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Harte Handarbeit im Kanal

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Blitzschnell drückt sich die Schnauze durch den Spalt – und noch ehe Carina Bär das Fenster öffnet, schiebt Basko seinen Körper hinterher. Soeben ist der Berner Sennenhund noch wild durch den Garten gejagt, jetzt legt er sacht eine Pfote auf die Schulterpartie von Carina Bär. Ganz so, als wolle er sie dafür loben, wie konzentriert sie ihre Stabilitätsübungen in dem nach Gummi und Schweiß riechenden Untergeschoss des Ruderclubs Hansa Dortmund durchgezogen hat. Ein lieb gewonnenes Ritual im Kraftraum des Stützpunktes. Carina Bär streichelt mit der rechten Hand Baskos Fell, die linke bändigt den Labrador Sammy.

Ein Bild der Harmonie an einem (Trainings-)Tag auf dem olympischen Weg nach Rio de Janeiro. Bis August 2016 werden noch einige ablaufen wie jener. Ein Müsli nach dem Aufstehen, knapp 15 Radminuten zur ersten langen Einheit auf dem Wasser, ein Frühstück von Evelin und Peter Barkholtz, den Besitzern von Basko und Sammy. Gymnastik oder Krafteinheit, Mittagessen, Besprechung, Ausruhen, die zweite Einheit auf dem Wasser, ab und an Physiotherapie. Dank der Hunde ignoriert Carina Bär für ein paar Momente die Schwere in den Gliedern. Auf dem elterlichen Hof in Bad Rappenau-Babstadt ist Carina Bär mit Tieren groß geworden. Zu ihnen wie zu ihrer Familie ist das Verhältnis innig. "Gefühlt fahre ich zu selten heim, vielleicht alle sechs Wochen", sagt Carina Bär. "Ich habe zwei Daheims."

Studium und Leistungssport

Seit Herbst 2009 lebt die 25-Jährige in Dortmund, trainiert bei Thomas Affeldt. Aus der Abiturientin ist die Medizinstudentin im 13. Semester geworden, eines von 50 Gesichtern im Jubiläumsvideo der Ruhr-Uni Bochum. Das von Marco Haaf behutsam aufgebaute Talent hat sich als Weltmeisterin entpuppt. "Carina ist im Spitzenbereich gut angekommen", sagt Affeldt. Welch semantische Untertreibung für die Olympia-Zweite.
Nun Rio. Die Spiele in Brasilien. Das nächste Großereignis. Noch zehn Monate entfernt und doch täglich präsent. "Wir sind halt in einem Umfeld, in dem es darum geht", sagt Carina Bär. Um Medaillen. Um Siege. Um Titel. Bis April ist alles offen, dann kämpfen zehn Frauen um die sechs Startplätze im Doppelzweier und Doppelvierer. Das Leistungsprinzip kennt keine Boni für Erfolgreiche, aber "es ist auch kein Nachteil, häufiger dabei gewesen zu sein", sagt Bär. Zuletzt hat sie mit Lisa Schmidla, Marie-Cathérine Arnold und Annekatrin Thiele bei der WM dem Paradeboot der deutschen Skullerinnen als Zweite die Startberechtigung für die Regattastrecke in Rio gesichert. Eine Olympia-Garantie gibt es aber selbst für Carina Bär nicht. Konzentriert sitzt sie in ihrem 12 000 Euro teuren Einer. Schlag auf Schlag. 20 Kilometer, eine Einheit. Alltag. "Carina ist hoch veranlagt, hat top Voraussetzungen", sagt Thomas Affeldt. Und doch reizen sie "die Potenziale, die noch da sind", aus. Ihr Ziel: Im Frühjahr unter den besten Vieren zu liegen. Sportler sind gut beraten, schrittweise zu denken.

Kommandos über Funk

Zwei Graureiher fliegen über den Dortmund-Ems-Kanal, auf dem kleine Nebelschwaden liegen. Trotz des nahe gelegenen Hafens leben hier Kormorane und Kanadagänse. Der Blick schweift über Kohleberge. Mit den Jahren sind die Halden kleiner geworden, gewichen für Logistikzentren wie das eines schwedischen Möbel-Giganten, das 3000 Menschen einen Arbeitsplatz bietet. Es ist 7.36 Uhr, als Thomas Affeldt den Katamaran zu Wasser lässt und sagt: "Dortmund hat sich gewandelt." Er nimmt Platz auf seinem Stuhl, drappiert das Funksprechgerät in Reichweite. Es gibt gemütlichere Arbeitsplätze, doch die Sonne lugt schon hinter den gold-gelb gefärbten Bäumen hervor. "Bis minus drei Grad gehen wir aufs Wasser", sagt Affeldt und zieht sich die Mütze tiefer ins Gesicht. Seine Stirnhöhlen sind nach 29 Jahren Trainerdasein chronisch entzündet. An diesem Tag wird er knapp sechs Stunden auf dem Wasser sein. Auch, um Carina Bär Tipps für eine optimierte Technik zu geben. "Wenn Thomas da ist, kann ich mich besser konzentrieren. Allein will ich alles gleichzeitig verbessern." Rudern ist mehr als Kraft und Kondition.

