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Olympia hautnah erleben

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Schnell sind sie beide. Die eine mit ihrem Rad auf der Bahn, die andere zu Fuß. Die mit dem Bahnrad ist Olympiasiegerin, Sprinterin Gina Lückenkemper ist das erste Mal bei Olympia dabei. Im Doppel-Interview sprechen sie über Gegensätze und ihre Ziele.

Frau Welte, erzählen Sie doch Gina Lückenkemper mal, worauf sie sich bei Olympia freuen darf.

Miriam Welte: Du kannst dich auf jeden Fall freuen, es wird genial. In London war es durch das enge Zusammenleben tatsächlich so, dass man die anderen Athleten kennenlernt. Man hat ja sonst nicht so viel Kontakt miteinander. Bei den Spielen 2012 haben wir es beim Essen so gemacht: Wenn man irgendwo ein deutsches Shirt gesehen hat, hat man sich einfach dazugesetzt und gesagt: Hi, wer seid ihr? Ich bin die Miriam. Alle sind super drauf, das motiviert zu richtig guten Leistungen.

Gina Lückenkemper: Darauf freue ich mich wirklich. Man ist ja sonst immer nur mit den Leichtathleten unterwegs.

Wann hatten Sie den Moment, in dem Sie erkannt haben, dass es für Sie weit nach vorn gehen könnte?

W: Anfangs habe ich gedacht, Olympiasieger gibt es nur im Fernsehen. Meine Erinnerungen gehen zurück nach Sydney, Cathy Freeman über 400 Meter, da war ich mega beeindruckt. Das wollte ich auch mal gerne erleben. Aber daran geglaubt habe ich erst, als ich Anfang 20 war und klar war, dass der Teamsprint olympisch wird. Da habe ich mir gesagt: Ok, jetzt kannst Du es schaffen. Das war 2010.

L: Zum ersten Mal habe ich damit geliebäugelt, als ich in der Jugend das erste Mal das Nationaldress trug. Das hat sich dann immer weiterentwickelt. Und jetzt ist wirklich mega geil, dass ich in Rio dabei sein werde.

Unterscheidet sich Ihr Trainingsaufwand?

W: Ich hab fünfmal die Woche zwei Mal am Tag Training. Und einen Tag dann nur ein Mal. Sonntags habe ich frei – wenn ich zuhause bin. Aber: Im Trainingslager wird auf freie Tage keine Rücksicht genommen. Der Fokus lag lange auf Krafttraining, weil das entscheidend bei uns ist, um die Gänge zu bewegen. Wir müssen im Gegensatz zu den Leichtathleten auch das Fahrrad noch beschleunigen. Das sind nochmal sieben Kilo mehr.

L: Ok, wir trainieren definitiv unterschiedlich.

Der Start dürfte bei allen Unterschieden für beide ähnlich wichtig sein.

W: Es kommt bei uns beiden extrem auf den Start an. Und ich habe im Vergleich zu Gina den Vorteil, dass wir dann den Countdown haben. Die Maschine öffnet immer gleich, der Countdown geht von 50 Sekunden auf Null – und bei Null geht’s los. Ich kann das trainieren. Aber Gina kann den Kampfrichter im Training eben nicht neben sich stellen.

L: Das ist in der Tat ein Problem. Der eine Kampfrichter wartet länger, der andere schießt total schnell. Das ist ein Riesenunterschied. Schwer zu kontrollieren.

Sie haben kürzlich gesagt, der Start sei Ihre Baustelle.

L: Wir haben in der Vorbereitung sehr viel auf die Starttechnik geachtet. Ich hatte immer ein Problem mit der Vorlage. Damit tue ich mich noch schwer. Das hat auch mit der Kraft zu tun, weil ich eben nicht so die Kraftläuferin bin. Aber wir haben das hart trainiert.

Ihr Sport ist keine Garantie für ein Leben in Reichtum und Sorglosigkeit. Was machen Sie neben dem Sport?

L: Ich habe gerade erst mein Abi gemacht.

