ich wollte zurück in den Ring", berichtet El-Halabi.
 

Weltmeistertitel

Und so kam es: Nicht einmal zwei Jahre nach dem schlimmsten Moment ihres Lebens stand die Kämpferin wieder im Ring. Der Kampf ging zwar verloren, doch das war für die Rückkehrerin Nebensache: "Ich wusste, wenn ich über die Zeit komme, brauche ich noch zwei, drei Kämpfe, um wieder die Alte zu sein." Im August vergangenen Jahres eroberte sich die Linksauslegerin den Weltmeistertitel im Halbweltergewicht zurück und verteidigte ihn einen Monat später erfolgreich.

Ihr nächster Kampf findet am 5. Mai in Ulm statt. Viel weiter gehen ihre sportlichen Pläne nicht, doch für die Zeit nach ihrer Karriere hat sie bereits eine Vorstellung: "Dann will ich einfach ein ruhiges Leben führen und als Mutter zurückgezogen mit meiner Familie leben. Aber wahrscheinlich fällt mir dann wieder etwas Verrücktes ein."
                

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