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Plötzlich Papa von elf Jungs

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Auf dem Jahreskalender in der Küche sind alle wichtigen Geburtstage eingetragen. Am 24. Dezember ist da der Name Jesus zu lesen. Sechs Tage später findet sich der Eintrag: LeBron. Gemeint ist US-Basketball-Star LeBron James, auch King James genannt. Dass sein Geburtstag in einer Reihe mit dem des Königs der Juden steht, ist in diesem von außen unscheinbaren Haus im Ulmer Stadtteil Söflingen eine Selbstverständlichkeit. Denn hier wohnen elf der besten Nachwuchsbasketballer der Republik. Leiter des Ulmer Basketball-Internats ist ein Handballer aus Weinsberg. "Ich bin hier alles“, sagt Stefan Arnold. "Von der klassischen Hausfrau, über den Buchhalter bis zum Lebensberater.“ 

Talent ausbauen 

An diesem klirrend kalten Februarvormittag ist es still im Haus. Die 14- bis 16-jährigen Bewohner sind alle in den nahegelegenen Schulen. Ein großer Korb mit Laugenbrötchen und Brezeln zeugt noch von den Frühstücksaktivitäten. Ebenso wie die Krümel auf dem Esstisch. Ansonsten herrscht Ordnung im Haushalt der zwölf Männer. Ein Grund dafür hängt an der Magnet-Tafel: der Küchenplan. Täglich wechselnd ist einer der Jungs für die Sauberkeit verantwortlich. "Unser wichtigster Baustein ist hier natürlich, das basketballerische Talent auszubauen. Der zweite Baustein ist ein ordentlicher Schulabschluss. Nicht weniger wichtig ist uns aber, dass die Jungs lernen, ein selbstständig organisiertes Leben zu führen“, erklärt der 43-jährige Arnold beim entspannten Kaffeeplausch. Immer dienstags muss einer der jungen Basketballer das Abendessen für alle Hausbewohner bereiten – an den anderen Tagen übernimmt das ein Koch. Für ihre Wäsche sind die Jungs immer selbst zuständig. "Wer die roten Socken mit den weißen T-Shirts wäscht, muss dann eben mal in Rosa rumlaufen“, schmunzelt Arnold. Das gehört zum Lernprozess. Einen Rundumservice gibt es hier nicht, dafür wohnen alle kostenfrei. Mithilfe von Kooperationspartnern finanziert der Verein die Stipendien.

Leitspruch 

"Ich muss hier viel mehr selbst machen als zu Hause“, sagt Alexander Rib. Der Amorbacher ist heute als erster aus der Schule zurückgekommen. Seit Schuljahresbeginn wohnt der 15-Jährige im Internat. Das Basketballspielen hat er bei den Neckarsulm Lions gelernt, über Ludwigsburg und Crailsheim ist er im Sommer schließlich nach Ulm gekommen. In seinem spartanisch eingerichteten Zimmer stehen wie in allen anderen ein Schrank, ein Schreibtisch und ein Bett. Über dem hängt ein Spruch des früheren Baseball-Profis Derek Jeter: "Möglicherweise gibt es Menschen, die mehr Talent haben als du. Das ist aber keine Ausrede dafür, nicht härter zu arbeiten.“ Diesen Leitspruch bekommt jeder der jungen Sportler ausgehändigt. Und sie befolgen ihn in der Hoffnung auf die Erfüllung des großen Traums: Basketballprofi werden. Erst einmal im Bundesligateam der Ulmer. Später womöglich in der nordamerikanischen Profiliga NBA. "Man muss sich raffen. In der Schule, im Training, im Alltag. Aber seit ich hier bin, habe ich riesige Fortschritte gemacht“, sagt Rib.

Um die Entbehrungen seiner jungen Mitbewohner weiß auch Arnold, der selbst in einer größeren Wohnung im Haus lebt und somit 24/7 ansprechbar ist: "Wir nehmen ihnen viel weg.“ Ferien beispielsweise. Eine Woche frei gab es über Weihnachten. Im Sommer sind es bei den meisten gerade einmal zwei Wochen. Viele Familien wohnen weit entfernt, die Trennung von Eltern, Geschwistern und dem Freundeskreis kann sehr belasten. Bei den ausländischen Spielern kommt noch die sprachliche Hürde hinzu. Das alles in der ohnehin schwierigen Pubertätsphase. Einmal in der Woche führt Arnold mit jedem seiner Schützlinge ein Einzelgespräch.

