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Schneller denken

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Wer Fußballprofis nach ihren Freizeitaktivitäten befragt, der kommt um eine Antwort nicht herum: Videospiele sind bei den Kickern sehr beliebt, ob im Mannschaftsbus auf Auswärtsfahrten, auf dem Smartphone, Tablet oder zu Hause auf der heimischen Konsole. Bei der TSG 1899 Hoffenheim versucht man die Lust am Spiel zu nutzen, um die Fußballer besser zu machen. Gamification heißt das Zauberwort und ist wohl am besten als Gehirnjogging durch Videospiele zu beschreiben.

"Wir wollen durch gezielten Einsatz von Videospielen die exekutiven Funktionen der Spieler verbessern. Das sind Bereiche wie Konzentration, Informationsverarbeitung, peripheres Sehen oder das gezielte Ausblenden von unwichtigen Faktoren", sagt TSG-Sportpsychologe Jan Mayer. In seinem Büro auf dem Trainingsgelände schnappt sich der 42-Jährige einen Tablet-PC und startet eine App.

Balljagd

"Ball Hunt" heißt das Spiel. Für kurze Zeit sind auf dem Bildschirm gleichzeitig ein Fußball und ein Trikot mit einer Nummer zu sehen. Dann verschwinden sie. Der Spieler muss zunächst die Position des Balles, dann die richtige Nummer auf dem Trikot angeben. Je höher der Schwierigkeitsgrad, desto kürzer erscheinen die Gegenstände, desto weiter auseinander sind sie. In einer anderen App wiederum bewegen sich mehrere Figuren über ein Spielfeld. Dabei muss der Spieler zwei von ihnen gleichzeitig im Auge behalten.

Vor etwa acht Jahren haben Mayer und sein Team damit begonnen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. "Damals kam der frühere Torwarttrainer Zsolt Petry und suchte nach einer Möglichkeit, seine Keeper noch mehr zu fordern und zu fördern. Er wollte, dass sie schneller im Kopf werden", sagt Mayer. Die ersten Schritte auf dem Gebiet waren dann noch analog. "Mit Büchern und Memory-Spielen haben wir angefangen", erinnert sich Mayer. Erst durch den Einstieg der Softwarefirma SAP und deren Wunsch, sich mit dem Know-how auf ihrem Gebiet unterstützend einzubringen, kam auch die Technik dazu. "Am Anfang wirst du da natürlich ein wenig belächelt. Da kommt der Psycho und macht Videospielchen, heißt es dann", erzählt der Sportpsychologe augenzwinkernd. Mittlerweile ist der positive Effekt durch Studien belegt. "Es wurde nachgewiesen, dass bessere Spieler auch schneller im Kopf sind."

Der 42-Jährige unterscheidet zwischen zwei Denkprozessen im Gehirn. "Es gibt zum einen das schnelle Denken. Das ist all das, was unterbewusst abläuft. Reflexe, Intuition, alles, was lange erlernt ist", sagt der 42-Jährige. "Wichtig ist auch das sogenannte langsame Denken. Das sind die bewussten Entscheidungen. Auf den Fußball übertragen sind das Situationen, in denen ich entscheiden muss, welche taktische Aufgabe ich in einem Moment habe, auf welche Art und Weise ich mich zu meinem Mit- und Gegenspieler stellen muss, wann ich umschalten muss", so der Sportpsychologe.

Mittlerweile hat sich das Projekt mit der 180-Grad-Helix enorm weiterentwickelt. Die Spiele werden auf eine gewölbte 180-Grad-Leinwand projiziert, was der Realität auf dem Fußballplatz durch die räumliche Komponente deutlich näher kommt.

Und das Spielen scheint Früchte zu tragen. "Jedes Jahr absolvieren die Jungs verschiedene Tests in den entsprechenden Kategorien. Wir haben festgestellt: Diejenigen, die spielen, steigern sich in der Konzentration um zehn Prozent und in der Informationsverarbeitung um zwei Prozent im Vergleich zu denen, die nicht spielen", sagt Mayer. Die Diagnostiken sind für die Spieler verpflichtend, die Teilnahme an den Spielen nicht.

Die Daten gehen an die Trainer, die geben dann lediglich eine Empfehlung an die Kicker. "Mittlerweile haben wir zum Beispiel bei der U 23 eine schöne Regelmäßigkeit drin. Da kommen acht oder neun Mann einmal die Woche vorbei", sagt Jan Mayer. Und auch die Profis seien zweimal die Woche da. Durch verschiedene Scoreboards entsteht auch ein Wettbewerb: "Jeder will besser sein als der andere, bei allen Kickern ist das wichtig und eine schöne Motivation."

Zusammenspiel

Bei all der rasanten Entwicklung bleibt die Komponente nur ein Teil eines kompletten Fußballers. "Das ist ein Stück in einem Rädchen. Es deutet alles darauf hin, dass dieser Bereich im Fußball immer relevanter wird. Dennoch gibt es Möglichkeiten, Defizite durch andere Faktoren wie maximale muskuläre Schnelligkeit, Erfahrung oder technisches Geschick zu kompensieren. Es ist alles ein Zusammenspiel. Ein guter Laktatwert allein schießt auch noch keine Tore." Wie in der Bundesliga gerade bei den Hoffenheimer Profis zu sehen ist.

 

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