Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Victory-Zeichen? Nein, zwei Finger, Platz zwei

Übersicht

Der Blick von Sandy Kühnle sagte alles, die Worte der Favoritin waren nur der passende Untertitel: "Ich glaube, ich kann dir gratulieren. Das war nicht so“, sagte die Dressurreiterin zu Ann-Kathrin Lindner. Die 20-Jährige vom TSV Weinsberg bekam noch leuchtendere Augen. Sollte der Jüngsten des Neunerfeldes, das gestern Mittag in der Stuttgarter Schleyerhalle in der Kür um den iWest-Cup geritten ist, tatsächlich die große Überraschung gelungen sein? Und sollte sie nach vier zweiten Plätzen in dieser Saison mit Rubin-Renoir endlich den einen Sieg bei einer Zwei-Sterne-S-Prüfung geholt haben, der ihr noch für das Goldene Reitabzeichen fehlt?

Ann-Kathrin Lindner lief zum Monitor, auf dem endlich das Resultat der Jury aufleuchtete, drehte sich um, machte das Victory-Zeichen – und schaute wie zuvor Sandy Kühnle: Nein, kein Victory-Zeichen. Sondern zwei Finger: Zweite, schon wieder Zweite.

Subjektive Dressur

"Für mich hat Ann-Kathrin gewonnen“, sagte Dieter Melwitz, Vorsitzender des Pferdesportkreises Franken. "Sie hatte eine sehr, sehr schwere Kür und alles ist geglückt. Sie war fehlerfrei.“ Entsprechend war sie hin und hergerissen. "Ich weiß, dass ich mich freuen sollte, aber da sind halt die Gefühle“, sagte Lindner, die als Siebte ins Viereck geritten und nach ihrer beeindruckenden Kür ihrem 14-jährigen Hengst um den Hals gefallen war. Sieg in der Schleyerhalle und dazu das goldene Reitabzeichen, das wäre es gewesen. Die Jury sah Amaretto und die Hohenloherin Sandy Kühnle aus Saurach, das finale Paar, besser. So ist die (subjektive) Dressur.

Während sich die erst am Samstag aus dem Urlaub zurückgekommene und am Dienstag ins Schleyerhalle-Feld nachgerückte Kühnle im Viereck mehr oder weniger schlecht gefühlt hatte und gut bewertet wurde, war es bei Dagmar Melwitz (RV Ilsfeld) und Woody umgekehrt: "Ich muss da nachher mal ins Protokoll schauen, aber es war hier dennoch ein tolles Erlebnis.“ Mit 67,850 Punkten wurde sie Achte. Renate Gohr-Bimmel ("Ann-Kathrin hätte ich es gegönnt“) wurde mit Senegal (70,950) Dritte.

Die für die PSG Wellerhof Aspach startende Ilsfelderin war mit ihren 55 Jahren die älteste Starterin im Feld – und ist die Rekordhalterin: Sie trat zum 13. Mal im Vergleich der besten baden-württembergischen und bayerischen Dressurreiter an, mit neun verschiedenen Pferden hat sie sich qualifiziert. "Cool“, findet das die Pferdewirtschaftsmeisterin. Und einfach nur "schön“ findet Dieter Melwitz das Abschneiden der drei Ilsfelderinnen: "Auch wenn Renate und Ann-Kathrin mittlerweile für andere Vereine starten: sie sind noch passive Mitglieder bei uns“, sagte der stolze Erste Vorsitzende des RV Ilsfeld. Drei der neun Dressur-Asse aus Süddeutschland kommen aus dem 10.000-Einwohner-Ort – bemerkenswert.

Sport als Hobby

Bemerkenswert ist auch der Weg von Ann-Kathrin Lindner. Vor einem Jahr hat sie sich freiwillig aus dem Landeskader der Jungen Reiter zurückgezogen. "Die Lehrgänge und die Schule haben nicht mehr zusammengepasst“, sagte die angehende Physiotherapeutin, die "hoffentlich im September“ in Heilbronn ihre Ausbildung beendet. "Reiten wird immer ein Hobby bleiben“, sagte sie. Dieselben Worte sagte gestern auch ihr in der Schleyerhalle Daumen drückender, zwei Jahre älterer Bruder, Springreiter Pascal Lindner. Ein Hobby macht Spaß. Zu einem Hobby hat man Distanz – aber Ann-Kathrin Lindner war gestern so nah dran.

So bleibt Patrick Maurer (RV Bad Friedrichshall) mit Quickfire der einzige iWest-Cup-Sieger (2003) aus der Region. Vorerst. Ann-Kathrin Lindner weiß, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie den ihr zum Goldenen Reitabzeichen fehlenden S**-Sieg holt. Aber es scheint auch nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Rubin-Renoir verkauft wird: "Ich weiß nicht, was passiert. Aber jetzt ist erst einmal Wettkampfpause."

Richter per Handy

Zum zweiten Mal können Zuschauer beim Stuttgarter Reitturnier Noten geben: per App. Auf dem Smartphone können während beziehungsweise direkt nach dem Ritt Einzelnoten oder eine Gesamtnote eingegeben werden. Wer am nächsten am Endergebnis der offiziellen Jury liegt, wird prämiert. Die Zuschauer (72,595 Prozentpunkte) lagen übrigens beim iWest-Cup deutlich unter der Wertung für Sandy Kühnle (75,350) – auch bei Ann-Kathrin Lindner (74,800/72,341).

 

 

Galerien

Regionale Events