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Die schwäbische Talentschmiede

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Immer donnerstagabends bricht ein bisschen Hektik in der oberschwäbischen Wohngemeinschaft von Tom Mayer aus. Jeden Freitag ist Stubenkontrolle, weshalb dann kurz vor knapp der Staubsauger zum Einsatz kommt. Dabei ist der Heilbronner Mayer der Einzige, der weiß, was man unter einer Kehrwoche zu verstehen hat. Der 16-jährige Tom Mayer lebt seit fast einem Jahr in Ochsenhausen, in einer WG mit einem Engländer, Franzosen, Schweden und Südkoreaner.

Alle haben eins gemeinsam: Sie alle wollen Tischtennis-Profi werden, leben und trainieren am Liebherr Masters College. Was nach Harry-Potter-Schule oder englischem Edel-Internat klingt, ist in Wirklichkeit das süddeutsche Tischtennis-Leistungszentrum schlechthin. Mayer hat nach dem Realschulabschluss ganz auf die Karte Tischtennis-Profi gesetzt. "Dafür gibt es keinen besseren Ort als Ochsenhausen", sagt Mayer.


Viel Training

 

Von neun bis 12.30 Uhr wird jeden Tag trainiert, nach dem Mittagessen im nahen Hotel und der Mittagspause wird von 16 bis 19 Uhr weitergeschuftet. Es ist eine ziemlich exklusive Trainingsgruppe. Der Portugiese Joao Geraldo hat gerade das portugiesische Team zur Goldmedaille bei den Europaspielen in Aserbaidschan geführt. Ein Hugo Calderano aus Brasilien hat in der vergangenen Saison Timo Boll geschlagen.

Das sind mal Trainingspartner. "Die Umstellung war hart. Im Stützpunkt Heilbronn war ich der König, jetzt bist du auf einmal der Jüngste und Schlechteste. Damit musst du auch erst einmal klar kommen", sagt Tom Mayer. Intensivere, anstrengendere Einheiten. Tägliche Krafteinheiten. Es ist außerdem etwas anderes, ob Tischtennis Hobby und Ausgleich nach der Schule ist, oder plötzlich der Hauptberuf. "Da gibt es schon auch mal Tage, an denen man müde ist und keine Lust hat", sagt Mayer. Er ist gereift in dem einen Jahr fernab der eigenen vier Wände. Wäschewaschen. Müll rausbringen, den leeren Kühlschrank auffüllen. Im Hotel Mama fällt das nicht in den eigenen Zuständigkeitsbereich. Jetzt schon.

 

Gemischtes Fazit

 

Das sportliche Fazit der abgelaufenen Saison fällt gemischt aus. Tom Mayer ist fast 15 Zentimeter innerhalb eines Jahres gewachsen. "Er ist mit 1,80 Meter jetzt genauso groß wie ich", sagt sein Vater Godehard. Das fragile Spielsystem leidet im Wachstum unter anderen Hebelverhältnissen, einem anderen Treffpunkt der 40-Millimeter-Kugel. Der Heilbronner kämpfte zudem lange mit den Folgen eine Tennisarms. "Vielleicht war da eine gewisse Überlastung", sagt er über die Zwangspause von Oktober 2014 bis Januar 2015. Es dauerte lange, bis das Vertrauen wieder vorhanden war, zu allem Überfluss setzte es im Spitzenpaarkreuz der Regionalliga-Mannschaft der TSG Heilbronn Niederlagen in Serie. Der Klassenerhalt in der Regionalliga und nun der deutsche Meistertitel mit den U18-Kollegen sind immerhin ein schöner Abschluss des Kapitels TSG Heilbronn. Mayer wird künftig für den TTC Weinheim spielen, dritte Liga. Mayer wagt sich ins unbekannte Haifischbecken, zieht es dem bekannten Heilbronner Umfeld vor.

Dass er ein überragendes Händchen besitzt, steht außer Frage. Aber ob das Talent allein reicht, um eine ganz große Tischtennis-Karriere hinzulegen? "Vielleicht tut es ihm ganz gut, jetzt mal etwas anderes kennenzulernen", sagt Jugendleiter Uwe Drauz.


Noch ein Jahr

 

Kostenlos ist der Internatsplatz übrigens nicht. Einen Teil muss die Familie finanzieren, einen Teil schießt der Tischtennis-Landesverband zu. Sein letztes Jugendjahr wird Mayer nun noch in Ochsenhausen verbringen. Die Ambitionen sind klar: "Ich will zurück in den C-Kader der Nationalmannschaft und zu den besten drei deutschen Spielern in meinem Jahrgang gehören", sagt Mayer: "Die Jugend-EM ist ganz klar mein Ziel."

Nur wenn er zum Schluss der Jugendzeit zu den Top-Spielern in Deutschland gehört, macht es Sinn, auf die Karte Tischtennis-Profi zu setzen. "Als Nummer sieben in Deutschland rentiert sich der ganze Aufwand nicht, dann kann ich nicht davon leben", weiß Tom Mayer. Plan B sieht eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich vor. Plan B soll aber Plan B bleiben. Der internationale WG-Aufenthalt in Ochsenhausen hat übrigens ungeahnte Folgen. "Mein Vater hat sich neulich gewundert, dass ich besser Englisch spreche als er."

 

 

 

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