Seltenes Lob

Ihre Arbeit ist geprägt von Respekt. Die Athletin weiß, dass sie ohne ihren Trainer nicht so weit gekommen wäre – sportlich wie im Studium. "Er sieht sich auch als Wegbegleiter", meint Carina Bär. Zu gut erinnert sie sich an die Anfänge in Dortmund, die sich wie ein Dauertrainingslager angefühlt haben. Jegliches Tun darauf ausgelegt, Spitzenleistungen zu bringen. Bis zu 20 Stunden Schinderei statt zehn bei ihrem Heimatverein, den Heilbronner Ruderschwaben, dazu die Unsicherheit als Erstsemester. Der Alltag, ein Berg. Carina Bär will ihn unbedingt bewältigen, überfordert aber ihren Körper, der sich mit Infekten wehrt. Lernprozesse. Unterstützt durch die sensible Steuerung eines erfahrenen Trainers. Der erwähnt nicht ohne Stolz, dass die Unterländer Sportlerin des Jahres auch in Dortmund zur Besten gekürt worden ist. "Sie ist schon mords begabt", meint Thomas Affeldt, "vielleicht nicht motorisch, aber gepaart mit ihrem Intellekt und der sozialen Kompetenz hat sie eine enorm hohe Umsetzungsrate." Man glaubt ihm, wenn er anfügt: "Es macht nach wie vor super Spaß mit ihr zu trainieren." Lob gibt’s im Leistungssport nicht häufig.

Feiner Charakter

Carina Bär hat sich sportlich entwickelt, ist gereift und hat doch als Mensch ihre Bodenständigkeit und ihren feinen Charakter behalten. Gibt es Diskussionen, bringt sie sich aktiv ein. Was nicht heißen soll, dass in den Trainingslagern, wo der immergleiche Zirkel wochenlang aufeinanderhockt, der Lagerkoller ausbleibt. Im November verbringt Carina Bär zweimal je fünf Tage am Hohenzollernkanal nahe Tegel, im Dezember geht es für drei Wochen nach Porto, im Januar 14 Tage nach Irgendwo, im Februar sind drei Wochen in Portugal geplant, im März geht es nach Sevilla. Carina Bär wäre lieber mehr daheim. Mit Zeit für Freund Florian Mennigen, dem Olympiasieger mit dem Ruder-Achter in London. Knapp fünf Jahre sind sie ein Paar, seit zwei Jahren leben sie in einer gemütlichen Wohnung. Ausgezogen aus der Ruder-WG mit Sebastian Schmidt, ihrem Medizin-Mentor. Eingetaucht in ihren privaten Kosmos, wo unter dem Küchentisch ein großer Karton mit Äpfeln aus Babstadt lagert. Auch in Thomas Affeldts Büro steht eine Schale mit den kleinen Vitaminbomben.

Eine Traumkarriere?

Carina Bär sieht ihre sportive Erfolgs-Zeit weniger pathetisch, eher pragmatisch: "Die Medaille von London wiegt 500 Gramm, und ich sage immer, die ist so schwer, weil da so viel Arbeit drinsteckt." Sie zahlt ihren Preis, verzichtet auf viel. Am schwersten fällt es ihr im Familienverbund. "Wenn meine Mutter 50 wird, und ich kann nicht dabei sein, bin ich schon schlecht drauf." Ehrliche Einblicke.

Carina Bär sitzt beim Frühstück, isst Melone, Brot und Rührei. Das hat ihr Peter Barkholtz noch fix in die Pfanne gegossen. Energie für die nächsten Stunden. Die Tage sind lang. Und zehrend. Obwohl die Ruderer nach drei Wochen Urlaub und einem Athletiklehrgang auf Lanzarote erst im Aufbau stecken. In der Woche addieren sich die Kilometer derzeit auf 150 – später werden es gut und gerne 240. Carina Bär zupft an ihren Fingern herum. Die Blasen plagen. Sichtbare Strapazen der harten Handarbeit. Doch sagen wird sie nichts. So sind sie, die Besten.

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