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Dieses Gefühl der Schwerelosigkeit ist es, warum er nicht davon lassen mag. Und das gleich dreimal hintereinander. "Das ist einfach grandios. Die Flugzeit ist extrem lang.“ Keck schiebt Max Heß nach: "Wenn man es richtig macht.“ Wer einen solch flotten Dreier hinlegt, auf federleichte und doch kraftvolle Art Weite schindet, darf das. Die Addition aus Hop, Step und Jump ergeben bei dem Mann aus Chemnitz im Finale am Samstagabend 17,20 Meter. Max Heß ist Europameister. Eine Überraschung!

Immer im Kopf

Der Goldjunge aus der Grube. Einzig Jörg Drehmel hat diesen Titel mal geholt. Vor 45 Jahren. 1971 also, weit bevor sein Name in den Doping-Unterlagen der DDR auftaucht. "Das habe ich noch nicht verkraftet und verarbeitet“, sagt Max Heß in der lauen niederländischen Nacht. Alles vergeht wie im Fluge – der Wettkampf mit dem Sieg vor dem Polen Karol Hoffmann (17,16), die Medaillenzeremonie. Max Heß treibt es den Schweiß aus allen Poren ehe er sagt: "Als ich auf dem Siegerpodest stand, dieses Feeling wird für immer in meinem Kopf sein.“ Dass er die Hymne mitsingt, kommt einfach aus ihm heraus. Den Text hat er im Kopf.

Gina Lückenkemper kennt dieses Gefühl schon. Sie gewinnt Bronze über 200 Meter und gestern mit der Sprint-Staffel in 42,48 Sekunden nochmals. "Ich habe mir ein Loch in den Bauch gefreut, wahrscheinlich habe ich jetzt schon zwei Bauchnabel“, sagt die Frau aus Soest. Die beiden Jüngsten in der 100 Athleten starken deutschen Mannschaft erhaschen das Momentum, Medaillen und mediale Aufmerksamkeit. Süße 19 sind sie. Hoffnungsträger. Behandelt als Gesichter der Zukunft.

Mitgereist, um zu lernen. Abgeflogen mit der Gewissheit, dazu zu gehören zum erlesenen Kreise jener, die sich in vier Wochen bei Olympia mit dem Rest der Leichtathletik-Welt messen. Max Heß, dieser Jungspund mit dem artigen Seitenscheitel mag weite Sätze, aber keine großen Sprüche: "Erwartungen habe ich an mich keine, die werden von außen vorbestimmt“, sagt der, der nun die viertbeste Weite weltweit als Referenz mit sich trägt.

Mit ihrer unverkrampften, offenen Art gelingt es auch Gina Lückenkemper nicht nur auf der Tartanbahn leicht aufzufallen. "Die Lockerheit ist mir sehr wichtig. Das brauche ich einfach“, sagt der Teenager aus Soest. Wie Max Heß. "Er ist ziemlich cool, keiner, der sich verrückt macht“, sagt sein Trainer Harry Marusch. "Die Coolness hat er von mir.“ Stolze Worte von Mama Andrea, die neben Mann Andreas und Paula, der Freundin des Filius’, glückselig das Gold betrachtet.

Jugendliche Unbekümmertheit als Rezept für Erfolge? "Zu allererst braucht es Talente“, sagt Cheftrainer Idriss Gonschinska, "sonst bringt alle Methodik nichts.“ Gina Lückenkemper und Max Heß sind Talente. "Wir waren schon in der Jugend relativ erfolgreich und auf einem guten Weg“, sagt der Hallenvizeweltmeister. Silber bei der U20 für ihn, Gold für sie. Bei ihren EM-Premierenauftritten zeigen sie höflich Respekt vor dem Alter und ignorieren es doch, weil sie unbelastet ihre Chance wittern. "Was bei mir die vergangenen zwölf Monaten abgegangen ist, das ist schon megakrass“, sagt Gina Lückenkemper. Training, Titel, zwischendrin das Abitur mit 2,6 (Heß verkündet einen Notenschnitt von 2,3) – und dann auch noch die gesundheitlichen Problemchen ausgetrickst. Ein fester Muskel. Tief drinnen. Der hat Gina Lückenkemper seit Mitte Juni irritiert. In Amsterdam rennt sie mit Tape. "Es ist vor allem eine Stütze für meinen Kopf“, sagt die Gelassene, "er soll wissen, dass alles gut ist. Es ist eigentlich ein Kopf-Tape.“

Muskelfaserriss

Auch Max Heß erinnert sich. Vergangenes Jahr, um diese Zeit, plagt ihn ein Muskelfaserriss im Beuger. "Da sah es nicht so aus, dass ich wieder 16 Meter springe.“ Geschweige, dass er Europameister wird. Mit seinem Trainer und Nachwuchschef Charles Friedek arbeitet er gezielt und konzentriert am Technik-Leitbild, so verfolgen sie den geschwindigkeitsorientierten Dreisprung. Heißt wenig Tempo verlieren, um weit zu springen. Dass im Stadion am Samstag ein Druckpunkt im Fuß schmerzt, blendet Max Heß aus. Sein lockerer Kommentar: "Da war die Siegerehrung erstmal wichtiger.“

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