Basketball ist Nummer eins 

Die Schule ist ein zentrales Thema, aber eben auch persönliche Probleme wie eine Verletzung, Heimweh oder die erste Freundin. Wie es um erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht steht? "Ich bin hier zwar für den Nachwuchs eingestellt worden, aber nicht in diesem Sinne“, lacht Arnold. Für erste amouröse Erlebnisse gibt es klare Regeln. Mit Erlaubnis der Eltern sind Übernachtungen bei der Freundin erlaubt. "Für die Jungs ist Basketball aber die klare Nummer eins. Der Sport geht immer vor“, erklärt Arnold.

Über die Stränge schlagen seine Jungs so gut wie nie. Wenn ab 23 Uhr Nachtruhe herrscht, sind alle nach Schule und Training viel zu müde, um irgendwelchen Unsinn anzustellen. Früh am nächsten Morgen klingelt außerdem wieder der Wecker. An den Wochenenden stehen Spiele auf dem Programm. Jeder der Jungs spielt in mindestens zwei Teams. Altersgerecht und eine Jahrgangsstufe höher. Eine gewisse Überforderung ist Teil des Entwicklungskonzepts. Ist die Wachstumsprognose nicht gut genug, kann die große Sportkarriere früh futsch sein. Nur für ganz wenige wird sich ihr Traum erfüllen. Im Grunde stehen sie alle in Konkurrenz miteinander. Trotz dieser Härten betont Arnold: "Es sind immer noch Kinder.“ Ein Stück weit auch seine. "Ich bin vor drei Jahren plötzlich Papa von elf Jungs geworden.“ Sehr großen Jungs, die ihren Papa allesamt überragen. Und höchst unterschiedlichen, was die kulturellen Hintergründe angeht. Da ist Fingerspitzengefühl beim WG-Papa gefragt. "Ehrlichkeit ist der zentrale Wert. Zudem bin ich sehr geduldig“, sagt Arnold. Wenn sich eines der männlichen Wesen weigert, irgendwelche Küchendienste zu erledigen, dann beharrt Arnold erst einmal nicht darauf. Droht nicht mit Sanktionen. Gibt einen Tag Zeit zum Nachdenken. "Vieles leben die anderen Sportler vor – gerade die älteren. Dann werden die Regeln schnell akzeptiert.“

Chefkoch 

Darunter sind auch kuriose. "Nutella ist rationiert. Auf maximal zwei 750-Gramm-Gläser pro Woche“, zählt Arnold auf. "Ketchup darf erst aufs Essen, wenn vorher wenigstens ein Bissen ohne probiert wurde.“ Die geschmackliche Qualität manch eines von seinen Jungs zubereiteten Abendessen, lässt tatsächlich zu wünschen übrig. Das findet auch Adam Krasovec. Der 2,07-Meter große 16-Jährige ist mittlerweile Chefkoch des Hauses. "Es gibt eine Facebook-Seite für schnelle Gerichte. Manchmal rufe ich auch meine Mama an, um zu fragen, was ich kochen könnte“, erklärt er die Rezeptauswahl. Nudeln mit Tomatensauce von seinen Mitbewohnern hatte der Junge aus Budapest gründlich satt. Bei ihm gibt es an diesem Tag Puten-Cordon-Bleu in Käse-Sahnesauce. Dazu Ofenkartoffeln. Trotz seiner Größe kann der Ungar bequem arbeiten. Die Arbeitsflächen sind deutlich höher als üblich. Ebenso wie die Türrahmen im Haus. "Willst du die Kartoffeln nicht wenigstens vierteln, bevor du sie backst?“, fragt Arnold. "Nee, das passt schon“, ist sich Krasovec sicher und schiebt das Backblech mit den ungeschälten, ungeschnittenen Kartoffeln in den Ofen.

Arnold lässt’s geschehen. Ein weiterer Teil des Lernprozesses. Der Internatsleiter steckt ohnehin in der Trainingsvorbereitung. Für die von ihm betreute Frauenmannschaft des SC Lehr. Die spielen allerdings Handball. "Basketball schaue ich zwar gerne an, aber ich habe keine Ahnung davon.“ Das ist vielleicht auch eine Eigenschaft, die seine Jungs am WG-Papa schätzen. Denn Basketball bestimmt ohnehin ihr Leben.

 

 

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