W: Und ich habe dieses Jahr zehn Jahre Abitur. Ich war zwei Jahre bei der Bundeswehr in der Sportfördergruppe, danach in der Sportfördergruppe der Polizei. Ich bin seit drei Jahren fertig, seit Januar als Polizeikommissarin verbeamtet.

L: Ich orientiere mich gerade, was ich überhaupt will. Die Zeit hatte ich bisher nicht. Ich mache Praktika, etwa beim lokalen Radiosender in Soest. Und dann schauen wir mal.

Wie erleben Sie Konkurrenz?

L: Es kommt schon auf die Charaktere an, ob man auch als Team funktioniert. Wenn man das wirklich will, dann kann man auch ein Team sein. Bei uns klappt das auch zum Großteil. Mit manchen Mädels habe ich auch privat Kontakt. Auch wenn die Konkurrenz natürlich vorherrschend ist.

W: Das ist bei uns genauso. Aber ich bin mit meiner Partnerin im Teamsprint, Kristina Vogel, ja nur zu zweit. Wir verstehen uns super gut, sind durch Höhen und Tiefen gegangen. Wir hatten mal Phasen, da ging es bei ihr besser und umgekehrt. Uns hat es so weit gebracht, dass wir zusammenhalten und uns gut verstehen. In den Einzeldisziplinen ist dann Krieg – das ist auch klar.

Miriam Welte ist schon Olympiasiegerin. Das Ziel ist für Sie, Gina Lückenkemper, eher unrealistisch.

L: Es ist außer Reichweite, wenn man sich den internationalen Frauen-Sprintbereich anschaut. Wir sind auf einem guten Weg. In der Staffel haben wir sicher die größte Chance. Ich traue unserer Staffel schon zu, dass sie es in Rio bis ins Finale schafft.

Haben Sie Ihren größten Erfolg schon hinter sich, Frau Welte?

W: In London war es verrückt. Wir sind als Weltmeister hingefahren und nur Dritter nach der Quali gewesen. Dann rutschen die Briten raus, und wir kommen ins Finale. Dann kann auch China nicht richtig wechseln und wir haben Gold. London war ein Wechselbad der Gefühle. Ich habe lange gebraucht zu verstehen, dass mir dieses Gold wirklich gehört. Ich würde das wahnsinnig gerne nochmal in Rio erleben. 

Ist Ihr Ziel das zweite Gold?

W: Klar, wenn man es einmal hatte, will man es wieder. Es ist mein Traum. Ich würde mich auch über eine andere Medaille freuen. Aber: Ich will auf dem Podest stehen und wäre traurig, wenn das nicht klappt.

Spielt Nervosität eine Rolle?

L: Für mich ist es pure Vorfreude. Mit Nervosität habe ich nicht so viel am Hut.

Wie sehr beschäftigen Sie sich mit den Dopingdiskussionen dieser Tage?

L: Ich beschäftige mich damit nicht so sehr. Ich weiß, dass ich regelmäßig kontrolliert werde. Und ich weiß, dass ich sauber bin. Aber: Ich bin auch durchaus froh, dass ans Licht kommt, was da mancherorts abgeht.

Die Kontrollen nehmen zu?

L: Ich werde noch nicht so wahnsinnig oft kontrolliert, aber der Aufwand, seit ich in dieses Adams-Programm reingerutscht bin, ist wahnsinnig. Dieses Programm ist ein Big Brother, den man füttern muss. Wir müssen alles angeben: Übernachtungsort, Adresse. 

W: Du musst mehr mitdenken. Ich bin schon nachts wach geworden und habe gemerkt, dass ich das Eintragen vergessen habe. Das war zu einer Zeit, als es die App nicht gab. Da habe ich mich hingesetzt und war hellwach. Ich finde es auch gut und hoffe, dass es die anderen Nationen genau so umsetzen. Richtig kontrollierbar ist das nicht, aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Worauf freuen Sie sich in Rio?

L: Auf die Atmosphäre, ich kenne das alles nicht, es ist für mich eine neue Erfahrung.

W: Ich freue mich auf meinen eigenen Wettkampf und hoffe dann, dass ich so viel wie möglich mitnehmen kann an anderen Höhepunkten. Wir sind ja beide erst in der zweiten Olympia-Woche dran.

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